Mario Gomez' Rücktritt aus der Nationalmannschaft ist aus mehreren Gründen nachvollziehbar. Der stets umstrittene Angreifer hat aber einen sauberen Abgang hinbekommen - und das ist dieser Tage schon bemerkenswert genug.

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Nun ist es also vorbei für Mario Gomez. Der Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft nach 78 Spielen und 31 Toren ist ein wichtiges Signal - an die Jugend und an die Zukunft jener Mannschaft, die auch Wochen nach dem desaströsen Aus bei der Weltmeisterschaft noch durchgeschüttelt wird und einfach nicht zur Ruhe kommt.

Gomez' Abgang war zu erwarten. Wer den Stuttgarter ein wenig näher kennt und wer vor allen Dingen seine wechselhafte Karriere im Nationaltrikot genauer verfolgt hat, den dürfte die Entscheidung nicht überrascht haben.

Gomez war gerade in den letzten Jahren einer, der über den Tellerrand hinaus denkt und sich Gedanken über die Zeit nach seiner Laufbahn macht. Erst wenige Tage vor der WM in Russland hatte er durchblicken lassen, was er für sein Leben nach dem Fussball plant.

Kein nahtloser Übergang, kein Trainerposten oder einer im Management. "Die Welt bietet mehr als nur zwei Tore und einen Ball", sagte Gomez damals bei jenem ominösen Medientag, an dem fast alle Themen und Aussagen untergingen im Getöse um Mesut Özils Fernbleiben.

Mehrere Wochen habe er sich Zeit genommen und die Entscheidung reifen lassen, so bestätigte es Stuttgarts Sportvorstand Michael Reschke am Sonntag. Reschke war seit geraumer Zeit eingeweiht in Gomez' Überlegungen, die der Angreifer auf seinem Facebook-Account so zusammenfasste:

"Meine Zeit in der Nationalmannschaft war sportlich nicht immer einfach, nicht immer erfolgreich und doch wunderschön! (…) Nun ist es aber an der Zeit, Platz zu machen und den vielen jungen und hochtalentierten Jungs die Möglichkeit zu geben, ihren Traum zu erfüllen, sich zu beweisen, Erfahrungen zu sammeln und das Beste für Deutschland zu erreichen."

Mehrere Faktoren entscheidend

Gomez' Entscheidung fusst wohl auf mehreren Faktoren. Man darf dem Spieler durchaus abnehmen, dass er den Weg freimachen will für die nachrückende Generation.

Gomez war seit 2007 dabei, er ist mit nunmehr 33 Jahren einer der Ältesten im Team und war damit nach den Weltmeister-Granden Miroslav Klose, Philipp Lahm, Per Mertesacker, Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger altersmässig der logische nächste Spieler, der von der Verbandsbühne abtritt.

Der VfB Stuttgart wird ziemlich sicher Gomez' letzte Station in seiner Profikarriere sein, mit seinem Wechsel im Winter zurück an den Neckar ist Gomez wieder nach Hause gekommen. Er will nun alle Kraft und Aufmerksamkeit seinem Klub widmen und eine entscheidende Rolle einnehmen, wenn die Mannschaft sich nach und nach zurückkämpfen will in die nationale Spitze.

Die Debatten um den Abgang seines Teamkollegen Özil wird Gomez sehr wohl registriert und für sich eingeordnet haben. In seinem Facebook-Post ist kaum etwas darüber zu lesen, wie er zu der Diskussion steht. Aber er kennt wie nur wenige andere das Gefühl, als Sündenbock abgestempelt zu werden.

Der Umgang mit Özil hat zwar eine ganz neue Qualität, in Ansätzen dürfte sich Gomez aber auch an einige Jahre seiner Nationalmannschaftskarriere erinnert gefühlt haben.

Eine einzige Szene hat Gomez vor zehn Jahren in die Rolle des Buhmanns gebracht: Eine vergebene Torchance im Spiel gegen Österreich bei der EM 2008 hat ihn stigmatisiert. In den Monaten und sogar Jahren danach musste er sich Pfiffe deutscher Fans gefallen lassen, wurde bei Einwechslungen ausgebuht.

Erst nach seinen wichtigen Toren bei der EM 2012 - mitten hinein in den Trend um falsche Neuner, als der klassische Stossstürmer schon auszusterben drohte - haben die Zuschauer wieder ihren Frieden mit Gomez gemacht. Von da an war er wenigstens wieder akzeptiert als deutscher Nationalspieler und in den letzten beiden Jahren sogar immer auch ein Hoffnungsträger.

Bestimmt auch, weil die Art Angreifer, den Gomez verkörpert, in deutschen Nachwuchsleistungszentren offenbar nicht am Fliessband ausgebildet wird.

Eine kleine Hintertür bleibt offen

Das dauerhafte Auf und Ab im DFB-Team ist nun vorbei, wenngleich sich Gomez noch ein Hintertürchen offengehalten hat. Gomez ist demütig genug, sich nicht wie andere permanent in den Vordergrund zu stellen.

Und seine Ankündigung, unter Umständen doch noch einmal als Stand-by-Nationalspieler zu fungieren, ist auch nicht Teil einer narzisstischen Störung oder folgt dem Plan, noch ein paar Euro zusätzlich einzustreichen.

"Ich werde dem DFB-Team immer verbunden bleiben und bin, wie alle Deutschen, nun grosser Fan dieser Mannschaft. Nur wenn der Trainer in zwei Jahren bei der EM aus unwahrscheinlichen Gründen Bedarf sieht und ich mich auch wirklich noch in der Verfassung fühle, helfen zu können, werde ich dann selbstverständlich bereitstehen", schreibt er.

Ausgerechnet er, der immer ein etwas ambivalentes Verhältnis zur Nationalmannschaft hatte und einen besonders beschwerlichen Weg gehen musste, hat in den letzten Zügen seinen Frieden mit der Mannschaft gemacht.

Und so ist Mario Gomez ein sauberer Abgang gelungen. Für die geräuschvollen Geschichten sind andere zuständig.

Verwendete Quellen:

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