Ein Instagram-Foto zeigt die Mittel- und Langstreckenläuferin Konstanze Klosterhalfen mit einer auffällig dünnen Statur. Nicht nur online sorgt das für Kritik. Experten warnen vor Folgeschäden, einem schädlichen Trainingsumfeld in den USA und falschen Signalen.

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Ein Foto, das Spitzensportlerin Konstanze Klosterhalfen Ende September auf ihrem Instagram-Account veröffentlicht hat, gibt Anlass zur Sorge. Es zeigt die 23-Jährige in Rock und Strumpfhose vor dem Bonner Rathaus – mit erschreckend dünner Statur. Schnell sammelten sich unter dem Bild Dutzende Kommentare.

Zahlreiche Nutzer äusserten sich über das magere Erscheinungsbild der Mittel- und Langstreckenläuferin, die Anfang August 2019 über die 5.000 Meter mit 14:26,76 Minuten den bis dahin geltenden deutschen Rekord brach.

"Hilft denn keiner?" Community besorgt über Klosterhalfens Statur

"Das ist nicht gesund!" oder "erschreckend" schreibt die Community und empfiehlt der Leichtathletin Steak und Apfelstrudel mit Schlagsahne. Andere fragen aber auch ernster: "Sieht das keiner und hilft denn keiner? Das hat mit Sport nichts mehr zu tun. Wo ist der Trainer?"

Schon länger sieht sich Klosterhalfen, die 2019 Bronze bei den Weltmeisterschaften in Doha holte, dem Vorwurf ausgesetzt, nicht nur dünn, sondern krankhaft dürr zu sein – gar unter einer behandlungsbedürftigen Essstörung zu leiden.

Darauf angesprochen, wiegelt die Läuferin bislang ab: Sie esse nicht gerne Süsses, sei schon immer dünn gewesen. Dem "Spiegel" (Artikel hinter Bezahlschranke) sagte sie einst: "Wenn man nicht genug isst, hätte man ja gar nicht die Energie, um auf so einem hohen Niveau Sport zu machen."

Stimmt das? "Läuferinnen haben generell eine andere Figur als Kugelstosserinnen oder Weitspringerinnen. Doch auch zwischen ihnen fällt Klosterhalfen auf", sagt Herbert Steffny im Gespräch mit unserer Redaktion. Der Biologe und einstige Weltklassesportler ist mehrfacher deutscher Meister über verschiedene Langstrecken und holte bei der Europameisterschaft 1986 Bronze im Marathon. Ausserdem coachte er Joschka Fischer und die zweifache Ironman-Europameisterin Sandra Wallenhorst.

Schon als er Klosterhalfen vor einigen Jahren bei den deutschen Meisterschaften in Nürnberg habe laufen sehen, sei er erschrocken gewesen. Seit Klosterhalfen 2019 in die USA gegangen ist, um dort bei Nike unter Pete Julian zu trainieren, scheint ihr Gewicht noch weiter gesunken zu sein. Das zumindest legen Fotos nahe.

Je dünner, desto schneller?

Sportlerinnen mit einer gestörten Beziehung zu Essen "kommen im Laufsport gehäuft vor, aber nicht alle dünnen Läuferinnen sind magersüchtig", betont Steffny und erklärt, warum sie häufig auffällig schlank sind: "Je leichter man ist, desto besser läuft es sich. Man muss weniger Gewicht bewegen."

Grob gerechnet gelte: Zehn Prozent Gewichtsabnahme bringen eine Geschwindigkeitssteigerung von 6,6 Prozent mit sich. "Ein Weltklasseläufer, der ein Kilogramm abnimmt, kann dadurch eine bis anderthalb Minuten beim Marathonlauf schneller werden", rechnet Steffny vor - bei einer Weltmeisterschaft ist das schnell der Unterschied zwischen Platz eins oder sieben. "In der absoluten Weltspitze ist ein Body-Mass-Index (BMI, Anm. d. Red.) von 16 deshalb nichts Ungewöhnliches", sagt Steffny.

Den hat Klosterhalfen laut offiziellen Angaben bereits unterschritten: Auf 48 Kilogramm soll sie es bei einer Grösse von 1,74 Metern gerade noch bringen. Nach der BMI-Formel (Gewicht durch das Quadrat der Grösse) ergibt das 15,85 kg/m². Zur Einschätzung: Als normal gilt bei Frauen ein BMI zwischen 18,5 und 25, als Diagnosekriterium der Magersucht ist ein BMI von unter 17,5 gestellt.

Dass Klosterhalfens offizielle Gewichtsangabe mit dem selbst geposteten Bild vor dem Bonner Rathaus übereinstimmt, bezweifelt Wally Wünsch-Leiteritz indes. Das Vorstandsmitglied des Bundesfachverbandes für Essstörungen ist leitende Oberärztin und Psychotherapeutin im Kompetenzzentrum für Essstörungen der Klinik Lüneburger Heide.

"Die offiziellen Daten passen meiner Einschätzung nach nicht zu diesen Fotos. Sie sieht noch niedriggewichtiger aus", sagt die Medizinerin. Sie warnt aber: "Aus der Entfernung sollte man seriöserweise keine Diagnose stellen." An die würde man sich erst nach einem persönlichen Gespräch wagen, betont die Expertin.

Klosterhalfens Erscheinungsbild wirft dennoch auch bei ihr die Fragen auf: "Wenn man so aussieht, kann man gleichzeitig noch solche Leistungen erbringen?" Auch Laufexperte Steffny findet: "Wenn sie nicht schon krankhaft dünn ist, hat sie die vernünftige Untergrenze erreicht und kann nicht mehr weiter abnehmen."

Die Rechnung "Weniger Gewicht = bessere Laufleistung" habe Grenzen. "Der Krug geht eben zum Brunnen, bis er bricht", kommentiert Wünsch-Leiteritz.

"An einem bestimmten Punkt – wenn der Körperfettanteil zu niedrig ist – werden Athleten durch weiteren Gewichtsverlust nicht schneller, sondern wieder langsamer. Der Effekt schlägt um, weil ihnen Kraft fehlt", erklärt Steffny. Diesen Punkt auszuloten, sei ein Grenzgang.

Gefährliche Signale

Die Signale, die die in der Öffentlichkeit stehende Klosterhalfen mit ihrem selbst geposteten Bild sendet, findet Wünsch-Leiteritz gefährlich. "Die Verknüpfung von extrem dünn und erfolgreich sein ist problematisch. Besonders Mädchen und junge Frauen, vor allem sensible und hoch selbstkritische Typen, die mit sich und ihrem Körper unzufrieden sind, könnten das interpretieren als: Man muss so dünn sein, um erfolgreich zu sein."

Sie warnt vor den Folgen einer Magersucht. Im Sportlichen drohten Osteoporose mit Mikrofrakturen im Knochen bis hin zu Ermüdungsbrüchen, und bei ausbleibender Periode später auch Unfruchtbarkeit. "Es gibt aber noch viele andere Auswirkungen und nahezu jedes Organ kann betroffen sein."

Sportlerinnen seien Vorbilder – den Instagram-Post hält die Expertin vor diesem Hintergrund für provokativ.

Beide Experten sehen das Umfeld in der Verantwortung: Trainer, Ärzte, Familie und Freunde. Eine Anfrage unserer Redaktion lässt Klosterhalfens Management jedoch unbeantwortet, auch telefonisch ist niemand erreichbar.

Verein von Klosterhalfen reagiert kurz und knapp

Der TSV Leverkusen, Heimatverein von Klosterhalfen, teilt auf Anfrage lediglich mit: "Der TSV Bayer Leverkusen ist sich seiner Verantwortung gegenüber seinen Athletinnen und Athleten durchaus bewusst." Der Verein komme dieser Verantwortung im Rahmen seiner Möglichkeiten nach.

"Alle Bundeskader-Athleten werden regelmässig und umfassend sportmedizinisch untersucht. Die sportmedizinische Untersuchung ist eine Grundvoraussetzung für das Startrecht."

Auch der "Deutsche Leichtathletik Verband" (DLV) hält sich bedeckt: "Aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht" will man Klosterhalfens Gewicht nicht kommentieren. Der Verband verweist auf die jährliche medizinische Jahresuntersuchung, bei der "Auffälligkeiten erkannt, beurteilt und einer weiteren Diagnostik zugeleitet" würden.

Dabei hält der DLV aber eine "Einschätzung einer eventuell vorliegenden Essstörung über den BMI" für unzureichend. Er diene allerdings dazu, erste Schritte einer weiteren Diagnostik einzuleiten. Gleichzeitig räumt der DLV ein, es gebe "Lebensumstände und spezielle Situationen bei Athleten und Athletinnen, die eine diesbezügliche Betreuung nicht ermöglichen".

Ist damit etwa Klosterhalfens Umzug in die USA gemeint? Experte Steffny jedenfalls kritisiert das amerikanische Trainingsumfeld. Dort trainiert Klosterhalfen bei Pete Julian – einem Untertrainer von Alberto Salazar. Der wiederum wurde 2019 aufgrund von Verstössen gegen die Anti-Doping-Bestimmungen für vier Jahre gesperrt, sein "Nike Oregon Project" (NOP) mittlerweile eingestellt.

"Klosterhalfen ist unter Julian aber weiterhin in derselben Schule", erinnert Steffny. Die sei dafür bekannt, mit viel Geld alles zu optimieren, was nur gehe – mindestens bis an die Grenzen des Legalen. "Man muss harte Bandagen haben, um da mitzuhalten", ist sich Steffny sicher. Vielleicht habe Klosterhalfen der enorme Leistungsdruck zu sehr zugesetzt.

"Sie ist vom Management schlecht beraten gewesen, in die USA zu gehen", findet Steffny. Dollarzeichen in den Augen hätten scheinbar eine grössere Rolle gespielt als das Wohl der Sportlerin. "Zumindest von Salazar ist in der Laufszene bekannt, dass er Sportlerinnen bezüglich ihres Gewichts beleidigt haben soll."

Der Aufschrei der US-Läuferin Mary Cain, die Ende letzten Jahres über "körperliche und psychische Misshandlung" im NOP klagte, spricht dieselbe Sprache: Salazar habe sie laut Bericht der "New York Times" zu immer weiterer Gewichtsabnahme angehalten, auch mit demütigenden Massnahmen: Hätte sie beim Wiegen vor allen Teamkollegen das Gewichtsziel verpasst, sei sie vor versammelter Mannschaft heruntergemacht worden.

Warum man das Thema nicht unter den Teppich kehren darf

"Viele in der Laufszene halten sich zu solchen Themen bedeckt, aber kritische Stimmen wachsen", beobachtet Steffny angesichts solcher Vorkommnisse mit Zuversicht.

Auch Wünsch-Leiteritz findet es wichtig, das Thema nicht unter den Teppich zu kehren: "Wenn Konstanze Klosterhalfen mit einem BMI von unter 16 beziehungsweise so, wie sie sich selbst postet, immer noch erfolgreich Leistungssport betreiben und Wettkämpfe gewinnen sollte und ihre Gewichts- und Grössenangaben öffentlich bekannt gegeben werden, sollten sie mit einem Label versehen werden", fordert sie.

Oder es müsse erklärt werden, wie das möglich sei.

Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, ein solcher Zustand sei gesund oder normal. "In der öffentlichen Debatte muss deutlich werden - falls sie an keiner Essstörung leidet -, dass ihr Gewicht eine absolute Ausnahme darstellt und nur durch den Extremsport und ein konstitutionelles Untergewicht zu erklären ist", sagt die Medizinerin.

Eine Teilnahme an öffentlichen Sportveranstaltungen sei damit nur unter fortlaufender medizinischer Überwachung vertretbar. Sollte Klosterhalfen Hilfe benötigen, so die Experten, sei ihr zu wünschen, dass sie sie zeitnah bekommt.

Über die Experten: Dr. Wally Wünsch-Leiteritz ist Internistin, Ernährungsmedizinerin, Psychotherapeutin und leitende Oberärztin des Kompetenzzentrums für Essstörungen der Klinik Lüneburger Heide in Bad Bevensen. Sie ist Vorstandsmitglied im Bundesfachverband Essstörungen und Mitbegründerin betreuter Wohneinrichtung für Essstörungen.
Herbert Steffny ist Diplom-Biologe, Autor, Coach und ehemaliger Spitzensportler. Sein Bestseller "Das grosse Laufbuch" wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Steffny arbeitet als Fitnessexperte für Gesundheitskassen. Er wurde mehrfach Deutscher Meister und gewann die Marathon-Bronzemedaille bei den Europameisterschaften in Stuttgart 1986.

Verwendete Quellen:

  • Instragram-Account von Konstanze Klosterhalfen:
  • "The New York Times": I was the fastest girl in America until I joined Nike
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