In einer langen Doku begleitete der Sender VOX in seiner Reportage "Schlager – Jetzt erst recht!" allmählich aus dem Corona-Schlaf erwachende Protagonisten wie Andreas Gabalier, Maite Kelly und Ben Zucker auf ihrem Weg zurück in die Normalität.

Robert Penz
Eine Kritik
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Dank Aufhebung der meisten Schutzmassnahmen können die Schlagerstars schön langsam wieder von Bühne zu Bühne, Auftritt zu Auftritt hetzen. Die VOX-Reportage "Schlager – Jetzt erst recht!" begleitete zehn von ihnen, darunter Andreas Gabalier, Maite Kelly, Ben Zucker oder Mike Leon Grosch, auf ihrem Weg zurück in die Normalität und bot für den einen oder anderen Zuseher spannende Einblicke in das private und berufliche Umfeld der Musiker.

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Der Sender versuchte Antworten auf Fragen wie "Wie haben die Musiker die vergangenen zwei Jahre erlebt?", "Welche Auswirkungen hatten die Einschränkungen auf ihr kreatives Schaffen?" und "Wie fühlt sich das Comeback an?" zu bekommen. "Auf Vox kommt was mit Schlager. Da kann man sicher prima 'Meinungen austauschen'", meinte jemand auf Twitter, der bereits mächtig Bock auf Hohn und Spott hatte, im Vorfeld der Doku.

Unsicherheiten beim VolksRock'n'Roller

Den selbsternannten VolksRock'n'Roller traf VOX unmittelbar vor seinem Münchner Konzert vor rund 100.000 Zusehern. Nein, um Andreas Gabalier musste man sich zeit der Pandemie nicht die grossen Sorgen machen. Würde man sein bereits verdientes Geld in Lederhosen investieren und diese dann aneinanderreihen, so ergäbe dies ungefähr die Strecke von der Erde bis zum Pluto und wieder zurück bis zum Uranus oder so.

Aber Gabalier ist heute anders als sonst. Er ist mächtig angespannt, was er in Ansätzen auch zugibt. Die Krise hat bei ihm ein paar Unsicherheiten aufpoppen lassen. "Ist der Trachtenhype noch da, ist das alles noch hipp", macht sich der "Schneiztiachl-Andy" jetzt Sorgen. Auch die nach Aufhebung der Beschränkungen schleppenden Ticketverkäufe bei seinen Kollegen hätten dem 37-Jährigen zu denken gegeben. "Er ist sensibel", bestätigt eine Gabalier-Aficionada, die das alleine nicht stehen lassen will. "Und er ist sexy und ein saucooler Hund", ergänzt sie.

Grosse Tragödien in Gabaliers Leben

Für Gabalier war die Pandemie jedenfalls nicht die bis dato härteste Zeit seines Lebens. 2006 begeht sein Vater Suizid. "Es wird einen Grund gegeben haben, er wird gewusst haben, warum. Und anscheinend war es auch sein freier Wille", versucht er am Samstagabend die Emotionen aussen vor zu lassen. Noch schlimmer dürfte für ihn zwei Jahre nach dem tragischen Suizid des Altvorderen der Freitod seiner Schwester gewesen sein.

"Ein Mädchen zum Pferdestehlen. Und so hat sie das bis zu ihrem 19. Lebensjahr durchgezogen" äussert er sich in der VOX-Doku etwas kryptisch. Wenn er heute auf der Bühne steht, wünscht er sich immer wieder, sie und der Vater könnten all dies miterleben. Der Tod der beiden hat Andreas Gabalier geprägt, mitnichten aber gebrochen. Auch die Themen "altbackene Texte", "reaktionäre Texte" und "Nazi-Symbolik" werden noch aufgegriffen. Traditionell und mit einem Augenzwinkern überzeichnet seien seine Texte immer wieder, sagt er. Den Vorwurf, dass er einst mit der Körperhaltung auf dem Cover ein Hakenkreuz imitieren wollte, findet Andreas Gabalier auch heute noch lächerlich.

Sonia Liebing: "Kein Cent mehr von jetzt auf gleich"

Auch Schlagersängerin Sonia Liebing begleitete Vox bei ihrem Comeback, von dem man zunächst nichts merkte. Man sah Liebing und ihren Mann vor allem in deren "Wohnwagen-Schätzchen", haben die beiden doch vor nicht allzu langer Zeit das Campen für sich entdeckt. Ohne Punkt und Komma erzählt die Schlagerbardin etwa, wer wo immer im Wohnwagen schläft, sitzt, Fingernägel feilt, atmet, pupst und dergleichen. Dann endlich das Thema Pandemie. Von heute auf morgen hatte Liebing keine Auftritte mehr.

"Plötzlich wird dir der Boden unter den Füssen weggerissen und von jetzt auf gleich kommt kein Cent mehr rein", konstatiert die Mutter zweier Kinder, die damals echte Zukunftsängste plagten. Auch die Einkünfte des Mannes, der zuvor seinen langjährigen Job an den Nagel gehängt hatte, um fortan seine Frau zu managen, blieben jetzt aus. "Wir haben einfach minimalistisch gelebt und waren primär zuhause", gesteht Liebing, die ihre Karriere jetzt wieder anschieben möchte und vor einem Auftritt in Stralsund zu sehen ist. Nach sieben Stunden Autofahrt ist ihr Haar nicht mehr in Topform. "Durch die Fahrt hab ich ein bisschen Volumen verloren", sagt sie, während sie sich ein paar Löckchen reindreht. Endlich wieder die guten alten Probleme.

Jürgen Drews – zufriedener Rentner

Auch Schlagerrentner Jürgen Drews darf, obwohl der in diesem Jahr Zurückgetretene nach dem Ende der Massnahmen kein Comeback plant, in der Reportage immer wieder etwas sagen. Unter anderem, dass es ihm im Münsterland, wo der einstige König von Mallorca in dörflicher Idylle schon am Geniessen des Ruhestands ist, äusserst gut gehen würde. Drews Superhit "Ein Bett im Kornfeld" gibt’s längst in gefühlten 1.500 Versionen und könnte durchaus irgendwann den Beatles-Klassiker "Yesterday", der als der am häufigsten gecoverte Song der Welt gilt, ablösen, so man, wie Drews es nicht selten getan hat, auch sich selbst covern darf.

Zuletzt hat der abgedankte Malle-King eine Version mit Ben Zucker aufgenommen. Drews jedenfalls fand seine Auszeit in der Pandemie "richtig toll", sei er in dieser Zeit in seinem Münsterländer Domizil doch "zu sich selbst gekommen". "Ich bin ein glücklicher Rentner und hab eine wunderhübsche Frau, mit der ich mich richtig gut versteh", offenbart der 77-Jährige, der den kleinen Wald und den Schwimmteich auf seinem Grundstück besonders liebt. "Ich hab alles, was ich will. Ein paar Jahre jünger wäre ich halt gern", gesteht Drews.

Maite Kelly – die schüchterne Leseratte

In Meerbusch bei Düsseldorf begegnen wir in einem Buchladen Maite Kelly. Das elfte von zwölf Kelly-Kindern ist eine veritable Leseratte und laut eigener Aussage alles andere als eine Partymaus. "Ich bin auch keine Freundin von roten Teppichen. Ich bin privat eigentlich sehr schüchtern", verrät die 42-Jährige, die als Kind alle Klassiker gelesen hat. "Jane Austen kannst du viermal lesen. Da entdeckst du immer eine neue Facette", sagt Kelly, deren Bibel einst ein Buch der Gebrüder Grimm war. "Meine Schatztruhe der Träume", sagt sie, ehe sie im Laden die Biografie von ihrem Duettpartner Roland Kaiser, nach ihrem Vater ihr zweiter musikalischer Mentor, entdeckt. Die Pandemie hat Kelly, die auch erfolgreiche Kinderbuchautorin ist, dazu genutzt, den ersten Band ihrer neuen Buchreihe sowie ein neues Album zu schreiben. "Meine grösste Sorge als Unternehmerin war, meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter halten zu können und sie nicht in Kurzarbeit zu schicken", verrät Kelly.

Ben Zucker einst hochverschuldet

Dass Ben Zucker schon mal über 100 Kilometer mit dem E-Mountainbike zu seinem nächsten Auftritt fährt, ist nicht so ungewöhnlich. "Am Fahrradfahren mag ich, dass man erstmal alleine und zudem so mit der Natur verbunden ist", sagt der 33-Jährige, der aktuell einer der erfolgreichsten Acts im Schlagerbusiness ist, einst aber hochverschuldet war. Noch heute hebt er eher nur dann Geld ab, wenn hinter ihm am Geldautomaten keiner steht. Noch heute hat er Angst, dass das Teil ihm ein "Auszahlung nicht möglich" entgegenschleudert. Dennoch bezeichnet sich der Schlagerbarde als Überlebenskünstler. "Ich kann mit einem Minus von 80.000 Euro auf dem Konto im Wesentlichen sehr gut auskommen", sagt der in der Reportage stets sympathische Zucker, dessen Familie einst aus der DDR über Ungarn in den Westen flüchtete. "Wir konnten immer nur nachts laufen. Tagsüber hielten wir uns mitunter in Maisfeldern versteckt", plaudert er aus dem Nähkästchen.

Viel Alkohol im ersten Lockdown

Zucker kommt mit dem Mountainbike pünktlich zum Soundcheck. "Er ist immer pünktlich. Immer überpünktlich. Er ist überhaupt ein ganz toller Mensch und stets auf Augenhöhe mit seinem Umfeld und seinen Musikern", schwärmt seine Tourmanagerin. "Meine Band ist mir einfach sehr, sehr wichtig. Ist meine Basis. Die sorgen dafür, dass ich auf der Bühne fliegen und mich entfalten darf. Natürlich sind da auch Freundschaften entstanden", berichtet Ben Zucker, der während des ersten Lockdowns plötzlich meinte, jeden Tag Alkohol trinken zu müssen, den Konsum aber bald danach wieder deutlich reduzierte. Rund 5.000 Fans wollen sein Konzert hier in Kamenz sehen.

DSDS-Star: Pleite und zwei Herzinfarkte

Seine grösste Krise hatte Mike Leon Grosch, DSDS-Finalist von 2006, bereits Jahre vor der Pandemie. 2010 ist der Mann, der wirklich singen kann, zunächst mal absolut pleite. "Das Auto war weg, das teure Fahrrad ebenso und auch die Bausparverträge gab’s nicht mehr", gesteht er in der VOX-Reportage. Einkünfte aus künstlerischen Tätigkeiten damals? Nullkommanull! Zahlreiche Bewerbungen für konventionelle Jobs verschickte er damals, doch niemand wollte Grosch, der als einstiger DSDS-Star doch sicher ständig zu spät in die Arbeit kommen würde. Auch auf seiner Wohnungssuche begegnete er ausschliesslich Vorurteilen.

Doch 2010 ist er noch lange nicht am Tiefpunkt. Der folgt sechs Jahre später. 2016 hat der damals 39-Jährige zwei lebensbedrohliche Herzinfarkte. Sie lassen ihn an sein Kind und seine Mutter denken und schliesslich seinen Lebensstil adaptieren. Sein Comeback-Album kurz vor Ausbruch der Pandemie ist dann ein Überraschungserfolg, der jedoch von Corona wieder massiv gebremst wird. Mit seinem Produzenten Oli Nova möchte auch er jetzt seine Schlagerkarriere wieder neu anschieben. Anfang 2023 soll das neue Album auf den Markt kommen.

Vier Stunden ehrliche Langeweile

Wie der Sender VOX auf die Idee kam, eine Reportage über das nach der Pandemie sich wieder drehende Schlagerkarussell auf vier Stunden aufzublasen, ist im Grunde nicht nachvollziehbar und wäre ungefähr so, als würde "Discovery Channel" aus den Flatulenzen einer Eintagsfliege einen Dreiteiler machen.

Und dennoch: Irgendwie war es das Unaufgeregte, das Unspektakuläre, das der Reportage über dieses gefällige, dauerlächelnde, wenig authentische und im Grunde auf dem Leitsatz "Mit heiler Welt zum grossen Geld" fussende Business irgendwie gut tat. Fazit: Es war zwar richtig fad, dafür aber ein bisschen ehrlich.

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