Bei der WM weisen die Schiedsrichter die Spieler vor der Elfmeterausführung ungewohnt deutlich auf Konsequenzen bei Verstössen hin. Trotzdem ziehen sie diese Konsequenzen nicht. Warum ist das so? Was sagen die Regeln eigentlich genau? Und dürften die Video-Assistenten eingreifen?

Alex Feuerherdt
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Coach und freier Publizist

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Wann immer bei der Weltmeisterschaft in Russland auf Elfmeter entschieden wird - was häufiger der Fall ist als je zuvor bei einer WM -, kommt es zu einem regelrechten Ritual: Der Schiedsrichter ermahnt auffällig eindringlich die Feldspieler, ja nicht zu früh in den Strafraum zu laufen. Dann geht er zum Torwart und weist ihn nicht minder nachdrücklich darauf hin, dass er seine Torlinie nicht vorzeitig verlassen darf.

Dieses Ritual nimmt stets viel Zeit in Anspruch. So ausführlich haben die Unparteiischen noch bei keinem Turnier den Spielern erklärt, dass Verstösse bei der Strafstossausführung Konsequenzen haben können.

Offensichtlich wurden sie vor dem Beginn der WM angewiesen, genau das zu tun, um den Spielern klar zu machen, dass sie in dieser Hinsicht diesmal weniger tolerant sein werden als sonst.

Tatsächlich hat das dazu geführt, dass sich Mit- und Gegenspieler des Elfmeterschützen zurückhalten - auch weil viele Referees sie noch im Moment der Ausführung mit ausgestrecktem Arm auf Distanz zu halten versuchen.

Dadurch haben sie allerdings die Torhüter weniger im Auge. Fast alle von ihnen bewegen sich bei Elfmetern weiterhin zu früh von ihrer Torlinie nach vorne. Negative Folgen für sie hat das allerdings nicht.

Bei der WM wurde noch kein Elfmeter wiederholt

Die Unparteiischen bei der WM haben bislang noch keinen einzigen verschossenen Elfmeter wiederholen lassen, wenn der jeweilige Schlussmann gegen die Regeln verstossen hat - weder im Spiel noch im Elfmeterschiessen.

Dabei lassen die Regeln eigentlich keinen Spielraum. "Der Torhüter muss mit Blick zum Schützen auf der Torlinie zwischen den Pfosten bleiben, bis der Ball getreten wurde", heisst es in diesen unmissverständlich.

Mit "zwischen den Pfosten bleiben" ist gemeint: Der Keeper darf sich vor dem Schuss auf seiner Torlinie hin und her bewegen, hüpfen und mit den Armen rudern - das ist alles erlaubt. Aber er darf sie nicht nach vorne verlassen, bevor der Elfmeterschütze den Ball mit dem Fuss gespielt hat.

Tut er es dennoch, soll der Schiedsrichter zunächst abwarten, was passiert. Wenn der Ball nicht ins Tor geht, soll er eine Wiederholung anordnen, ausserdem muss der Torwart dann zwingend die Gelbe Karte sehen.

Wird der Elfmeter aber verwandelt, zählt der Treffer natürlich, denn mit einer Wiederholung würde man den Torhüter ja für seine Regelübertretung belohnen.

Niemand soll aus einem Vergehen einen Vorteil ziehen

Auch der Fall, dass ein oder mehrere Spieler in den Strafraum eindringen, bevor der Elfmeterschütze den Ball gespielt hat, wird in den Regeln behandelt.

Dabei kommt es darauf an, ob es sich um einen Mitspieler des Schützen handelt oder um einen gegnerischen Spieler - und darauf, wie der Strafstoss ausgeht:

  • Wenn der Ball ins Tor geht und ein Spieler der verteidigenden Mannschaft zu früh in den Strafraum gelaufen ist, zählt der Treffer.
  • Wenn der Ball ins Tor geht und ein Spieler der angreifenden Mannschaft zu früh in den Strafraum gelaufen ist, wird der Elfmeter wiederholt.
  • Wenn der Ball nicht ins Tor geht und ein Spieler der verteidigenden Mannschaft zu früh in den Strafraum gelaufen ist, wird der Elfmeter ebenfalls wiederholt.
  • Wenn der Ball nicht ins Tor geht und ein Spieler der angreifenden Mannschaft zu früh in den Strafraum gelaufen ist, gibt es einen indirekten Freistoss für das verteidigende Team.

Diesem Entscheidungsmuster liegt eine Logik zugrunde: Niemand soll aus seinem Vergehen bei der Elfmeterausführung einen Vorteil ziehen dürfen.

Was aber geschieht, wenn Spieler beider Mannschaften zu früh in den Strafraum laufen? Dann wird der Strafstoss wiederholt, egal, ob er verwandelt worden ist oder nicht.

Der Elfmeterschütze darf den Anlauf unterbrechen

Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass der Elfmeterschütze beim Anlauf nicht abstoppen darf, sondern den Strafstoss in einem Zug ausführen muss. Das aber stimmt nicht.

Denn in den Regeln steht geschrieben: "Eine Finte während des Anlaufens ist zulässig." Zu diesen erlaubten Finten zählen auch das Verzögern und sogar das Unterbrechen, wie es häufig geschieht.

Verboten ist es lediglich, nach vollendetem Anlauf - also wenn der Schütze bereits einen Fuss neben den Ball gesetzt und mit dem anderen ausgeholt hat, um zu schiessen - den Schuss nur anzutäuschen, das heisst, die Schussbewegung abzubrechen.

In diesem seltenen Fall bekommt die verteidigende Mannschaft einen indirekten Freistoss zugesprochen und der Schütze die Gelbe Karte - unabhängig davon, ob der Elfmeter verwandelt wird oder nicht.

Kompliziert wird es, wenn gleichzeitig der Torwart die Linie zu früh nach vorne verlässt, also ebenfalls gegen die Regeln verstösst. Dann kommt es darauf an, wie der Strafstoss ausgeht.

Wird er verschossen, dann muss er wiederholt werden, ausserdem werden Torhüter und Schütze verwarnt. Geht der Ball aber ins Tor, dann wird der Treffer aberkannt und der Strafstossschütze verwarnt. Das Spiel wird anschliessend mit einem indirekten Freistoss für die verteidigende Mannschaft fortgesetzt.

Warum sind die Schiedsrichter nicht strenger?

Wenn die Elfmeterregeln aber so eindeutig sind und dem Schiedsrichter eigentlich keinen Ermessensspielraum lassen, warum dulden die Unparteiischen dann so oft Verstösse gegen sie?

Weshalb schreiten sie nur ganz selten ein, wenn ein Torwart sich im Moment des Schusses bereits einen Meter vor der Torlinie befindet und den Ball hält?

Oder wenn der Strafstoss verwandelt wird und sich drei Mitspieler des Schützen schon mehrere Meter im Strafraum befinden?

Die Antwort ist simpel: Weil es eben so üblich ist. Diese Praxis gibt es seit Jahren und wird von den Spielern akzeptiert.

Einen Protest erlebt man bei Verstössen so gut wie nie, auch nicht während der WM. Kaum jemand wünscht sich ernsthaft eine strengere, pedantische Regelauslegung.

Bei einer pedantischen Regelauslegung gibt es Ärger

Geht aber doch einmal ein Referee rigoros vor, dann sorgt das für Ärger. So wie bei der U17-Europameisterschaft im Mai dieses Jahres.

Im Viertelfinale zwischen den Niederlanden und Irland kam es zum Elfmeterschiessen. Es stand 4:4, da parierte der irische Torwart einen Schuss. Damit hielt er sein Team im Rennen - das dachten jedenfalls alle.

Doch der Schiedsrichter ahndete die Tatsache, dass der Keeper bei der Ausführung einige Zentimeter vor seiner Torlinie gestanden hatte. Deshalb liess er den Elfmeter wiederholen. Weil der Torhüter ausserdem schon verwarnt war, zeigte er ihm die Gelb-Rote Karte.

Es kam, wie es kommen musste: Der irische Feldspieler, der sich daraufhin das Torwarttrikot überstreifte, hatte gegen die Wiederholung keine Chance.

Die niederländische U17 zog ins Halbfinale ein, der irische Schlussmann vergoss bittere Tränen. Und der Unparteiische sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, kleinlich und herzlos gehandelt zu haben.

Gar zum YouTube-Klassiker geworden ist ein Strafstoss, den Tunesien bei den Olympischen Spielen im Jahr 2004 in der Vorrundenpartie gegen Serbien und Montenegro zugesprochen bekam.

Schiedsrichter Charles Ariiotima aus Tahiti liess ihn sage und schreibe sechsmal ausführen, weil er bei den ersten fünf Versuchen jeweils ein Vergehen festgestellt haben wollte. Auf dem Platz kam es zu tumultartigen Szenen, alle waren genervt von der Pedanterie des Referees.

Bedenken, die gängige Praxis zu ändern

Dennoch muss die Frage erlaubt sein, warum die Unparteiischen bei der Weltmeisterschaft nicht zumindest gegen deutliche Verstösse bei Elfmetern vorgehen, wenn sie die Spieler vor deren Ausführung schon so ausgiebig auf mögliche Konsequenzen hinweisen. Immerhin sind die Akteure dadurch ja gewarnt. Doch offenbar haben sie Bedenken, die gängige Praxis zu ändern.

Die Video-Assistenten hätten übrigens in bestimmten Situationen beim Elfmeter die Möglichkeit, dem Schiedsrichter ein Review zu empfehlen. Beispielsweise, wenn der Torwart vor dem Schuss die Torlinie verlässt und den Ball hält.

Doch auch hier macht sich die Gewohnheit bemerkbar: Ungeahndete Verstösse werden nicht als klare und offensichtliche Fehler der Unparteiischen eingestuft. Deshalb greift die Videozentrale in Moskau auch nicht ein.

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Die Viertelfinals vom Freitag können Sie hier live verfolgen.