• In einem Beitrag erhebt der TV-Sender RTL Vorwürfe gegen Weltklasse-Springreiter Ludger Beerbaum.
  • Er soll die unerlaubte Trainingsmethode des Barrens bei seinen Pferden anwenden.
  • Beerbaum kündigt juristische Schritte an. Auch die Deutsche Reiterliche Vereinigung reagiert auf den Fall.

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Über 30 Jahre nach der Barr-Affäre sieht sich erneut ein deutscher Weltklasse-Springreiter mit Vorwürfen wegen mutmasslich unerlaubter Trainingsmethoden konfrontiert. Die Vorwürfe sind so krass, dass Ludger Beerbaum juristisch dagegen vorgehen will. Was ist passiert?

Der TV-Sender RTL zeigte am Dienstagabend in der Sendung "RTL Extra" heimlich aufgenommene Videos, in denen Springpferde angeblich gebarrt werden. Dabei wurde den Tieren beim Sprung über ein Hindernis eine Vierkantstange gegen die Vorderbeine geschlagen.

Ludger Beerbaum behauptet: "Es wird nichts Unerlaubtes gemacht"

Der viermalige Olympiasieger Beerbaum wehrt sich vehement gegen den Vorwurf der Tierquälerei. "Der Beitrag von 'RTL extra' ist in vielen Punkten nachweislich falsch, verleumderisch und ehrverletzend", schrieb der 58-Jährige am Mittwoch in einer Stellungnahme. Er kündigte juristische Schritte an. "Es ist nicht hinzunehmen, dass heimlich auf meinem privaten Grund und Boden gefilmt wurde."

Die von einer Informantin aufgenommene Videos zeigen, wie Beerbaum auf seiner Anlage in Riesenbeck Springpferde mutmasslich mit der unerlaubten Methode des sogenannten Barrens trainiert. Dabei schlugen die Tiere beim Sprung über ein Hindernis mit ihren Vorderbeinen gegen eine Stange, die von einem Helfer gehalten wurde. Eine Journalistin hatte sich zudem zur Recherche für einige Zeit als angebliche Praktikantin auf der Anlage einstellen lassen.

"Die im Beitrag gezeigten Szenen auf dem Reitplatz haben mit Barren nichts zu tun. Es handelt sich dabei um erlaubtes Touchieren, das von einem erfahrenen, routinierten Pferdefachmann durchgeführt wurde", argumentierte Beerbaum. Der im Video zu sehende Gegenstand habe die Vorgaben der Deutschen Reiterlichen Vereinigung für ein zulässiges Touchieren erfüllt.

Erlaubte oder unerlaubte Trainingsmethode?

Diese Vorgaben sehen vor, dass die Stange ein glattes Rundholz - nicht mehr als drei Meter lang und nicht schwerer als zwei Kilo - sein muss. Das Touchieren darf nur durch erfahrene Pferdefachleute angewendet werden. Beerbaum betonte, "dass diese erlaubte Trainingsmethode bei uns nur sehr selten angewendet wird und nicht Bestandteil der täglichen Arbeit ist".

Durch das Barren sollen Pferde dazu gebracht werden, ihre Beine stärker anzuziehen und damit höher zu springen. Diese Methode ist verboten, da sie den Tieren Schmerzen verursacht.

Er führe seinen Stall als einen offenen Stall, bei dem täglich Besuchergruppen zu Gast seien. "Hier wird auf offen einsehbaren Plätzen geritten und das tägliche Training absolviert. Es wird nichts Verstecktes, Unerlaubtes gemacht." Nur ein Pferd, das artgerecht behandelt, professionell versorgt und gefüttert, trainiert und gemanagt werde, könne sportliche Leistungen erbringen. "Die Pferde sind unser Kapital, um das wir uns tagein, tagaus kümmern", sagte Beerbaum.

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RTL-Beitrag zeigt auch Stangen mit Noppen

In dem RTL-Film wurden auf einem Dachboden bei Beerbaum auch Stangen mit Noppen gezeigt. "Dazu kann ich nur sagen, dass diese Elemente dort seit Jahren liegen", teilte der Reiter mit. Sie würden aus einem gekauften Bestand von Hindernissen stammen und seien aussortiert worden. "Sie werden auch nicht beim Training mit Pferden eingesetzt." Ein Stange lag allerdings neben einem Reit-Platz.

Wie nun eines dieser Teile, "blank geputzt und sauber", zwischen die gebräuchlichen Hindernisstangen komme, "kann ich nur mutmassen. Für mich ist es naheliegend, dass explizit für den Beitrag eine dieser Stangen dorthin gelegt wurde. Hierzu werden wir weitere Nachforschungen anstellen", sagte Beerbaum.

Und die in der Scheune von der als Praktikantin getarnten RTL-Mitarbeiterin vorgefundenen Mehrkantstangen seien Holzstangen, "die ausschliesslich für den Bau und die Reparatur unserer Weidezäune benutzt werden", sagte Beerbaum: "Gut im Film sichtbar sind die an den Stangen befestigten Isolatoren für die Zaunbänder. Sobald behauptet wird, dass diese zum Barren von Pferden eingesetzt werden, ist dies unzutreffend."

Beerbaum ist seit über 35 Jahren eine der herausragenden Figuren in der deutschen Springsport-Szene. Auch ausserhalb des Platzes ist er als Geschäftsmann in Pferdebusiness höchst erfolgreich. Zuletzt hatte er die EM in Riesenbeck als Veranstalter organisiert. Bei Championaten oder Olympische Spiele reitet er nicht mehr.

Ob der Reiter auf den gezeigten Videobildern tatsächlich Ludger Beerbaum ist, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit erkennen. Zu sehen ist jedoch, dass ein hinter einem Hindernis kniender Mann beim Absprung des Pferdes eine lange Latte in Höhe der Vorderbeine hochreisst.

Reitervereinigung und Weltverband verurteilen die Trainingsmethoden

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung FN und der Weltverband FEI haben sich der Angelegenheit bereits angenommen und Untersuchungen eingeleitet. Die FEI in Person von Pressesprecherin Shannon Gibbons teilte am Mittwoch mit, das Wohlergehen des Pferdes sei immer entscheidend, "die FEI verurteilt alle Massnahmen, die im Gegensatz dazu stehen". Die in dem Beitrag gezeigten Methoden seien "absolut inakzeptabel und widersprechen allen FEI-Regularien".

Auch die FN verurteilte die gezeigten Trainingsmethoden. "Bereits jetzt, unabhängig von dem gezeigten Beitrag, können wir klar sagen, dass der Gebrauch von Vierkantstangen sowie genopptem oder gestacheltem Stangenmaterial inakzeptabel ist und nicht im Einklang steht mit den Grundsätzen des fairen Pferdesports", sagte FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach in einer noch in der Nacht zum Mittwoch veröffentlichten Stellungnahme des Verbandes. Man werde das "ausgestrahlte Filmmaterial sorgfältig analysieren und anschliessend entsprechende Schlüsse zum weiteren Vorgehen ziehen".

Reit-Verband: "Nehmen Vorwürfe sehr ernst"

Der FN sind die Vorwürfe schon seit Juli 2020 bekannt. Als Reaktion darauf richtete der Verband nach eigenen Angaben im Januar 2021 eine Kommission mit Fachleuten aus unterschiedlichen Bereichen des Pferdesports ein. Diese "soll strittige Trainingsmethoden überprüfen und, wo nötig, Vorschläge für Regelwerksänderungen machen". Das Ziel, bis Ende 2021 Ergebnisse vorzulegen, wurde wegen "der Komplexität des Themas Touchierens" nicht eingehalten.

Im Mai 2021 hatte die Vereinigung mit Sitz in Warendorf bei der Polizei NRW eine Anzeige gegen Unbekannt wegen der möglichen Verletzung des Tierschutzgesetzes erstattet. Die Staatsanwaltschaft Münster teilte im vergangenen November der FN mit, dass die Ermittlungen eingestellt worden seien.

FN wendet sich mit einer Bitte an RTL

Die Vereinigung kündigte nun nach der Sendung an, die Staatsanwaltschaft über den RTL-Beitrag zu informieren, "damit diese den Sachverhalt auf Grundlage des Tierschutzgesetzes bewerten kann".

Um eine "seriöse Beurteilung des Sachverhaltes" vornehmen zu können, bedürfe es des gesamten Video- und Beweismaterials, sagte er. "Wir fordern RTL deshalb erneut auf, uns dieses vollständig zur Verfügung zu stellen."

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Deutsche Reiterliche Vereinigung mit dem Barren beschäftigen muss. Anfang der 90er Jahre erschütterte die Affäre um den dreimaligen Europameister Paul Schockemöhle den Pferdesport und brachte vor allem das Springreiten unter Rechtfertigungszwang. (dpa/AFP/fte/ank/mf)

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