Vor einem Jahr fürchteten sich viele vor 2017. "Das Ende der Welt (wie wir sie kennen)", betitelte der Spiegel damals ein Cover mit Donald Trump. Sandra Maischberger griff die vergangene Zukunftsangst auf, kürte das zu Ende gehende Jahr zum "Panikjahr" und hetzte die Gäste ihrer Talkshow von Katastrophe zu Katastrophe. Oder war 2017 doch besser als befürchtet?

Trump als Neuling im Oval Office, Erdogans wütende Ausfälle gegen die Bundesregierung – und schliesslich auch noch die AfD im deutschen Bundestag. Mit jedem dieser Themen könnte man mühelos eine Talkshow gestalten – doch weil Sandra Maischberger am Mittwoch einen verfrühten Jahresrückblick bieten wollte, gab es noch ein paar Aufreger mehr.

Neben Maischberger widmeten sich einer kaum zu bewältigenden Themenvielfalt die Entertainerin Olivia Jones, Enthüllungsreporter Günter Walraff, die Schauspielerin Sophia Thomalla sowie die Journalisten Astrid Frohloff (ARD), Peter Hahne (ZDF) und Markus Feldenkirchen ("Spiegel").

Gleich zu Anfang erinnerte Peter Hahne an das Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt und verlängerte so die Schreckensliste 2017. Die Kanzlerin habe ein Jahr nach dem Anschlag den Angehörigen der Opfer immer noch nicht kondoliert, monierte er – "also Entschuldigung, das mache ich doch drei Tage später!"

Seine Schlussfolgerung zog sich wie ein roter Faden durch viele Beiträge der folgenden 75 Sendeminuten: So weit entfernt von der Realität wie im ablaufenden Jahr sei die "Parallelgesellschaft" der Berliner Politik noch nie gewesen.

1600 Unwahrheiten von Donald Trump

Es hat wohl auch noch nie ein amerikanischer Präsident so viel gelogen. "Spiegel"-Autor Markus Feldenkirchen berichtete von 1600 Unwahrheiten im Amt, die die Kollegen von der "Washington Post" Donald Trump bereits nachgewiesen haben – "und seine Präsidentschaft hat gerade erst begonnen." Ein "Vakuum" erzeuge Trumps freiwilliger Rückzug aus der Weltpolitik, folgerte ARD-Journalistin Astrid Frohloff – und da hinein stiessen nun China und Russland, während Trump irrationale Entscheidungen fälle. Im Konflikt um Nordkoreas Atombewaffnung giesse er ebenso Öl ins Feuer wie bei der Erhebung Jerusalems zur Hauptstadt von Israel und gebe so die Rolle der USA als Ordnungsmacht auf.

Talkshow-Analysen greifen oft zu kurz – so auch hier: Dass die Vereinigten Staaten sich schon unter Barack Obama aus internationalen Konflikten zurückgezogen hatten, fiel ebenso unter den Tisch wie die Tatsache, dass die USA jahrzehntelang für ihren Job als Ordnungsmacht in kaum einer Talkshow gute Noten bekommen hatten.

Zwischendurch ging's wieder zurück nach Deutschland: Schlechte Noten bekamen sowohl die Bundesregierung als auch Angela Merkel als auch Olaf Scholz für das Management des G20-Gipfels in Hamburg. Dabei wäre es doch so einfach gewesen, das Treffen auf eine Nordseeinsel zu verlegen, gar "auf eine Hallig", wie die Entertainerin Olivia Jones in schriller Schminke und hochgetürmtem Kunsthaar verkündete. Sie immerhin fand 2017 auch Grund zum Feiern: Lesben und Schwule kamen unerwartet schnell zum Recht auf Ehe – "auf den letzten Drücker" kurz vor Ende der Legislaturperiode, wie Maischberger betonte.

Und so fand die Runde dann gleich wieder das Schlechte im Guten. Jones wunderte sich, "dass ausgerechnet die CDU-Kanzlerin das durchgesetzt hat", obwohl sie die Begründung gleich mit formulierte: "Ja, um der SPD ein Wahlkampfthema wegzunehmen, ich weiss." Und Markus Feldenkirchen empörte sich, noch nie sei in Deutschland "eine grosse gesellschaftliche Reform so verhuscht gemacht worden."

Konservatives Tafelsilber und der Aufstieg der AfD

Stimmt schon – doch auch hier hätte man, mit weniger Themenvielfalt und dafür mehr Ruhe, einen Schritt weiter denken können: Immerhin hatten es viele Kommentatoren bemerkenswert, wenn nicht gar positiv empfunden, dass 2017 ein Thema so schnell und locker durchgewinkt wurde, an dem sich noch ein paar Jahre zuvor ideologische Hardliner erbittert abgearbeitet hatten. Einer, der den Grabenkämpfen vergangener Zeiten nachzutrauern scheint, ist Peter Hahne. Er bedauerte, die Union habe mit der Zustimmung zur Homo-Ehe "konservatives Tafelsilber über Bord geworfen" – und damit zum Aufstieg der AfD beigetragen.

Als "verhuscht" hätte man jedenfalls das Tempo bezeichnen können, mit dem man nun schon wieder das Thema gewechselt hatte. Leider fiel in den folgenden Minuten kaum ein Satz, der seit dem Einzug der Rechten in den Bundestag nicht schon oft genug zu hören gewesen wäre.

Wobei die Stimmung in der Talkshow überraschend beschwichtigend war. "Wir können manchen von denen wieder zurückgewinnen", hoffte sogar Günter Walraff. Markus Feldenkirchen freut sich gar, "dass die jetzt zeigen können, ob sie professionell genug sind, ob sie seriös sind." Nur Peter Hahne störte erneut die Einigkeit. Er behauptete, in Berlin gebe es "keinen Polizisten, der die AfD nicht gewählt hat" und kam so zu seinem Ausgangsthema zurück: Er und die übrigen Anwesenden, vor allem aber die Politiker lebten "zum Teil" in einer "Parallelgesellschaft". Von dort aus könnten sie die wahren Probleme des Landes und seiner Menschen nicht mehr wahrnehmen.

Thomalla: "#metoo Beleidigung für wahre Opfer"

Kurz gestreift wurde das Thema sexuelle Belästigung. Nicht zum ersten Mal offenbarte Sophia Thomalla hierzu ihre streitbare Meinung. "Die #metoo-Kampagne ist eine Beleidigung für alle wahren Opfer", gab die 28-Jährige zu verstehen.

Wer prominent sei und sich erst jetzt äussere, der hätte es schon vor Jahren gekonnt. Echte Opfer in finanzieller Abhängigkeit würden auch jetzt nicht die Debatte bestimmen, so Thomalla. Vor allem Jones konnte mit dieser Einstellung wenig anfangen. "Nicht alle Frauen sind stark", konterte die 48-jährige Drag-Queen.

Auch der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan wurde einmal mehr scharf kritisiert – dann war man schon bei Martin Schulz. Gehörte der nun zu den Panikthemen 2017? Gar zu den Katastrophen des Jahres? So war es wohl nicht gemeint – aber weil Feldenkirchen im Studio war und weil Feldenkirchen nach der Wahl DIE enthüllende Reportage über Schulz geschrieben hatte, lag das Thema nahe. Der Journalist darf zufrieden sein: Alle Anwesenden fanden seinen Text toll.

Günter Walraff wusste sogar aus dem Mund des gescheiterten Kanzlerkandidaten, Schulz fühle sich durch die intime Schilderung seines von Zweifeln verunsicherten Wahlkampfes nicht verraten, sondern habe sich in der Beschreibung wiedererkannt.

Bei Maischberger ist nun Weihnachtspause. Man sieht sich wieder am 17. Januar und kann sich dann gemeinsam auf die Katastrophen des Jahres 2018 vorbereiten. Keine Panik bitte! Das Ende der Welt wird wahrscheinlich wieder nicht eintreten.

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