Die vergangenen Jahre waren für Alexander Pointner und seine Familie der blanke Horror: Nach einem Selbstmordversuch seiner Tochter zog er sich aus dem Sport und der Öffentlichkeit zurück. Nun will er anderen helfen und das Thema Depression entstigmatisieren.

2014 verübte Alexander Pointners Tochter Nina einen Suizidversuch, lag anschliessend 13 Monate im Wachkoma und starb im Dezember 2015. Jetzt, drei Jahre später, kann der erfolgreichste Trainer der Skisprung-Geschichte über das Erlebte sprechen.

Wie geht es Ihnen zurzeit, Herr Pointner?

Alexander Pointner: Es ist schwer in diesen Wochen, aber meine Frau, meine Kinder und ich versuchen damit umzugehen. Es begann schon um Allerheiligen schwierig zu werden, weil Nina ihren Suizidversuch am 5. November unternommen hat, das war 2014. Und jetzt am 17. Dezember jährte sich ihr Todestag zum zweiten Mal.

Sie haben in Ihrem Buch "Mut zur Klarheit" die vergangenen drei Jahre aufgearbeitet. War das vorrangig selbsttherapeutisch motiviert oder wollten Sie heikle Themen enttabuisieren?

Letzteres. Es leiden so viele Menschen unter Depressionen. Und viele von ihnen suchen nicht einmal das Gespräch mit Familienmitgliedern, Freunden oder Arbeitskollegen, geschweige denn einen Arzt auf, weil sie Angst davor haben, stigmatisiert zu werden.

Viele fürchten sich auch vor beruflichen Nachteilen. Psychisch Kranke könnten ja nie wieder leistungsfähig sein, heisst es oft, was natürlich ein Blödsinn ist. Psychische Verletzungen lassen sich sehr wohl heilen, wenn man auf die Hilfe von Experten setzt.

Im Kapitel "Der Tag, der unser Leben veränderte" schildert Ihre Frau Angi jene Horrorsituation, als sie Ihre Tochter im Keller erhängt fand. Wie schwer ist es, derartiges niederzuschreiben?

Das ist natürlich ein Erlebnis, das man sein Leben lang nicht vergessen wird. Und dessen Bilder sich für immer einbrennen.

Wir haben uns aber dazu entschlossen, die Geschehnisse zu Papier zu bringen – als eine Art Appell für Offenheit, Beistand sowie Enttabuisierung und Entstigmatisierung.

Und ja: Angi hat die Szene, als sie unsere Nina fand, offen und schonungslos beschrieben, was ihr alles andere als leicht fiel.

Auch der Raum, in dem Nina versuchte sich umzubringen, ist ja immer noch da. Nachdem wir ihn zwei Jahre lang kaum betreten konnten, versuchen wir ihn derzeit langsam wiederzubeleben, was vor allem Angi schwerfällt.

Sie wollten natürlich wissen, wie es damals so weit kommen konnte. Ihrem Buch zufolge war die Ursache für Ninas Suizidversuch eine schwere Depression, der Anlass letztlich schulischer Druck bzw. eine bevorstehende Prüfung an diesem verhängnisvollen Tag.

Den konkreten Anlass kennen wir nicht, aber Nina ist an diesem Tag in einer Schulstunde aufgestanden und hat wütend die Klasse verlassen. Meine Frau hat sie umgehend abgeholt und natürlich gefragt, was passiert ist. Unsere Tochter wollte ihr den Grund aber nicht sagen.

Im Grunde ist es nicht relevant: Wir suchen keine Schuldigen, weil absolut niemand sich jemals hätte vorstellen können, dass unsere Tochter diesen Schritt setzen würde – weder wir, noch Freunde, noch ihre Therapeutin.

Aber Tatsache ist, dass Ninas Therapeutin uns ersucht hatte, den Lehrköper der Schule über ihre Depression zu informieren, was auch in Ninas Sinne war und wir letztlich auch getan haben. Nur leider hat die Kommunikation in der Schule dann nicht geklappt, weshalb die Lehrer nicht informiert wurden.

Wie gehen Schulen mit solchen Situationen um?

Für Schulen gibt es – wie auch für andere Einrichtungen – Notfallpläne in Krisensituationen. Darin ist beschrieben, was im Falle psychisch erkrankter Schüler zu tun ist.

Leider sind diese in Schulen nicht bindend, werden nur als eine Art Leitfaden verstanden und verstauben so in den Regalen. Dabei wären bindende Regeln auch eine Entlastung für das Lehrpersonal, da sie dadurch konkret wüssten, wie es sich im Falle von depressiven oder suizidgefährdeten Schülern zu verhalten gilt. Passiert dann etwas, wird vieles unter den Tisch gekehrt.

Ich befasse mich intensiv mit diesem Thema und unterstütze das grossartige Projekt "YAM" der "Suizidprävention Austria". Es klärt Schüler und Lehrer auf, damit sie sich gegenseitig im Fall einer Depression oder bei Suizidgedanken unterstützen können.

Wie schwierig ist es, in solchen Extremsituationen Verständnis dafür aufzubringen, dass auch das Umfeld überfordert ist?

Natürlich kann ich Unsicherheiten und Berührungsängste verstehen. Wenn jemand nicht weiss, wie er mit der Situation umgehen soll, ist es am besten, er kommuniziert das klar.

Aber wenn Freunde oder langjährige Arbeitskollegen sich plötzlich nicht mehr melden, dann verletzt das einfach. Auch ein lapidares "Meld‘ dich, wenn du etwas brauchst!" ist für einen, der gerade am Boden zerstört ist, nicht die grosse Hilfe.

Das Wort Beistand impliziert für mich, dass man "stehen bleibt" – selbst wenn man einfach nur da ist. Aber auch hier liegt der Hund in der mangelnden Kommunikation begraben.

Wären Themen wie "Depressionen" und "Freitod" in unserer Gesellschaft nicht so ein Tabu, gäbe es auch weniger Unsicherheiten und Berührungsängste in direkten Begegnungen.

Am 17. Dezember 2015 mussten Sie Nina nach über einem Jahr Wachkoma gehen lassen. Sie haben auch Floskeln wie "Ist doch eine Erlösung für alle" zu hören bekommen. Für Sie war Ninas Tod aber alles andere als eine Erlösung oder?

Für mich hat Ninas Tod in erster Linie einmal die letzte Hoffnung zerstört. Eine Hoffnung, die uns enorm viel Kraft gegeben hat für die Unterstützung unserer Tochter.

Ich kann mit Phrasen wie "Es ist doch das letztlich das Beste für alle Beteiligten" einfach nicht so gut umgehen, denn als Vater lebt die Hoffnung immer. Man hat ja auch stets seine Tochter vor Augen, wie sie vor dem Wachkoma war.

Wenn jemand behauptet, es sei doch letztlich so besser, weil sie "eh für immer ein Pflegefall gewesen wäre", dann kränkt mich das. Wir hätten unsere Tochter natürlich gerne bis an ihr Lebensende gepflegt.

Was macht so eine Tragödie mit einer Partnerschaft?

Es hat uns noch mehr zusammengeschweisst, wofür wir sehr dankbar sind. Uns ist bewusst, dass viele Partnerschaften und Familien vor dem Hintergrund solcher Geschehnisse in die Brüche gehen oder auseinandergerissen werden.

Wir haben aber ungemein gefightet, uns auch professionell helfen lassen und auf diesem Wege viele schlechte Verhaltensmuster durchbrochen.

Erlauben Sie noch zwei Fragen zu aktuellen Themen?

Natürlich.

Was halten Sie als ehemaliger Schüler des Skigymnasiums Stams von der aktuellen Diskussion um Missbrauchsvorwürfe und entwürdigende Rituale im Skisport?

Zuerst möchte ich vorausschicken, dass ich froh bin, dass mir Dinge wie das "Pastern" persönlich nicht widerfahren sind.

Sehr wohl wusste ich damals aber, dass es das in Stams gibt. Ein "Passt’s auf, sonst seid’s dran!", bekam man als Junger von älteren Schülern durchaus mal zu hören.

Toni Innauer, damals Trainer in Stams, und Paul Ganzenhuber, sportlicher Leiter der Schule, wussten ebenso davon und haben stets versucht, rigoros dagegen vorzugehen. Vor allem Toni hat sich zu solchen Themen immer unglaublich viele Gedanken gemacht.

Die Reaktionen von ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel und ÖSV-Sportdirektor Hans Pum auf die Missbrauchsvorwürfe Nicola Werdeniggs finde ich hingegen brutal beschämend. Man kann auf so ein Thema nicht einfach mit einer Gegenoffensive reagieren und mit einer Klage drohen.

Das verkörpert ein altes Machtsystem, das nicht mehr zeitgemäss ist. Die Aussage vom Sportdirektor, es sei ja schliesslich Olympiasaison, man müsse für Österreich siegen und könne sich nicht um alles kümmern, war für mich entlarvend, wie weit sich der Skiverband vom realen Leben entfernt hat. Das schadet auch dem Sport selbst.

Welche beruflichen Projekte haben Sie derzeit am Laufen?

Ich halte seit 2007 Vorträge zu Themen wie Teamentwicklung, Leistungsfähigkeit und Performance – den Spitzensport, aber auch gänzlich andere Branchen betreffend.

Dabei greife ich vor allem die Differenzierung zwischen "Basiskompetenz" und "Performance" auf, die im Sport und in Unternehmen häufig nicht ausgewogen sind. Oft verliert man sich in Details, was einer Leistung oder einer Produktentwicklung abträglich ist. Dabei liegt in dieser Ausgewogenheit von "Basiskompetenz" und "Perfomance" ein ungeheures Potenzial, das genutzt werden kann.

Ich referiere aber auch regelmässig zum Thema "Wie man aus Krisensituationen Kraft schöpfen kann". Da geht’s um Prävention und psychische Gesundheit. Diese Aufgaben machen mir wahnsinnig viel Spass.

Finale Frage: Wie gross stehen die Chancen, Sie wieder mal auf einem Trainerturm bei einem Skisprungwettbewerb zu sehen?

Im Moment kann ich es mir gar nicht vorstellen. Ich habe zuletzt einen bulgarischen Springer unterstützt und versucht, für ihn Strukturen aufzubauen – eine sehr schöne Aufgabe.

Allerdings musste ich auch feststellen, dass es im Skisprungzirkus einfach Menschen gibt, die mir nicht guttun. Daher lautet meine Antwort auf Ihre Frage: aktuell eher nein!

Aber sag niemals nie! Denn wenn ich eines weiss, dann dass sich das Leben von einer Sekunde auf die andere brachial ändern kann.

Alexander "Alex" Pointner ist ehemaliger Skispringer und der erfolgreichste Trainer der Skisprunggeschichte. Der Tiroler übernahm 2004 als Cheftrainer die österreichische Nationalmannschaft. Nach der Saison 2013/14 lief sein Vertrag mit dem ÖSV aus, woraufhin er sich einer Tätigkeit als Neurocoach zuwandte. Anfang November 2017 erschien sein aktuelles Buch "Mut zur Klarheit - Woher die Kraft zum Weitermachen kommt", in dem er gemeinsam mit Ehefrau Angela den Tod der gemeinsamen Tochter verarbeitet (ISBN: 978-3-902924-69-8).

Wenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person von Suizid-Gedanken betroffen sind, wenden Sie sich bitte an die Telefon-Seelsorge unter der Telefonnummer 08 00/ 11 10 - 111 (Deutschland), 142 (Österreich), 143 (Schweiz).