Nach dem Mord an einem Polizisten in der Nähe von Paris und den Hooligan-Krawallen im Rahmen der EM 2016 wird die französische Polizei von Experten aus ganz Europa kritisiert. Es fehle vor allem der Austausch mit den Behörden aus anderen Ländern, heisst es. Doch es gibt auch Stimmen, welche die französischen Beamten in Schutz nehmen.

Während des tödlichen Angriffs auf einen Polizisten und seine Familie in Frankreich hat sich der Täter auf die Terrororganisation "Islamischer Staat (IS)" berufen. Nachdem er den 42-jährigen Beamten und dessen Ehefrau mit Messerstichen getötet hatte, verschanzte er sich in dessen Haus im westlichen Umland von Paris.

Gleichzeitig erschütterten Hooligan-Krawalle die Fussball-Europameisterschaft. Viele Fans fragen sich, ob die französische Polizei eine Mitschuld an der desolaten Sicherheitslage trägt - und was die Behörden jetzt für einen friedlichen, weiteren Verlauf der EM tun.

Sicherheitsexperte nimmt französische Polizei in Schutz

Der Journalist Rolf Tophoven ist Direktor des "Instituts für Krisenprävention" (IFTUS) in Essen. Im Interview mit dem "Deutschlandfunk" nahm er die französische Polizei im Falle des radikalen Einzeltäters in Schutz: "Das ist eine sehr sensible Geschichte für die Sicherheitsbehörden", sagte Tophoven.

"Das grosse Problem für uns sind jene Täter, die wir nicht auf dem Schirm haben". Das seien diejenigen, die plötzlich aus der Deckung der Anonymität herauskommen. "Das ist wahrscheinlich auch durch die beste polizeiliche Aufklärung kaum zu verhindern", betonte Tophoven.

Für die französische Polizei sei das grösste Problem die Vielzahl von sogenannten Gefährdern und die Schwierigkeit zu unterscheiden, wer tatsächlich einen Terrorakt plant und wer sich "nur" in anderen kriminellen Bereichen bewegt. Viele der späteren Einzeltäter kommen Tophoven zufolge aus dem Drogenmilieu, aus der sogenannten Kleinkriminalität.

Man habe sie gekannt, aber man habe nicht die erforderlichen Erkenntnisse gehabt, um sie in die terroristische Szene einzuordnen. "Also liess man sie laufen, oder sie wurden nach einer kurzen Haftstrafe freigelassen".

Wie soll die französische Polizei möglichen Täter erkennen?

Bei Hunderten von Anschlagsdrohungen sei es für die französische Polizei sehr schwierig in jedem Einzelfall eine Güterabwägung zu treffen und "die innersten Gedanken, die Tatvorbereitung für eine terroristische Operation" zu erkennen.

Hinzu komme, dass sich durch den Terror-Aufruf der Miliz auch Attentäter mit dem Logo "Islamischer Staat" schmückten, die eigentlich nur wenig mit der Organisation zu tun haben. Diese Menschen glauben, dass sie sich "in einer Art Aufwertung befinden, wenn sie unter dem Logo, unter der Kampfführung des Islamischen Staates hier kämpfen", betonte Tophoven.

Gerade weil es im Vorfeld keine Verbindung zu der Terror-Organisation gebe, sei es sehr schwierig die Täter zu stoppen. Vor allem dann, wenn sie sich ohne längere Planung und spontan für den Terrorakt entscheiden.

Deutliche Kritik am Umgang der Polizei mit den Hooligans

Während Tophoven im Fall des IS-Einzeltäters kein Versagen der französischen Polizei erkennen will, äusserte er deutliche Kritik am Umgang mit gewaltbereiten Hooligans. Im Vergleich zu Deutschland fehle "der polizeiinterne Austausch mit Behörden aus dem Ausland. Vieles fliesst an Erkenntnissen von Frankreich nicht nach Deutschland", sagte Tophoven.

Diese Einschätzung teilen viele Experten in Europa. Doch inzwischen kritisieren Beobachter nicht nur den fehlenden Austausch mit den Nachbarstaaten, sondern auch die konkrete Polizeiarbeit vor Ort.

"Ehrlich gesagt ist es ein wenig erschreckend, dass die Franzosen die Standards der letzten 15 Jahre im Umgang mit Problem-Fans nicht wahrgenommen oder ignoriert haben", sagte Helmut Spahn, Sicherheitschef der WM 2006, der "Bild". Er prophezeite ein düsteres Bild für die kommenden Wochen: "Ich glaube, dass sich die Probleme bei dieser EM kurzfristig nicht mehr lösen lassen."

Britischer Experte kritisiert fehlenden Dialog mit den Fans

Wie eine andere Form Polizeiarbeit aussehen könnte, analysierte der britische Sicherheitsexperte Ian Whitfield von der John Moores University in Liverpool. "Auf den Bildern, die ich vom Turnier gesehen habe, konnte ich nur wenig Engagement erkennen", sagte Whitfield gegenüber "Euronews".

Die französische Polizei baue "auf zahlenmässige Überlegenheit und auf Kampfausrüstung", statt das Gespräch mit den internationalen Fussball-Fans in einer Art Partnerschaft auf Augenhöhe zu suchen.

In Grossbritannien dagegen "bauen wir auf Dialog mit den Fans schon in einem frühen Stadium", so Whitfield. Wenn man schon im Vorfeld eine Beziehung mit den Vereinen aufbaue, "dann schafft man es, dass die, die auf Konfrontation oder Krawall setzen, von ihren Kumpels davon überzeugt werden können, sich ruhiger zu verhalten".

Da zahle sich die Nähe zur Polizei in Form von Einsicht aus, "denn sie schätzen es, dass das grundlegende Ziel die Sicherheit der Fans ist, und dass dafür gesorgt wird, dass alle eine schöne Zeit haben", betonte Whitfield. Von dieser Kultur der Deeskalation sieht der britische Experte die französischen Behörden aktuell weit entfernt.

"Die Bilder zeigen, dass die französische Polizei der Lage stets hinterherrennt", betonte Helmut Spahn in der "Bild". "Das war ja auch im Stadion so, als erst mal gar nichts passierte, bis die Spezialeinheit kam". Als Polizei müsse man aber schon aktiv werden, bevor sich die Ausschreitungen überhaupt richtig entwickeln.

Düstere Prognose: Noch mehr Polizei, noch mehr Gewalt

Spahns Prognose für die Sicherheit bei den kommenden Spielen fällt düster aus: "Es werden noch viel mehr Polizisten zu den Spielen geschickt". Das könnte laut Spahn erst recht provozieren "und zu noch wüsteren Schlägereien führen".