"The Big Short" verwandelt das eher trockene Thema Finanzkrise auf wundersame Weise in einen überaus unterhaltsamen Film. Durch eine geschickte Verbindung aus Komödie und Drama und einer Besetzung, die sich wie ein "Who is who" Hollywoods liest, schickt Regisseur Adam McKay bei der diesjährigen Oscar-Verleihung ein echtes Schwergewicht ins Rennen.

Hochmut kommt vor dem Fall: Zur Mitte des vergangenen Jahrzehnts fühlt sich die US-Wirtschaft unantastbar. Mit blinder Zuversicht jonglieren Banker an der Wall Street tagtäglich mit mehrstelligen Millionenbeträgen, als ginge es um den Tausch von Fussball-Aufklebern. Besonders die Immobilienbranche gilt als vielversprechender und vor allem sicherer Markt – und wird so zu einem Abenteuerspielplatz für alldiejenigen, die von viel Geld in kurzer Zeit mit wenig Aufwand träumen. So entstehen immer verworrenere finanzielle Konstrukte, die am Ende auch Experten kaum noch durchschauen können.

Christian Bale brilliert in dem Film zur Finanzkrise.

Dennoch verschwendet niemand einen Gedanken daran, dass der Wohlstand womöglich auf wackligen Beinen steht. Als der eigentümliche Hedgefonds-Manager Michael Burry (Christian Bale) ein Platzen der amerikanischen Immobilienblase und eine damit einhergehende Weltwirtschaftskrise prognostiziert, wird er belächelt.

Gemeinsam mit einigen risikofreudigen Spekulanten wie dem von Gewissensbissen geplagten Finanzmanager Mark Baum (Steve Carell), dem durchtriebenen Deutsche-Bank-Makler Jared Vennett (Ryan Gosling) und den beiden jungen Investoren Charlie Geller (John Magaro) und Jamie Shipley (Finn Wittrock) wettet Burry gegen das Finanzsystem um mit dem Niedergang der Wirtschaft selbst das grosse Geld zu machen.

Komplizierter Stoff, anschaulich erklärt

Die Finanzwelt ist ein eigener Mikrokosmos, der seinen eigenen Regeln folgt. Wobei strittig ist, ob man überhaupt von Regeln sprechen kann. Nicht wenige Ökonomen sind überzeugt davon, dass Aktienkurse einzig und allein dem Zufall gehorchen. Viele Aussenstehende betrachten die Börse deshalb mit einer Mischung aus Skepsis und Überforderung. Aus einem so komplexen Thema einen kurzweiligen Film zu machen? Ein Ding der Unmöglichkeit - sollte man meinen.

Denn auch wenn "The Big Short" ein überaus anspruchsvoller Film ist, schafft es Regisseur Adam McKay, den verworrenen Stoff so aufzubereiten, dass auch finanzwirtschaftliche Laien von Anfang bis Ende hervorragend unterhalten werden. Das liegt unter anderem an den zynischen Off-Kommentaren von Ryan Goslings Figur, die zugleich die Erzählerrolle übernimmt.

Und dann wären da noch die urkomischen Einspieler, bei denen sich völlig fachfremde Persönlichkeiten wie Selena Gomez, Margot Robbie oder TV-Koch Anthony Bourdain direkt an den Zuschauer richten, um anschaulich zu erklären, was sich hinter kryptischen Begriffen wie "Credit Default Swap" oder "Synthetic CDO" verbirgt.

Wenn beispielsweise von "subprime" die Rede ist, erklärt die australische Schönheit Margot Robbie von der Badewanne aus mit einem Glas Sekt in der Hand, so bedeute das nichts anderes als "Scheisse".

Mit seinem neuen Film, der auf einer wahren Geschichte basiert, hat sich Adam McKay keine einfache Aufgabe vorgenommen. Bislang hatte sich der Regisseur mit unbeschwerten Will-Ferrell-Komödien wie "Anchorman", "Die etwas anderen Cops" oder "Stiefbrüder" einen Namen gemacht. Das Thema, das "The Big Short" zugrunde liegt, ist ungleich ernster. Trotzdem erzählt McKay die Geschichte mit dem grösstmöglichen Humor - ohne sich zu irgendeinem Zeitpunkt im Ton zu vergreifen. Den Spagat zwischen Komödie und Drama meistert er bravourös.

Ein heisser Anwärter bei den Oscars

Anders als Martin Scorseses rabenschwarze Banker-Komödie "The Wolf of Wall Street", die sich ebenfalls kritisch mit abstrusen Finanzgeschäften auseinandersetzt, stellt "The Big Short" weniger einzelne Personen bloss, als das System an sich. Hier treffen die verschiedensten Charaktere aufeinander, die teilweise nichts weiter gemeinsam haben, als das Ziel, Geld zu verdienen. Doch selbst dieses Ziel verfolgen die Protagonisten mitunter aus unterschiedlichen Motiven.

Einen bleibenden Eindruck hinterlässt der zwischen Job und Moral hin- und hergerissene Finanzmanager Mark Baum (Steve Carell), der eine persönliche Vendetta gegen die Branche führt, in der er zwar selbst tätig ist, die er jedoch insgeheim zutiefst verabscheut. Schon im Vorjahr bewies er im Sportlerdrama "Foxcatcher" eindrucksvoll, dass seine schauspielerischen Qualitäten weit über die Darstellung sympathischer Trottel wie in "Jungfrau (40), männlich, sucht …", "Dinner für Spinner" oder "Anchorman" hinaus gehen.

Gewohnt brillant ist auch Christian Bale, der als schrulliges Rechen-Genie mit sonderbarem Sozialverhalten als heisser Anwärter auf den Oscar als bester Nebendarsteller gehandelt wird. Ansonsten fällt es schwer, einzelne Schauspieler besonders hervorzuheben. "The Big Short" ist grandios besetzt bis in die Nebenrollen.

Das hat auch die Oscar-Jury honoriert, die den Film für fünf Preise nominierte, darunter für die beste Regie, den besten Film und Christian Bale als besten Nebendarsteller.

Als desillusionierter Börsenguru im Ruhestand glänzt - zurückhaltend aber effektiv - ein sichtbar ergrauter Brad Pitt. Der fungiert zusätzlich auch als Co-Produzent des Films. Mit Marisa Tomei und Melissa Leo geben sich darüber hinaus zwei Oscar-Preisträgerinnen mit stark begrenzter Screen-Time zufrieden.

Alles in allem ist "The Big Short" eine bitterböse und - trotz einer Länge von 130 Minuten - extrem kurzweilige Abrechnung mit der Finanzwelt. Die Selbstverständlichkeit und Selbstgefälligkeit, mit der die Finanzjongleure über moralische Grenzen hinwegsehen und die amerikanische Wirtschaft zugrunde richten, ist kaum in Worte zu fassen.

Gegen Ende wird die Stimmung beinahe apokalyptisch, wenn der Finanzmarkt ein dynamisches Eigenleben entwickelt und den Zuschauern (im Gegensatz zu den meisten Akteuren im Film) klar wird, dass die Katastrophe nicht mehr abzuwenden ist.

Bei der diesjährigen Oscar-Verleihung zählt "The Big Short" völlig zu Recht zu den Favoriten. Auch wenn er für eine Komödie zu ernst und für ein Drama zu lustig ist, gelingt dem Film das seltene Kunststück, auf allen Ebenen gleichzeitig zu unterhalten: Er amüsiert, berührt und schockiert.