Es war ein Mord, der Deutschland vor 60 Jahren aufwühlte wie kaum ein anderer. Der Tod der Prostituierten Rosemarie Nitribitt wurde zu einem der aufregendsten Kriminalfälle der Nachkriegszeit.

Rosemarie Nitribitt war eine Prostituierte, die bis zu ihrem Tod im Oktober 1957 durch und durch polarisierte. Sie war selbstbewusst, fuhr einen Mercedes und wohnte allein in einem Frankfurter Appartement - alles Affronts in den 1950er-Jahren in der BRD.

Es war eine konservative Zeit, in der die Freiheiten der Frau unangebracht waren. Doch was die einen provozierte, zog die anderen wiederum magisch an. Nitribitt war eine der schillerndsten Figuren der Nachkriegszeit - mit einem tragischen Ende.

Ein Mord mit viel Aufsehen

Vor 60 Jahren fand man die Leiche der damals 24 Jahre alten Prostituierten in ihrer Wohnung. Nach Angaben der Polizei wurde sie bei einem Kampf von hinten erwürgt und lag drei Tage lang unbemerkt auf dem Fussboden. Die Heizung der Wohnung war voll aufgedreht, weshalb der Körper schon nach kurzer Zeit begann zu verwesen.

Der Mord war damals ein Fall für die Mordkommission, den Erkennungsdienst und die Gerichtsmediziner. Die Liste der Personen am Tatort war überraschend lang und auch der Vizepräsident sowie der Pressesprecher der Polizei waren anwesend. Doch weshalb erregte der Mord an einer Prostituierten so viel Aufmerksamkeit?

Das lässt sich an den Fundsachen in der Wohnung sehr gut ableiten, die von der Polizei sichergestellt wurden. Die Ermittler fanden unter anderem mehr als 1.000 DM in bar, Goldschmuck sowie Briefe eines namhaften Freiers und Tonbänder. Die Kripo versuchte, den Namen des prominenten Herren aus der Wirtschaft zu verschleiern und verwischte die Spuren.

Prominente Tatverdächtige

Trotzdem kam heraus, welcher bekannte Herr bei Rosemarie Nitribitt ein und aus ging: Es handelte sich um Harald von Bohlen und Halbach, einen der Söhne der Krupp-Familie.

Doch nicht nur der namhafte Industrielle vergnügte sich mit der jungen Dame: Ein grosser Teil der Frankfurter High Society klopfte an Nitribitts Tür.

Sogar ein Fürst und ein Bonner Politiker sollen zu ihren Kunden gezählt haben. Die Gerüchteküche um ihre Kundenliste brodelte genauso wie die Frage nach dem Täter. War der Mörder etwa eine Person aus der Oberschicht?

Als potenzielle Täter, denen man einen Mord zutrauen würde, kamen viele infrage. Rosemarie Nitribitt war eine begehrte Prostituierte und harte Konkurrenz für andere leichte Mädchen und deren Zuhälter. Zudem standen auf ihrer Kundenliste genügend Herren, die eine Liaison mit einer Prostituierten um jeden Preis hätten vertuschen wollen.

Tatsächlich geriet Harald von Bohlen und Halbach ins Visier der Ermittler, es wurde schliesslich ein Teilabdruck seiner linken Hand an einer Flasche Rotwein am Tatort gefunden. Am Ende gab sich die Polizei jedoch mit einem Alibi der Haushälterin aus der Krupp-Familie zufrieden.

Genug Material für eine Verschwörungstheorie

Weitere Prominente wurden verhört, doch deren Spuren verschwanden auf mysteriöse Weise im Laufe der Ermittlungen - wodurch die Verschwörungstheorien noch angefeuert wurden. Für Aussenstehende war es nicht verständlich, warum ausgerechnet in diesen Fällen Spuren verwischt oder ihnen nicht nachgegangen wurde.

Ein Verdächtiger der Polizei stammte aus der Mittelschicht, der jedoch nur deshalb beschuldigt wurde, weil er Geldsorgen hatte - Nitribitt wiederum hatte ein grosses Vermögen angehäuft. Doch auch von ihm liessen die Ermittler letztlich ab.

Der Fall schien gelöst, als einem engen Vertrauten der Prostituierten der Prozess gemacht wurde. Der Langzeitverdächtige Heinz Pohlmann, ein Handelsvertreter, sollte sie ermordet haben. Doch auch er wurde freigesprochen und der Fall der toten Nitribitt danach nicht erneut aufgerollt.

Der Mörder ist bis heute nicht gefasst, doch die Verschwörung rund um die Krupp-Familie hat nie ein Ende gefunden. Heinz Pohlmann schrieb für die Illustrierte "Quick" an der Serie "Quick sucht den Mörder der Nitribitt", die nach einigen Folgen jedoch eingestellt wurde.

Hintergrund war eine Zahlung der Firma Krupp an den Autoren, aufgrund dessen Pohlmann die Arbeit an der Reihe stoppte. Der Industriellen-Familie ging es dabei darum, ihren Namen aus dem Spiel zu lassen. Doch seitdem ranken sich unzählige Mythen um die gesamte Geschichte, die in mehreren Filmen verarbeitet wurde.

Kein Wunder: Schliesslich bieten die Fehler der Polizei, absichtlich verwischte und seltsamerweise verschwundene Spuren sowie die nicht nachgegangenen Fährten genug Stoff für jede Menge Krimis.