Am Freitagabend ermittelte Jan Böhmermann in seinem "ZDF Magazin Royale" weiter im Fall des rassistischen Polizisten-Chats, den er in der Vorwoche auf dem Tisch hatte. Denn der ZDF-Satiriker sieht hier Verbindungen zu den Drohbriefen des NSU 2.0 und noch viele Ungereimtheiten. Doch sind Böhmermanns Ermittlungen wirklich noch Satire?

Eine Kritik
Diese Kritik stellt die Sicht von Christian Vock dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Die jüngste Ausgabe des "ZDF Magazin Royale" an diesem Freitagabend beginnt vor genau einer Woche. Denn in der vorletzten Folge der Satire-Show begann Jan Böhmermann damit, den Fall des 1. Frankfurter Polizeireviers unter die Lupe zu nehmen, bei dem eine Gruppe Polizeibeamter des Reviers in einem Chat namens "Itiotentreff" rechtsradikale, antisemitische und andere menschenverachtende Inhalte teilten.

Für Böhmermann seinerzeit Anlass für viele Fragen: Zum Beispiel, warum das Landgericht Frankfurt zu der Ansicht gelangen konnte, Teile der Chat-Inhalte fielen unter Satire und seien von der Kunstfreiheit gedeckt. Oder warum Polizisten, die solche Widerwärtigkeiten posteten, lediglich vom Dienst freigestellt und weiterhin bezahlt würden. Oder: Wie sollen solche Polizisten die Demokratie schützen, wie sie es eigentlich geschworen haben? Die Inhalte, deren Verbreitung und die Reaktion darauf waren schon schlimm genug. Aber wie das mit Schlimmem so ist: Es geht noch schlimmer.

Die Drohbriefe des NSU 2.0

Und so macht Jan Böhmermann im zweiten Teil des Falls weiter mit der Aufarbeitung des Treibens auf dem 1. Polizeirevier Frankfurt: "Heute lassen wir die langweilige Humor-Theorie hinter uns und gehen rein in die Praxis", verspricht Böhmermann und landet beim Fall der Frankfurter Rechtsanwältin Seda Başay-Yıldız. Die hatte am 2. August 2018 ein Fax mit Morddrohungen bekommen, das mit "NSU 2.0" unterschrieben war.

Andere Menschen erhielten daraufhin ebenfalls unter Verwendung persönlicher Daten Drohbriefe und so ist für Böhmermann klar: "Wer sich so nennt, NSU 2.0, und irgendwie an private Daten seiner Opfer rankommt, der will Schrecken verbreiten wie der NSU 1.0. Der Nationalsozialistische Untergrund, der von 2000 bis 2007 mindestens 10 Menschen ermordet hat."

Also steigt Böhmermann ein in den Fall und zitiert dafür aus der "Süddeutschen Zeitung" vom 28. April 2022: "Wenn man wüsste, was am 2. August 2018 im Polizeirevier auf der Frankfurter Zeil genau passiert ist, dann wüsste man auch, wie die bundesweite Drohserie des rechtsradikalen NSU 2.0 eigentlich begann. Dann könnte man erkennen, wer die Morddrohungen, die zweieinhalb Jahre lang das ganze Land bewegten, in Gang gesetzt hat."

Jan Böhmermann: "Wir wollen gemeinsam ermitteln"

Für Böhmermann mehr Aufgabe als Nachricht: "Das wollen wir heute mal herausfinden. Wir wollen gemeinsam ermitteln. Was geschah am 2. August 2018 im 1. Revier der Polizei Frankfurt? Am Tag, als das erste NSU-2.0-Drohschreiben verschickt wurde." Um das zu klären, hat sich Team Böhmermann zusammen mit FragDenStaat die Ermittlungsakten angesehen. Nach der Recherche ergibt sich für Böhmermann die Frage nach dem Motiv und hier setzt er nun folgende Kausalkette in Gang.

Ein Motiv könnte der Umstand sein, dass Rechtsanwältin Seda Başay-Yıldız die Angehörigen des ersten Opfers des NSU 1.0 vertritt. Ein Hinweis: "Die privaten Daten der Rechtsanwältin hat der Absender von einem Polizeicomputer im 1. Frankfurter Polizeirevier. Zum Zeitpunkt der Datenabfrage im Dienst: die legendäre Dienstgruppe 3. Das ist die Dienstgruppe unserer rechtsextremen Beamten aus dem 'Itiotentreff' von letzter Woche." Eingeloggt zum Zeitpunkt des Datenabrufs sei laut Böhmermann Polizeioberkommissarin Miriam D. gewesen, die in der Chat-Gruppe schon einmal Sachen wie diese gepostet habe: "Grad mal den Wahl-O-Mat getestet. Ergebnis: 'Deine Partei hat sich 1945 erschossen.'"

Der Login sei aber kein zwingender Beweis gegen die Polizistin, denn das Passwort soll neben besagtem Computer auf einem Zettel "offen notiert" gewesen sein. Nun rückt Polizeikommissar Johannes S. in den Ermittlungsakten und damit auch für Böhmermann als Tatverdächtiger in den Mittelpunkt. S. war ebenfalls Mitglied im "Itiotentreff" und postete dort laut Böhmermann unter anderem Vergewaltigungsfantasien und gab sich als Hitler-Fan zu erkennen. "Ist er unser Tatverdächtiger?", fragt Böhmermann nun und nimmt S. genauer unter die Lupe.

Indizien und Ungereimtheiten

Was er unter dieser Lupe findet: S. habe offenbar mit seinem Handy nach der Anwältin gesucht und auch nach einer Berichterstattung über den Islamisten Sami A. Der sei Mandant von Yildiz und von der Stadt Bochum unrechtmässig abgeschoben worden, weshalb Yildiz von der Stadt Bochum 10.000 Euro Zwangsgeld eingefordert habe. Der Zusammenhang: Im Droh-Fax an Yildiz steht: "Als Vergeltung für 10.000 Euro Zwangsgeld schlachten wir deine Tochter."

Böhmermann liefert weitere Indizien. So sei das Droh-Fax per Internet über ein iPad verschickt worden und S. habe nach der Tat ein iPad verkauft. Das LKA Hessen führe S. nun als Tatverdächtigen, doch verurteilt werde plötzlich ein gewisser Alexander M., der aber Einzeltäter gewesen sein soll. "Endlich können wir alle wieder der Frankfurter Polizei vertrauen wie eh und je", stellt Böhmermann ironisch fest, ehe er folgende Nachricht aus der "Frankfurter Rundschau" einblendet: 'NSU 2.0'-Prozess: Frankfurter Polizei soll Beweise manipuliert haben."

Und so geht sie weiter, Böhmermanns Kette von Indizien: Am Tag der Durchsuchung des 1. Frankfurter Reviers sei plötzlich der besagte Computer kaputt gewesen, beim Alibi von S. gebe es Ungereimtheiten, die Polizei Frankfurt habe nach der Anzeige des Droh-Faxes irgendwann gemerkt, dass sie gegen sich selbst ermittle, dem LKA Hessen sei ein Sonderermittler vorgesetzt worden – zufällig der Direktor der Kriminaldirektion im Polizeipräsidium Frankfurt und der konnte den Verdacht gegen die eigenen Beamten nicht erhärten.

Was sollte ein Satiriker alles tun?

Ja, Böhmermann hat in der Tat viel ermittelt. Doch sollte ein Satiriker so etwas überhaupt machen? Also nicht: Was darf Satire, sondern die Frage: Was darf ein Satiriker? Oder, um es noch genauer zu benennen, schliesslich darf ein Satiriker prinzipiell nicht mehr oder weniger als andere Menschen: Was sollte ein Satiriker alles tun? In der Vergangenheit ist Jan Böhmermann gut damit gefahren, sich weitgehend auf Sachverhalte zu beziehen, die andere – zumeist Journalisten – bereits vor ihm recherchiert hatten. Hinzu kamen Eigenleistungen, wie etwa die Nachfrage bei Behörden, verdeckte Ermittlungen oder ganz andere Methoden wie bei Varoufake.

Dass Böhmermann aber selbst Polizei-Ermittlungsarbeit betreibt, das wäre neu. Aber macht er das überhaupt? Diese Frage kann man so oder so beantworten: Mit "Nein" zum Beispiel, denn Böhmermann bedient sich lediglich der Mittel, die jedem zur Verfügung stehen, macht dann nur öffentlich und zieht seine Schlussfolgerungen. Oder aber mit "Ja", denn diese Schlussfolgerungen werden natürlich nicht bis ins kleinste Detail diskutiert und führen Böhmermann so zu Verdächtigungen.

Aber Böhmermann – und das ist sein Kniff – weiss natürlich selbst um diese Fragen und so ist es nicht nur redlich, sondern auch clever, wenn er am Ende sagt: "Unser spannender Fall bleibt für heute ungelöst" und "Wir wissen nicht, ob, und wenn ja, was Polizeikommissar Johannes S. mit dem NSU 2.0 zu tun hat. Wir wissen auch nicht, wer am 2. August 2018 um 15.41 Uhr das erste Drohschreiben des NSU 2.0 verschickt hat."

Doch so will Böhmermann die Sache nicht enden lassen und fährt fort: "Aber: Wir wissen, der NSU 2.0 hat im 1. Revier der Polizei Frankfurt angefangen, als dort irgendjemand die geheimen Daten der Frankfurter Rechtsanwältin abgerufen hat. Als BeamtInnen Schicht geschoben haben, die im rechtsextremen 'Itiotentreff'-Chat aktiv waren."

"Was zur Hölle hat das alles noch mit Satire zu tun?"

Damit nicht genug für Böhmermann: "Und es wurden auch in anderen deutschen Polizeirevieren private Daten von Personen abgefragt, die danach Drohschreiben des NSU 2.0 bekommen haben. Dem 3. Revier Wiesbaden zum Beispiel oder dem 4. Revier Wiesbaden oder in Berlin. Und bis heute werden Morddrohungen verschickt, die mit NSU 2.0 unterschrieben sind, während der angebliche Einzeltäter Alexander M. weiter in Untersuchungshaft sitzt."

"Es gäbe eigentlich Einiges zu tun für Polizei und Staatsanwaltschaft", zieht Böhmermann am Freitagabend das Fazit aus seinen Ermittlungen und listet noch eine Reihe an Fragen auf, die im Zuge dieses Falls noch ungeklärt sind. Und weil Böhmermann um seine Rolle in dem Ganzen weiss, fragt er am Ende: "Was zur Hölle hat das alles noch mit Satire zu tun?" Die Antwort: vielleicht gar nichts.

Aber vielleicht muss es das auch gar nicht. Vielleicht ist es einfach wichtig, dass in Zeiten, in denen Rechtsextreme wieder morden, in denen Polizisten, die eigentlich Menschen und die Demokratie schützen sollen, menschenverachtende und demokratiefeindliche Inhalte posten, in denen Anwälte, Schauspieler, Moderatoren, Journalisten, Politiker und viele andere Menschen Morddrohungen von Rechtsextremisten erhalten und in denen Menschen wieder auf rechte Rattenfänger hereinfallen, vielleicht ist es in diesen Zeiten einfach nur wichtig, dass jemand genauer hinschaut. Egal, ob man das nun Satire nennt oder nicht.

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