München - Die Ski-WM in Garmisch sollte die Empfehlung der Bewerbungsgesellschaft München 2018 für die Olympischen Winterspiele in sieben Jahren werden, doch aus der Generalprobe und der grossen Vor-Olympia-Party wurde nichts. Zu viele Baustellen an allen Ecken und Enden. Geht der Bewerbungsgesellschaft kurz vor dem Endspurt die Puste aus?

Seit der Bekanntgabe, dass sich München um die Winterspiele und die Paralympics bewirbt, weht dem Kuratorium ein rauer Gegenwind rund um die Vorsitzende Katarina Witt entgegen. Mit den Aussenstandorten Königssee und Garmisch-Partenkirchen sollen die Winterspiele nach 1936 erstmals wieder in Deutschland ausgetragen werden. Besonders in Garmisch gibt es heftigen Widerstand gegen die Austragung der alpinen und nordischen Wettbewerbe.

Beim Kuratorium war man überzeugt, mit der Weltmeisterschaft in Garmisch eine "gute Visitenkarte" abgegeben zu haben. Mit Blick auf die Entscheidung am 6. Juli in Durban zog Eisprinzessin Kati Witt im Gespräch mit dem Sportinformationsdienst (sid) ein positives Resümee: "Das war eine sehr gute Visitenkarte. Die WM war toll organisiert, es herrschte eine super Atmosphäre", sagte die Kuratoriumsvorsitzende zum Abschluss der Wettbewerbe.

Kritik gab es jedoch aus dem Lager der Top-Skifahrer. Der Schweizer Didier Cuche, Ivica Kostelic oder auch Olympiasiegerin Lindsey Vonn kritisierten die mangelhafte Präparierung der Kandahar-Piste in Garmisch. "Gefährlich", "Lächerlich" oder "Schwachsinn" sind die Worte, die dabei fielen. Die Kritik an der gefährlichen Abfahrt stellt ein neues Problem dar: Kostelic ist nicht der einzige Fahrer, der lieber auf die Kandahar-Piste verzichtete, als sein Leben zu riskieren.

Der Anspruch der Organisatoren der Ski-WM und auch die der Bewerbungsgesellschaft war gewaltig, vielleicht auch zu gewaltig für eine Gemeinde wie Garmisch. "Festspiele im Schnee" sollten es werden, die Empfehlung für die vielleicht kommenden Winterspiele 2018. Doch aus der grossen WM-Party wurde eher ein Strassenfest. Ein nationales Freudenfest wie zur Fussball-WM 2006, als Deutschland sein Sommermärchen erlebte, war zwar nicht zu erwarten, dennoch fehlte für eine schlagkräftige Olympia-Bewerbung die dringend benötigte Stimmung. Was vor dem TV-Bildschirm wie eine Mega-Party aussah, war in der Realität eher eine Kirmes. Die Bevölkerung und die angereisten Fans zeigten sich als Wintersport interessierte Zuschauer und klatschten und wedelten kräftig schwarz-rot-goldenen Fähnchen, wenn Liebling Maria Riesch die Abfahrt hinunter sauste. Sobald die Favoriten das Zieltor erreichten und die Entscheidung gefallen war, war auch die WM für die meisten Zuschauer an diesem Tag vorbei. Die ersten leeren Ränge waren bereits nach der ersten Hälfte des Wettbewerbs zu sehen.

In Garmisch erhofft man sich von Olympia neuen Aufschwung im Einzelhandel und Tourismus. Die WM in Garmisch hat aber bekräftigt, dass im Ort am Fusse der Zugspitze während der Woche eine fast schon unheimliche Ruhe herrschte. Nichts mit Strassen voller Touristen oder Partymeile am Marienplatz, im Gegenteil: Gähnende Leere und tote Hose. Eine "gute Visitenkarte" sieht anders aus.

Während der WM-Tage in Garmisch war auf Seiten der Olympia-Gegner ein wenig Ruhe eingekehrt, doch war es nur die Ruhe vor dem Sturm. Pünktlich zur Ankunft der IOC-Inspektoren in München herrscht stürmischer Gegenwind für die München im Schlussspurt um Olympia 2018. Eine Woche vor dem Besuch der IOC-Prüfer vom 28. Februar bis 4. März starteten die Gegner der Bewerbung um die Winterspiele ihr lang angekündigtes Bürgerbegehren in Garmisch-Partenkirchen. Einen besseren Zeitpunkt hätte sich die Opposition nicht aussuchen können, als wenn die Evaluierungskommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die geplanten Austragungsorte in Augenschein nimmt.

Hinter der Opposition verbergen sich Vertreter mehrerer Gruppierungen. Die Initiatoren müssen nun rund 1700 Unterschriften vorlegen, um einen Bürgerentscheid erzwingen zu können. Sollte der Gemeinderat die Fragestellung als zulässig ansehen, müsste eine Abstimmung innerhalb von drei Monaten erfolgen - also möglicherweise kurz vor der finalen Entscheidung über den Austragungsort der Winterspiele 2018.

Der grösste Widerstand gegen Olympia 2018 kommt von den Landwirten des Werdenfelser Landes. Im Streit um ihre dringend benötigte Grundstücke rund um Garmisch ist auch kurz vor dem finalem Countdown noch keine Lösung in Sicht. Der Bauernaufstand wird die Bewerbung wohl noch bis zur Entscheidung begleiten. Die Landwirte und Grundbesitzer von Garmisch lehnen die Nutzung ihrer Wiesen für die Winterspiele hartnäckig ab.

Die Umweltschützer innerhalb des Bündnis "Nolympia" befürchten eine stark geschädigte Alpenlandschaft nach den Spielen. Eines der grössten Gegenargumente ist das Finanzrisiko für die Austragungsstätten. Die Angst vor zu hohen Kosten für die Stadt und den Gemeinden. Das zweite grosse Problem sehen die Gegner in der Bedrohung der Landschaft und der Natur. Um die Winterspiele durchführen zu können, muss beim Ausbau der Sportanlage und der künstlichen Beschneidung massiv in die Landschaft und Natur von Garmisch eingegriffen werden. Die Landwirte haben Angst um ihr Land, dass zum Teil ihr einziges Kapital ist.

"Olympische Winterspiele sind zu gross für Garmisch-Partenkirchen", begründete Mit-Initiator und Naturschützer Axel Doering die Aktion gegen die gemeinsame Kandidatur von München, Garmisch-Partenkirchen und Königssee in einem dpa-Interview. Im "Snow-Cluster" werden mehr als 50 Veranstaltungen geplant. Dies seien fast fünfmal so viele wie bei der gerade beendeten alpinen Ski-Weltmeisterschaft.

Verfahrener könnte die Lage für die Bewerbungsgesellschaft um Kati Witt und Geschäftsführer Bernhard Schwank kaum sein: Rebellische Landwirte und die fehlenden Grundstücke, Kritik von Ski-Assen an der schlecht präparierten Kandahar, Widerstand der Umweltschützer und schliesslich die mangelnde Olympia-Begeisterung in der Bevölkerung.

Für das IOC wäre Deutschland eine solide und vor allem sichere Wahl. Für Organisationstalent und Korrektheit sind Deutsche bekannt. Auf Eiskunstlauf-Ikone Kati Witt warten noch viele offene Baustellen. Aufgeben kommt nicht in Frage. Getreu dem Obama-Motto: "Yes we can". (mac)