• Er ist die Wiederentdeckung der Saison: Der 25-jährige Lennard Kämna erhofft sich bei der Tour de France einen Etappensieg.
  • Nach psychischen Problemen im vergangenen Jahr ist er 2022 erfolgreicher denn je.
  • Beim Giro d’Italia bewies er mit einem Etappensieg schon, wozu er aktuell imstande ist.
Ein Porträt

Es war die erste Bergetappe des Giro d’Italia in diesem Jahr, 172 Kilometer hinauf zum Ätna. Lennard Kämna strampelte, biss sich hoch, vorbei an Mitausreisser Juan Pedro Lopez aus Spanien. Der hatte sich schon abgesetzt, doch Kämna, der 25-jährige, hagere Profi aus Deutschland, fing ihn ein und überholte ihn im Zielsprint, am Südhang des mächtigen Vulkans. Er eroberte in der Italien-Rundfahrt das Bergtrikot als Führender in der Bergwertung – zum ersten Mal ein besonderes Trikot in seiner Karriere, sagte er hinterher.

Kämna startete als vielversprechendster Deutscher bei der Tour de France. Dort hatte er sogar schon einmal einen Etappensieg errungen. Doch es ist alles andere als selbstverständlich oder erwartbar, dass der Radrennprofi aus Fischerhude bei Bremen in diesem Jahr so erfolgreich ist. Denn vor einem Jahr verschwand er von der Bildfläche.

Neun Monate Auszeit: Kämna krempelt sein Leben um

Ende Mai 2021 entschied sich Kämna für eine Auszeit vom Radsport. Er sagte alles ab: die Tour de France, die WM, Olympia – er erklärte seine Saison für beendet. Kämna wollte nicht mehr professionell Radfahren, hatte den Spass verloren an seiner Sportart, für die er sich in den Jahren zuvor so ausnahmslos hingab. Er sagte im Oktober in einem Interview mit dem "Weser Kurier", er hatte es verpasst, "mir Befriedigung abseits des Sports zu holen. Ich habe mein Leben falsch gelebt."

Er holte nach, was er in den Jahren zuvor verpasst hatte: Er machte den Segelschein, traf sich mit Freunden, verbrachte mehr Zeit mit seiner Familie. Der Juniorenweltmeister im Einzelzeitfahren hatte 2018 schon einmal eine Pause eingelegt, im Interview mit dem "Spiegel" nannte er es damals "Sommerferien", die er sich selbst auferlegt hatte. Nun hat er wieder seine Zeit gebraucht, um den Druck herauszunehmen. Im vergangenen Oktober startete er aus Spass in Südafrika beim Mountainbike-Rennen Cape Epic – und entdeckte die Lust am Radsport wieder.

Comeback mit Etappensieg – als Zeitfahrmeister zur Tour

Im Februar, noch mal fünf Monate später, bestritt Kämna mit der Saudi-Tour sein erstes Rennen und kam als 29. ins Ziel. Danach gewann er je eine Etappe bei der Andalusien-Rundfahrt, der Tour of the Alps – und schliesslich dem Giro. Kürzlich kürte er sich bei den Strassenradmeisterschaften im Sauerland zum Zeitfahrmeister. Mit Rückenwind zur Tour de France.

Sein Team Bora-hansgrohe, das ihn auch während seiner Auszeit durchgehend unterstützte, verlängerte seinen Vertrag. Teamchef Ralph Denk sagte über Kämna: "Sein Talent macht ihn unglaublich vielseitig, was für uns als Team natürlich eine sehr komfortable Situation ist, weil man ihn in unterschiedlichsten Rollen einsetzen kann."

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Freiheiten und ein Etappensieg bei der Tour

Bei der Tour de France soll Kämna seinen Teamkapitän Alexander Wlassow in den Bergen unterstützen. Doch er soll auch seine Freiheiten bekommen, sich entfalten können, bescheinigte ihm Teamchef Denk. Auch mal "Freestyle" machen wie beim Giro, als er das erste Zeitfahren auf dem achten Platz abschloss. Ein Etappensieg bei der Tour ist aber das grosse Ziel. 2020 gewann er die 16. Etappe nach Villard-de-Lans, als er sich 20 Kilometer vor dem Ziel erst durch dessen Sprint von Richard Carapaz absetzte.

In diesem Jahr habe er "keine bestimmte Etappe im Sinn, aber es gibt viele gute Chancen für Ausreisser." Er sei "sehr motiviert und in guter Form", sagte Kämna vor dem Start. Gute Voraussetzungen für die Tour de France – und Erfolge in der Zukunft.

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Verwendete Quellen:

  • NDR: Giro d’Italia: Kämna triumphiert auf dem Ätna
  • Der Spiegel: "Da muss ich mich erstmal hocharbeiten"
  • Radsport News: Als Carapaz beschleunigte, kam Kämnas grosser Moment
  • Kicker.de: "Er ist ein Freigeist": Kämna hofft auf den Tour-Coup
  • Weser Kurier: "Ich habe mein Leben falsch gelebt"
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