Wie macht man unter Pandemie-Bedingungen eine gute Fernsehshow? Im vergangenen Jahr konnten die TV-Sender hier bedauerlicherweise eine Menge Erfahrung sammeln. Am Samstagabend musste das ZDF aber mit "Gottschalks grosser 90er-Show" erkennen, dass man in einer Pandemie nicht mehr als das Machbare hinbekommt.

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock
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Mit Erinnerungen ist das so eine Sache. Meist erinnert man sich eher an die guten Sachen, die dann auch noch schöner strahlen, als sie damals waren. Erinnerungen sind also von Haus aus sehr selektiv. So weit, so banal.

Etwas komplizierter, wenn auch nicht viel, wird es da bei kollektiven Erinnerungen. Was der eine erinnerungswürdig findet, hat ein anderer vielleicht schon längst vergessen. Wer bestimmt also, was in einen kollektiven Erinnerungsschatz kommt und was nicht?

Noch ein bisschen komplizierter wird es, wenn man kollektive Erinnerungen in eine Fernsehshow umwandeln muss - und das Ganze dann auch noch unter Pandemie-Bedingungen. Wie das gelingen kann, zeigte am Samstagabend Thomas Gottschalk mit "Gottschalks grosse 90er Show". Wie das nicht gelingen kann, leider auch. Doch zunächst muss man fragen: Warum gibt es überhaupt "Gottschalks grosse 90er-Show", wenn das mit der kollektiven Erinnerung so kompliziert ist?

Die Antworten auf diese Frage sollte Gottschalk über den ganzen Samstagabend verteilt geben. Eine davon war diese: "Ich habe es geschafft, der Archivar des ZDF zu werden und habe sie ja durch verflossene Jahrzehnte führen dürfen", erklärte Gottschalk, als er zu den Tönen des 1998er Hits "Narcotic" der Band Liquido ins Studio tänzelte.

Thomas Gottschalk: "Die 1990er waren besser als ihr Ruf"

Gottschalk ist also nicht der 1990er-Jahre-Experte, sondern kommt immer dann zum Einsatz, wenn mal wieder aus einer Epoche eine Fernsehshow gemacht wird. So gab es bereits "Gottschalks 68er-Show" und "Gottschalks 80er-Show". Dass Gottschalk nun die "90er-Show" machte, war also nur konsequent, auch wenn seine musikalische Heimat eher zwischen Status Quo und Led Zeppelin liegt als zwischen DJ Bobo und Nirvana.

Damit wäre also auch schon das Warum geklärt, doch Gottschalk hatte hier noch Präzisierungsbedarf: "Die 1990er werden zu Unrecht ein bisschen so als Trash-Jahrzehnt in Sachen Mode und Pop-Geschichte eingeordnet, denn sie sind besser als man dachte und besser wurde es nachher sowieso nicht mehr. In den 1990ern freute man sich auf das erste Arschgeweih, heute freut man sich auf die zweite Impfung."

Thomas Gottschalk
Thomas Gottschalk führte durch seine Show.

Da steckte natürlich eine Menge typischer Gottschalk-Humor drin, aber eben auch ein bisschen Wahres. Zum einen gab es natürlich in den 1990ern eine Menge Dinge, die ästhetisch und musikalisch zweifelhaft waren – aber die gab es in jedem Jahrzehnt. Und so startete Gottschalk die eigentliche Show völlig zu Recht mit einem "Die 1990er waren besser als ihr Ruf" – um dann den ganzen Abend lang den Gegenbeweis anzutreten.

"Gottschalks grosse 1990er-Show" wird zu "Gottschalks kleine 1990er-Show"

Auf der Bühne standen an diesem Abend unter anderem die Prinzen, PUR, Ten Sharp, Sasha, Matthias Reim, Jenny Berggren von Ace of Base, Lou Bega und Loona. Das klingt jetzt nicht unbedingt nach einem 1990er-Jahre-Best-of und einem "besser als ihr Ruf" - und genau das ist das Problem. Ohne diesen Künstlerinnen und Künstlern zu nahe treten zu wollen: Sie hatten in den 1990ern absolut ihre Relevanz – aber eben nicht nur sie.

Und so kam zur kollektiven Erinnerung eben auch die Realität des Machbaren, wie Gottschalk selbst erklärte: "Als es um die musikalische Zusammenstellung dieses Abends ging, habe ich natürlich gemault: Wo bleiben Nine Inch Nails, Stone Temple Pilots, R.E.M.? Wo sind Greenday, die Foo Fighters, Rage against the Machine? Aber man hat mir natürlich immer gesagt: Hör mal, die steigen doch derzeit alle in keinen Flieger!"

R.E.M sowieso nicht, denn die Band hat sich bereits aufgelöst, aber in der Tat ist es schwierig, in Pandemie-Zeiten eine Show wie in Nicht-Pandemie-Zeiten auf die Beine zu stellen. Und so stand dann am Samstagabend nicht Eros Ramazzotti am Mikrofon und sang seinen 1996er-Hit "Più bella cosa", sondern Giovanni Zarrella. Der ist als Sänger zwar über jeden Zweifel erhaben, aber er ist eben nicht Eros Ramazzotti. Das kann man Zarrella nicht zum Vorwurf machen, auch nicht Eros Ramazzotti und Thomas Gottschalk erst recht nicht. Es war eben eine Show des Machbaren.

Deshalb mussten auch die No Angels einspringen und für die Spice Girls deren Hit "Too Much" darbieten. Und Jeanette Biedermann rettete Gottschalk aus seiner "musikalischen Misere", dass er eben nicht die Foo Fighters oder Greenday bekommen hatte, indem sie im Studio "You Get What You Give" von den New Radicals sang, während die Background-Sängerinnen hinter ihr vom Notenblatt ablasen. Ja, die Foo Fighters wären schon schön gewesen.

Die 1990er: Wiedervereinigung, Henry Maske und der Grüne Punkt

Vor allem aber war es eine Show des Erwartbaren. Niemand konnte davon ausgehen, dass man bei einer Samstagabendshow, die sich "Gottschalks grosse 90er-Show" nennt, eine Geschichtsstunde bekommt.

Nein, hier ging es vor allem um Popkulturelles aus TV, Film und vor allem Musik. Dazwischengemischt wurden kleine Einspielfilmchen, die daran erinnerten, dass es neben den Prinzen und PUR in den 1990ern auch Anderes gab: die Wiedervereinigung, den zweiten Golfkrieg, das Zugunglück von Eschede, aber auch das Tamagotchi, Henry Maske oder den Grünen Punkt.

Zwischen all dem sass Thomas Gottschalk neben seinen Studiogästen und moderierte die Show mit all seiner Routine herunter, ohne tief in irgendeinen Inhalt eindringen zu müssen und mit einem freundlichen Wort für jeden: "Einer der grossen Songs, nicht nur der 1990er, sondern der grossen Songs überhaupt", kündigte er beispielsweise Sasha an, als dieser sein "If You Believe" singen sollte und wahrscheinlich glaubte ihm das noch nicht einmal Sasha selbst.

Und so ist "Gottschalks grosse 90er-Show" am Ende eine Show, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten grosse Mühe gegeben und sicher denen Spass gemacht hat, die "Ach ja, weisst du noch?"-Momente mögen. Der Trost für alle anderen: In ein paar Jahren wird man die Show als besser im Gedächtnis haben, als sie war. So ist das eben mit der Erinnerung.

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