Bei "Sandra Maischberger" zerbrechen sich Hobbypsychologen und Kalte Krieger die Köpfe über den US-Präsidenten und die Midterms. Immerhin gibt es Antworten auf zwei wichtige Fragen: Was hat Trump bloss so ruiniert? Und was ist ein Trump-Hintern?

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Trump bleibt Trump, was auch sonst? Bei den Kongresswahlen verliert der US-Präsident das Repräsentantenhaus und feiert sich und seine Republikaner trotzdem unbeirrt für einen "grossartigen Erfolg".

Sandra Maischberger und ihre Runde versuchten sich am Mittwochabend an einem Reality Check.

Maischberger: "Kongresswahlen: Was macht Trump, wie reagiert die Welt?"

Das war das Thema

"Kongresswahlen: Was macht Trump, wie reagiert die Welt?", fragte die Gastgeberin, und Teil eins wurde praktischerweise quasi live am Second Screen beantwortet. Erst entliesst @realDonaldTrump via Twitter seinen Justizminister Jeff Sessions.

Dann verbreitete sich während der Sendung über Social Media die Ausschnitte der Pressekonferenz im Weissen Haus, die man selbst nach Trumpschen Massstäben als Eklat bezeichnen muss.

Offensichtlich macht der Präsident also da weiter, wo er aufgehört hat. Was die Welt angeht – die hat leider keinen Twitter-Account, aber an diesem Abend mindestens drei Alpha-Männer, die für sie sprechen konnten.

Diese Gäste diskutierten mit Sandra Maischberger

"Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt weiss zwar immer noch nicht, wie man den obersten Hemdknopf zumacht, hat dafür aber einige schöne Schnurren aus seinem Reporterleben zu erzählen. Zum Beispiel vom ersten Treffen zwischen Donald Trump und Angela Merkel. Da habe der Präsident von der Bundeskanzlerin zuerst wissen wollen, wie viele Stunden Zeitunterschied eigentlich zwischen den USA und Deutschland herrschen. Aha. Ansonsten plädierte Reichelt für mehr Gelassenheit und Fairness im Umgang mit Trump: "Wir sollten nicht immer alles als so besonders sehen."

Die feinere Kleidung und die feinere Klinge trug der ehemalige Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi. Der SPD-Veteran gestand Trump zu, dass er mit seinem Instinkt für Popularität "Themen aufgegriffen hat, die wichtig sind." Das würde auch in Europa anstehen. Überhaupt nahm von Dohnanyi die EU in die Pflicht: Derzeit seien die Europäer nur "Vasallen der USA". Gerade durch Trump zeige sich aber, dass die USA nur ihre eigenen Interessen verfolge – während die EU ihre Interessen noch nicht einmal formuliere.

Welt-Erklärer Nummer drei: Ex-Spiegel-Chef Klaus Brinkbäumer, der die Anti-Trump-Linie seines Blattes vehement verteidigte. "Er verrät demokratische Partner und wirft sich Leuten wie Kim Jong Un an den Hals. Er hat das transatlantische Bündnis beschädigt. Er hat die Welt verändert."

Für das US-Flair sorgte die Entertainerin Gayle Tufts, die nach der Wahl Trumps noch gesagt hatte, sie habe "ihr Land verloren". "Und nun habe ich meinen Glauben an meine Landsleute wieder."

Ebenfalls Entertainer-Qualitäten bewies Helene von Damm, die ehemalige US-Botschafterin in Wien, die aus den USA zugeschaltet wurde. Sie erzählte launig von der "schwierigen Woche", die sie hinter sich habe, weil sie als Republikanerin bei diesen Wahlen für die Demokraten gestimmt hat. "Ich finde, Trump ist kein 'presidents material'. Er interessiert sich nicht für die Welt."

Von Damm meint auch zu wissen, was den früher angeblich sympathischen Mann so ruiniert hat: seine Reality-Show "The Apprentice": "Da hat er gemerkt: Umso schlechter ich die Leute behandle, umso höher die Ratings."

Das war der Schlagabtausch des Abends

Die, nun ja, Wendigkeit der "Bild" ist berüchtigt, nicht umsonst gilt der Spruch: Wer mit der "Bild" im Aufzug nach oben fährt, fährt auch mit ihr wieder runter. Ein paar Überzeugungen finden sich aber sogar im Springer-Hochhaus, der Verlagsgründer hat sie eigens in den "Unternehmensgrundsätzen" festgelegt, auf die sich alle Mitarbeiter verpflichten.

Ein Punkt: "Wir zeigen unsere Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika." Julian Reichelt legt diese Solidarität fast in der Tradition eines kalten Kriegers aus – die harte Linie gegen den Iran ist richtig, Appeasement immer falsch, vor allem im Verhältnis zu Russland. "Da sind wir uns hier ja sicher alle einig."

Nein, da waren sich nicht alle einig. Klaus von Dohnanyi erinnerte Reichelt daran, dass die USA mit dem Putsch von 1953 nicht ganz unschuldig daran waren, dass sich ein, so Reichelt, "grauenvolles Regime" im Iran etablieren konnte. Als der Altbürgermeister einmal in Fahrt war, bezeichnete er gleich die ganze deutsch-amerikanische Freundschaft als "Illusion": "Sie haben immer nur ihre Interessen verfolgt, sie sehen uns nur als Brückenkopf, als Mittel zum Zweck. Wir reden von einer Wertegemeinschaft, davon halte ich nichts. Von Freundschaft in der Politik halte ich auch nichts. Von Interessen sollten wir reden, und wir haben andere als die USA."

So hat sich Sandra Maischberger geschlagen

Eine gute Gastgeberin sollte die Gäste nicht spüren lassen, ob sie willkommen sind oder nicht. So ganz wurde man aber den Eindruck nicht los, dass Sandra Maischberger den Abend lieber ohne Gayle Tuft verbracht hätte.

Die Entertainer mit ihrem prägnanten Denglisch versuchte etwa die Rolle und die Bedeutung der Frauen bei den Wahlen ins Gespräch zu bringen - ein Thema, das Maischberger nicht aufgreifen wollte oder konnte. Den drei Männern in der Runde folgte sie dagegen meist, wohin auch immer sie das Gespräch führten.

Wie einen peinlichen Onkel auf dem Familienfest würgte Maischberger dagegen Tufts ab, als die plötzlich vom "Trump Rump" erzählte, also dem "Trump-Hintern" – eine Bezeichnung für Fettpolster am Po vom Frustessen nach Trumps Wahlsieg. So genau will es Maischberger aber sowieso nicht wissen. "Ich möchte das Stichwort weitergeben an Herrn Dohnanyi", sagte sie hastig. Trump hätte es wohl so formuliert: "You're fired."

Das sind die Erkenntnisse der Sendung

"Trumps Politik ist in den USA nicht so schlecht angekommen, wie man in Deutschland glaubt", sagt Julian Reichelt, und tatsächlich landeten die Demokraten zwar einen Erfolg bei den Midterms, aber eben, wie Klaus Brinkbümer festellte, "keinen rauschenden Sieg". "Bild"-Chef Reichelt hält seine Wiederwahl sogar für tendenziell wahrscheinlich, weil sich kein Kandidat der Demokraten abzeichne, der ihn besiegen könnte.

Den Nimbus des begnadeten Wahlkämpfers hat sich Trump also bewahrt, aber um welchen Preis? Die USA sind – für diese Formulierung müssten mittlerweile eigentlich fünf Euro ins Phrasenschwein wandern – gespalten, nur den Anteil Trumps daran bewerteten die Gäste von Sandra Maischberger unterschiedlich.

Gayle Tufts ortet "ein grosses Problem mit Rassismus" im Land, das Trump noch befeuere. Die Gewalt habe aber auch schon vor dem 45. Präsidenten in den USA eine grosse Rolle gespielt, meinte Julian Reichelt. "Das ist der übliche Wahnsinn, der möglich wird durch den Zugang zu Waffen. Wir dürfen nicht so tun, als wäre die Gesellschaft erst neuerdings gespalten."

Trump-Kritikerin Helene von Damm arbeitete für Ronald Reagan im Weissen Haus und erinnerte sich an "fürchterliche Zeiten" in den USA. "Aber wir hatten nie einen Präsidenten, der persönlich so aufheizend geredet hat." Überhaupt wurde an diesem Abend viel über die Charakterdefizite von Trump geredet. Über sein Image als Dealmaker, das Brinkbäumer als "Mythos" bezeichnet. Über seine Faulheit, seinen Unwillen, sich in Akten einzulesen.

Grosse Erkenntnisse verbergen sich hinter all diesen Beobachtungen nicht – zumal sie alle möglichen Schlüsse zulassen. Für Klaus von Dohnanyi spricht Trumps Eitelkeit gegen eine Zusammenarbeit mit der demokratischen Mehrheit im Repräsentantenhaus, für Reichelt spricht seine Rolle als Dealmaker aber genau für eine solche Zusammenarbeit. Wer weiss es, zumal sich in einem Punkt doch alle einig sind: Trump ist unberechenbar.

Was genau die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft ausgelöst hat, wo die Frontlinien verlaufen, wie Trump davon profitiert, all das kam höchstens in Nebensträngen zur Sprache. Komisch eigentlich, hatten doch die Midterms in Deutschland so viel Aufmerksamkeit erregt wie wahrscheinlich noch nie.

So redete die Runde lieber über das Verhältnis der Trump-USA zu Europa. Klaus Brinkbäumer konnte dem Isolationismus sogar etwas Gutes abgewinnen: "Trump hat Europa wachgerüttelt." Erst jetzt sei eine Dringlichkeit entstanden, eine gemeinsame Aussenpolitik zu fahren, vielleicht sogar eine europäische Armee aufzustellen. Das gefällt von Dohnanyi. Dem Transatlantiker Reichelt eher nicht. Und Maischberger? Würde noch gern, warum auch immer, über Merkels Nachfolge reden. Schafft sie aber nicht, weil die Zeit abgelaufen ist.

Teaserbild: © imago/Klaus W. Schmidt