• In Saudi-Arabien soll mit "Neom" ein gigantisches Bauprojekt entstehen, in dem neun Millionen Menschen leben sollen.
  • Im Mittelpunkt: "The Line" - eine 170 Kilometer lange und nur wenige Hundert Meter breite Stadt.
  • Das Projekt ist jedoch aus mehreren Gründen umstritten, seine tatsächliche Fertigstellung ist zudem noch nicht gesichert.

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Der Ölreichtum der arabischen Staaten hat dazu geführt, dass dort aus Sicht des Westens so manche Kuriosität entstehen konnte. So gibt es etwa in Dubai eine grosse Skihalle mit mehreren Abfahrten. Von der bald beginnenden Fussball-WM in Katar ganz zu schweigen.

Allerdings weiss man, dass die Erdölvorkommen nicht unbegrenzt sind, sondern im Laufe der nächsten Jahrzehnte aufgebraucht sein könnten. Daher macht man sich etwa in Saudi-Arabien Gedanken, wie man das Land zukunftssicher für die "Zeit nach dem Öl" aufstellen kann. Den Schlüssel sieht man etwa in erneuerbaren Energien.

Ein Projekt steht dabei im Mittelpunkt: Nahe dem Golf von Akaba, an der Küste des Roten Meeres, entsteht derzeit ein Grossprojekt: Im Südwesten des Landes soll eine eigene Wirtschaftszone errichtet werden, in der bis zu neun Millionen Menschen leben sollen. Der Name: "Neom" - eine Neuschöpfung aus dem griechischen "neo" (neu) und dem arabischen "mustaqbal" (Zukunft). "Neom" soll sich vollständig aus Wind- und Solarenergie speisen und weitgehend emissionsfrei sein.

"The Line": Eine 170 Kilometer lange Stadt

Den Kern der geplanten Zone wird dabei eine bislang nur "The Line" genannte Stadt bilden. Sie soll in einzelne Module gegliedert sein und zwischen zwei gigantischen, vollständig verspiegelten Aussenwänden, die fast 500 Meter hoch sind, liegen. Damit wäre die Anlage gleichzeitig auch eines der höchsten Gebäude der Welt. Zwischen den Wänden wären nur 200 Meter Raum, dafür zieht sich die Stadt ganze 170 Kilometer in die Länge – daher auch der Name "The Line". Aus der Luft wäre die Stadt schon von Weitem deutlich sichtbar, da sie wie ein gerader Strich die Landschaft durchschneidet.

In "The Line" soll es möglich sein, dass die Menschen alle wichtigen Einrichtungen innerhalb von fünf Minuten zu Fuss erreichen können. An der Oberfläche soll es keinen Automobilverkehr geben, stattdessen sollen viele Grünflächen entstehen. Dafür wird es im Untergrund eine Hochgeschwindigkeitsbahn geben, mit der man rasch in andere Teile der Stadt gelangt – von einem Ende zum anderen soll man lediglich 20 Minuten benötigen.

"Neom": Fast so gross wie Brandenburg

Auf dem Gebiet "Neoms" sind zudem zwei weitere Orte geplant: Oxagon soll ein Industriezentrum mit Hafenanlage werden, mit Trojena wird eine Stätte für den Bergtourismus geschaffen, wo 2029 die Asiatischen Winterspiele stattfinden werden. Am Strand ist ferner eine Reihe von Luxusressorts angedacht, auch plant man, mehrere künstliche Inseln im Roten Meer zu schaffen.

Für das Projekt ist insgesamt eine Fläche von etwa 26.500 Quadratkilometern mitten in der Wüste vorgesehen. Zum Vergleich: Belgien hat eine Fläche von knapp 30.700 Quadratkilometern, das deutsche Bundesland Brandenburg um die 29.500. Die amerikanische Metropole New York City hat mit acht Millionen Menschen eine ähnliche Einwohnerzahl, wie sie für "Neom" angedacht ist, nimmt mit knapp 1.200 Quadratkilometern aber nur einen Bruchteil der Fläche "Neoms" ein.

Politisch soll das Gebiet zwar nicht souverän sein, sondern weiter zu Saudi-Arabien gehören, aber über ein eigenes Rechts- und Steuersystem verfügen. Weil es Frauen dort erlaubt sein soll, sich ohne Kopftuch in der Öffentlichkeit zu zeigen und zudem der Verkauf und Konsum von Alkohol erlaubt sein soll, würde es in diesem Gebiet deutlich mehr individuelle Freiheit geben als im restlichen, sehr stark konservativ-islamisch geprägten Saudi-Arabien.

Initiator von "Neom" ist der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman, der im Oktober 2017 das Projekt erstmals in der Hauptstadt Riad vorgestellt hatte. Die Kosten werden auf 500 Milliarden US-Dollar geschätzt. Der Grossteil davon soll von einem saudischen Staatsfonds abgedeckt werden, dennoch ist man zur Verwirklichung auch auf ausländische Investoren und deren Kapital angewiesen.

Kritik: Umweltfragen, Überwachung und Vertreibung von Einheimischen

Das Projekt "Neom" steht jedoch wegen mehrerer Punkte stark in der Kritik. So stellt sich etwa grundsätzlich die Frage, ob die angepriesene Umweltfreundlichkeit wirklich gegeben ist. Schliesslich wird mitten in der Wüste eine künstliche Stadt gebaut und es soll auch ein bedeutendes Industriezentrum entstehen – geht das ganz ohne Emissionen? Ganz zu schweigen davon, ob der Bau von Luxusressorts am Strand sowie die Entstehung künstlicher Inseln wirklich keine dauerhaften Schäden für das dortige Ökosystem zur Folge haben werden. So beherbergt der Golf von Akaba viele Korallenriffe.

Datenschützer betrachten zudem das zugrunde liegende Konzept einer Smart City mit Sorge. So hiess es offiziell, dass gezielt Daten gesammelt werden, um damit besser die Bedürfnisse der Bewohner einschätzen zu können. Eine solche allumfassende Vernetzung lässt befürchten, dass hier tiefe Einblicke in die Privatsphäre der Stadtbewohner angedacht sind.

Scharfe Kritik erhielt das Projekt auch, als deutlich wurde, dass seine Errichtung auf Kosten der Einheimischen geht. In der betroffenen Region leben Angehörige des Stammes der Howeitat. Für den Bau sollte das Gebiet vollständig geräumt werden. Viele Betroffene wollten aber – trotz angebotener Entschädigungen – ihre angestammte Heimat nicht verlassen. Lokale Behörden räumten das Gebiet schliesslich mit Gewalt, die Betroffenen sprachen von "Staatsterror".

Kritiker betonen zudem, dass eine Investition in "Neom" auch eine Unterstützung des politischen Systems in Saudi-Arabien bedeute. Trotz mancher liberal anmutender Reformen unter dem Kronprinzen – Frauen haben inzwischen mehr Rechte als früher –, ist das Land nach wie vor eine absolute Monarchie.

Die Menschenrechtslage ist kritisch, hinsichtlich Meinungs- und Pressefreiheit liegt das Land im internationalen Vergleich auf den hinteren Plätzen. Besonders negativ im Gedächtnis geblieben ist die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi 2018 in Istanbul, bei der Mohammed bin Salman gemeinhin als Auftraggeber gilt.

Unsichere Finanzierung und Erfolgsaussichten

Zwar haben die Bauarbeiten bereits begonnen, doch die Finanzierung ist noch nicht gesichert. Auch die Liste der Sponsoren ist bislang überschaubar. Der erste Bauabschnitt soll dennoch 2025 fertig werden. Verwirklicht ist bisher einzig der dazugehörige Flughafen.

So bleibt abzuwarten, ob "Neom"am Ende tatsächlich fertiggestellt wird. Saudi-Arabien hat schon mehrfach die Errichtung einer Riesenstadt geplant, von denen aber nur eine, nämlich King Abdullah Economic City, verwirklicht werden konnte – und auch das bislang weit unter dem, was ursprünglich angedacht war: Statt der geplanten zwei Millionen Menschen, die dort leben sollten, sind es bisher nicht einmal 10.000.

Verwendete Quellen:

  • Offizielle "Neom"-Homepage
  • youtube.com: Offizielles "Neom"-Werbevideo "What is THE LINE?
  • travelbook.de: Drohnen-Aufnahmen zeigen erste Bauarbeiten an Mega-Stadt in der Wüste
  • taz.de: Sie wollten nur bleiben
  • spiegel.de: Eine Stadt, die eine Schneise in die Wüste fräst
  • onlysky.media: Don’t let the Saudi megacity fool you. We’ve been here before
  • trendingtopics.eu: "Neom": IPO-Pläne für die utopische Megacity, die auf Blut gebaut wird
  • wiwo.de: "Neom" soll Saudi-Arabien den Weg aus dem Ölzeitalter ebnen – um jeden Preis
  • publizissmus.de: "Neom" – Die blutige Stadt am Roten Meer

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