• Das Verschwinden der chinesischen Tennisspielerin Peng Shuai hat die Sportwelt in helle Aufregung versetzt.
  • Immer wieder verschwinden in China Menschen, die es gewagt haben, die Parteilinie von Xi Jinping zu verlassen. Die Praxis hat sogar eine rechtliche Grundlage.
  • Dennoch darf China in drei Monaten die Olympischen Winterspiele austragen - und verfolgt dabei ganz offensichtlich propagandistische Ziele. Und das IOC muss aufpassen, sich dafür nicht vor den Karren spannen zu lassen.
Eine Analyse

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Nur wenige Monate bevor in China die Olympischen Winterspiele ausgetragen werden, schlägt der Fall der Tennisspielerin Peng Shuai hohe Wellen. Die 35-Jährige hatte Anfang November 2021 den früheren chinesischen Vize-Regierungschef Zhang Gaoli des sexuellen Missbrauchs bezichtigt und war danach verschwunden.

Die Tenniswelt ist seither in heller Aufregung. Daran änderte auch eine vermeintliche Mail von Peng Shuai an WTA-Chef Steve Simon nichts. Eher im Gegenteil. "Es fällt mir schwer zu glauben, dass Peng Shuai diese E-Mail, die wir bekommen haben, tatsächlich geschrieben hat", machte Simon deutlich und forderte einen "unabhängigen und nachprüfbaren Nachweis", dass es Peng Shuai gut gehe. Den hat China nun vermeintlich erbracht: Nach mehreren angeblich aktuellen Aufnahmen, die Peng Shuai unter anderem bei einem Tennisturnier zeigten, sich jedoch nicht verifizieren liessen, hat nun IOC-Präsident Thomas Bach ein Videotelefonat mit der Sportlerin geführt. Dabei habe sie erklärt, dass sie in Sicherheit sei.

Klein: "Unklar, ob Peng Shuai sicher ist"

Maximilian Klein, der bei Deutsche Athleten e.V. für internationale Sportpolitik zuständig ist, überzeugt das nicht im Geringsten. Gegenüber unserer Redaktion kritisiert er das IOC scharf: Die nach dem Telefonat erfolgte Stellungnahme liesse weder Peng Shuai direkt zu Wort kommen noch erwähne sie, dass Peng Shua drei Wochen vermisst wurde und zuvor Missbrauchsvorwürfe gegen einen hochrangigen Politiker erhoben hatte. Klein weiter: "Es bleibt also weiterhin unklar, ob Peng Shuai tatsächlich in Freiheit und sicher ist, sie freie Entscheidungen treffen und sich frei von Zwang und Zensur äussern kann." Das IOC müsse zwingend auf einer unabhängigen Untersuchung der Anschuldigungen bestehen, findet Klein und sich ansonsten an der WTA ein Vorbild nehmen und sich ökonomische Konsequenzen vorbehalten.

China lässt systematisch - und rechtlich abgesichert - Menschen verschwinden

Dass eine hochrangige Sportlerin wie Peng Shuai einfach verschwindet, ist im Übrigen auch für Klein wenig überraschend. Es ist nicht das erste Mal, dass in China Menschen verschwinden, die es gewagt haben von der Parteilinie abweichende Meinungen kundzutun, oder sonst irgendwie aus der kommunistischen Reihe tanzen. Immer wieder verschwinden systemkritische Journalisten, wie z.B. Li Zehua, der unabhängig über die Ursprungsregion des Coronavirus Wuhan berichten wollte. Auch Stars und Sternchen wie die Schauspieler Zhao Wei sind bereits verschwunden. Häufig tauchen sie Monate später wieder auf und ergehen sich in einer Lobpreisung der kommunistischen Volksrepublik China. Umerziehung erfolgreich.

Ende 2020 verschwand sogar Alibaba-Gründer Jack Ma, nachdem er das chinesische Wirtschaftssystem kritisiert hatte. Drei Monate später tauchte er wieder auf, wo er während seines Verschwindens war, darüber schweigt sich Ma aus.

Rechtliche Grundlage für das Verschwindenlassen

Seit 2019 hat das "Verschwinden" eine gesetzliche Grundlage in China. Die willkürliche und geheime Inhaftierung heisst "Liuzhi" und ermöglicht den Behörden "eine längere Haftdauer ohne Kontakt zur Aussenwelt", schreibt Amnesty International in seinem China-Bericht von 2019. Dadurch erhöhte sich für die Inhaftierten das Risiko, "Folter und andere Misshandlungen zu erleiden sowie zu ‚Geständnissen‘ gezwungen zu werden". Es ist anzunehmen, dass auch Peng Shuai gerade "Liuzhi" zum Opfer gefallen ist.

Und das drei Monate vor den Olympischen Winterspielen in China.

Sport hat in China einen besonderen Stellenwert

Sportlerinnen und Sportlern wie Peng Shuai kommt in autoritären Regimen eine ganz besondere Rolle zu. Bei internationalen Auftritten wie den Olympischen Spielen sind sie Repräsentanten und Repräsentantinnen ihres Landes, wenn sie Medaillen gewinnen, gewinnen sie diese auch für das Regime. Und China tut viel dafür, dass sich das Land und Machthaber Xi Jinping möglichst oft über sportliche Erfolge freuen kann. Bei Olympischen wie Paralympischen Spielen zählt nur Gold, darauf wird mit aller Macht hingearbeitet. Und wenn das Land in einer Sportart noch nicht so erfolgreich ist, wie das Xi Jinping gerne sehen würde, dann wird eben sehr viel Geld in die Hand genommen. Davon kann beispielsweise der Fussball ein Liedchen singen.

"Sportliche Erfolge sollen als Beleg dafür dienen, wie erfolgreich die Wirtschafts- und Öffnungspolitik ist, die China seit 1980 eingeschlagen hat", erklärte der in Shanghai ansässige Unternehmensberater Dr. Dr. Andreas Tank 2017 im Gespräch mit unserer Redaktion. Diese Aussage kann auch heute noch stehen.

Erfolgreiche Athletinnen und Athleten werden daher gerne hofiert, es gibt Geschenke, finanzielle Unterstützung – solange der Erfolg da ist und solange alle einfach nett lächeln, sich bei der Volksrepublik bedanken und ihre möglicherweise abweichenden politischen Meinungen für sich behalten.

Umso schwieriger ist es für Sportlerinnen und Sportler, sich aus den Zwängen der Regierung zu befreien. Oft sind sie und ihre Familie komplett von deren Gunst abhängig. In den seltensten Fällen schaffen sie es zu internationalem Ruhm und wirklicher finanzieller Unabhängigkeit. Und selbst dann sind sie nicht vor Interventionen gefeit. Siehe Peng Shuai. "In einem System wie China hat Peng Shuai enorme Risiken und Gefahren auf sich genommen und sich damit in Lebensgefahr gebracht", erklärt Klein vom Deutsche Athleten e.V. "Sie hat ihr Schweigen gebrochen und ist Vorbild für so viele, die innerhalb und ausserhalb des Sports Gewalt und Missbrauch erfahren haben."

Shitstorms durch chinesische Medien an der Tagesordnung

Peng Shuais Fall hat durch den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs gegenüber einem hochrangigen Politiker noch eine ganz andere weiterführende Dimension, wenn es um die Sicherheit von Sportlerinnen und Sportler geht. Doch in China kann auch schon die kleinste Abweichung von der Parteilinie zu veritablen Shitstorms durch die chinesischen Staatsmedien führen. So wurde beispielsweise die Sportschützin Yang Qian beschimpft, weil sie auf dem Blogportal Weibo – auf dem übrigens auch Peng Shuai ihre Vorwürfe öffentlich machte – ihre Nike-Schuhsammlung zeigte. Denn Nike ist in der Volksrepublik eine Firma non grata, seit sich der Sport-Gigant öffentlich gegen Zwangsarbeit ausgesprochen hat und keine Baumwolle mehr aus Xinjiang beziehen möchte, wo China systematisch Uiguren und andere muslimische Minderheiten unterdrückt und ausbeutet. In den ohnehin stark zensierten sozialen Medien schürt ein nationalistischer Mob derartige Auswüchse eines herangezüchteten Nationalstolzes. Das war auch bereits bei den Olympischen Sommer-Spielen in Tokio so. Laut "TAZ" wurde nach verlorenen Tischtennisfinale im gemischten Doppel gegen Japan offen gegen das Nachbarland gehetzt. Jeder Chinese müsse die "Blutrache gegen Japan im Kopf behalten", war da beispielsweise in den sozialen Medien zu lesen.

China hält nicht viel von Pressefreiheit

Noch sind es ein paar Wochen bis die Olympischen Winterspiele in Peking starten, doch die Propagandamaschine Chinas läuft bereits und dazu gehört auch, mögliche negative Berichterstattung aus dem Ausland, wenn sie schon nicht ganz zu vermeiden ist, so schwierig wie möglich zu gestalten. Ausländische Journalisten werden also gar nicht über mögliche Termine informiert oder zu ihnen eingeladen. Ein Journalist, der für einen internationalen Sender arbeitet, berichtet laut "tagesschau.de", er sei nach einem kritischen Beitrag vom Organisator des Pressetermins am Telefon beschimpft und bedroht worden. In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen steht China auf Platz 177 von 180.

Und China versucht nicht einmal mehr derartige Vorkommnisse zu verschleiern. Und da wären wir dann auch wieder bei Peng Shuai. Denn Einschüchterungen und Propaganda passieren unverhohlen und mit gesteigerter Arroganz, befindet beispielsweise Mareike Ohlberg vom German Marshall Fund, in ihrer Analyse der angeblichen Email von Peng Shuai an den Chef der WTA. Sie sieht in der Mail eine Machtdemonstration der chinesischen Regierung, denn nicht einmal die chinesische Bevölkerung würde glauben, dass Peng Shuai die Mail selbst verfasst habe. Der Tweet des internationalen chinesischen Staatsfernsehens sei hingegen ein gutes Beispiel für die Verschmelzung von Inkompetenz und autoritärer Hybris in Chinas offizieller Kommunikation.

Peng Shuai

Die Tenniswelt sorgt sich um Peng Shuai - Angebliche Mail aufgetaucht

Die Tenniswelt ist beunruhigt. Seit Vorwürfen wegen eines sexuellen Übergriffs durch einen Spitzenpolitiker in China wurde Peng Shuai nicht mehr öffentlich gesehen. Eine von Staatsmedien verbreitete Erklärung unter ihrem Namen vergrössert jetzt nur die Sorgen.

Mulmiges Gefühl bei Sportlerinnen und Sportlern

Am 4. Februar starten die Olympischen Winterspiele in Peking und viele Sportlerinnen und Sportler werden - auch angesichts der Vorkommnisse rund um Peng Shuai - mit einem mulmigen Gefühl im Magen in ein Land fahren, das so wenig von freier Meinungsäusserung hält, weiss Klein. Viele Athletinnen und Athleten seien für die menschenrechtliche und politische Lage im Land sensibilisiert. Gerade mit Blick auf die bevorstehenden Winterspiele müsse der organisierte Sport nun beweisen, dass er den Schutz und die Sicherheit der Athletinnen und Athleten gewährleisten kann, glaubt Klein. "Wie werden sie vor Überwachung geschützt? Kann ihre Unversehrtheit sichergestellt werden? Wie wird ihre Meinungs- und Redefreiheit gewährleistet, vor allem, wenn sie sich kritisch äussern wollen? Die Organisatoren sollten auf alle Szenarien vorbereitet sein." Dem IOC kommt dabei natürlich eine ganz besondere Rolle zu. Eine Rolle, die das von Thomas Bach geführte Kommitee leider schon zu oft sträflich vernachlässigt hat: menschenrechtliche Sorgfaltspflicht.

Im Fall von Peng Shuai sieht Klein das IOC bereits wieder in alte Muster zurückfallen und wird deutlich: "Das IOC muss aufpassen, sich mit seinem Schweigen und dieser Ignoranz nicht für chinesische Propagandazwecke einspannen zu lassen."

Quellen:
  • Gespräch mit Maximilian Klein vom Deutsche Athleten e.V.
  • "NZZ": China lässt einen Tennisstar verschwinden
  • Amnesty International: Report China 2019
  • "Sueddeutsche.de": China kämpft um sein Image
  • "Deutschlandfunk.de": Nach Berichten über Coronavirus: Erneut kritischer Journalist in China verschwunden
  • "Taz.de": Die Wut der kleinen Pinks
  • "Tagesschau.de": Vor Winterspielen in Peking: Journalisten unerwünscht
  • Reporter ohne Grenzen: China
  • dpa