Nachdem seit Februar hauptsächlich über den neuen BVB-Trainer Marco Rose gesprochen wurde, hatte dieser am vergangenen Donnerstag erstmals die Gelegenheit, sich selbst der Öffentlichkeit zu stellen. Dabei hat er eine ziemlich gute Figur abgegeben.

Christopher Giogios
Eine Kolumne
von Christopher Giogios
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Der Wechsel von Gladbach nach Dortmund stand unter keinem guten Stern

Keine Frage: die Umstände seines Wechsels zum BVB hatte sich Marco Rose sicherlich anders vorgestellt. Von aussen betrachtet wirkte es so, als hätte sich seit der Bekanntgabe im Februar alles gegen ihn verschworen. Während die Borussia aus Mönchengladbach von heute auf morgen abstürzte und am Ende der Saison sogar das internationale Geschäft verpasste, schrieb derweil in Dortmund die Trainer-Notlösung Edin Terzic ein kleines BVB-Märchen: der überragende Saisonendspurt, das Ausscheiden mit erhobenem Haupt in der Champions League und der Sieg des DFB-Pokals gegen RB Leipzig; all das liess bei den Schwarz-Gelben die zum Teil verkorkste Saison in Wohlgefallen auflösen. Gepaart mit Terzics authentischer BVB-DNA hätte sein Status bei den Anhängern grösser nicht sein können.

Die Kehrseite von Terzics Popularität schien die Ablehnung gegenüber Marco Rose zu sein: mit Rose, so hiess es, komme ein taktisch begabter Trainer nach Dortmund, der allerdings seine vergangenen Stationen in Mönchengladbach und Salzburg immer nur als Sprungbrett für höhere Aufgaben gesehen habe. Terzic und Rose gemeinsam auf der Trainerbank, das könne nicht gut gehen. Bei der ersten kleineren Krise würden umgehend Forderungen laut werden, dass Terzic wieder das Steuer übernehmen müsse. Pünktlich zum Arbeitsbeginn von Rose und seinen Co-Trainern Alexander Zickler und René Maric sieht die Situation aber deutlich entspannter aus.

Rose und Terzic: kein Konfliktherd, sondern eine Win-win-Situation

Dies liegt vor allem daran, dass der BVB diesen potenziellen Konfliktherd gut moderiert und Rose in seiner ersten Pressekonferenz genau die richtigen Töne getroffen hat. Angesprochen auf das Thema Terzic (der fortan als Technischer Direktor beim BVB mit in Kaderplanung, Verpflichtung neuer Spieler und den Kontakt zur Jugendabteilung involviert sein wird), gab Rose zu Protokoll: natürlich hätte er Terzic gerne als Co-Trainer in seinem Stab gehabt, schliesslich könne er von dessen Draht zur Mannschaft nur profitieren. Trotz Terzics neuer Funktion werde er jedoch auch zukünftig auf seine Expertise zurückgreifen und das Gespräch mit ihm suchen.

Damit hat er eine Position vertreten, die in der Öffentlichkeit in den vergangenen Monaten viel zu kurz kam: weder Rose noch Terzic sind als Trainer mit einem übermässig grossen Ego bekannt. Sofern beide ihre genau definierten Rollen beim BVB wahrnehmen, gibt es für einen neuen Trainer keine bessere Situation, als im Büro nebenan einen Ansprechpartner zu haben, der die Mannschaft bereits aus dem Effeff kennt. Mit seiner Rolle als Technischer Direktor ist Terzic zudem ein wenig aus dem Fokus der Öffentlichkeit, sodass es keine permanente mediale Unruhe um seine etwaige Rückkehr geben sollte. Klar ist aber auch: sollte Rose beim BVB scheitern, wäre man nicht auf den Trainermarkt angewiesen, sondern hätte im eigenen Haus direkt einen Ersatz parat.

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Nicht nur BVB-Vollgasfussball, sondern auch spielerische Dominanz

Scheitern, das ist aber natürlich nicht der Anspruch von Marco Rose. Dass hier eine hohe Erwartungshaltung herrsche, sei ihm völlig klar. Wesentlich interessanter als die müssigen Diskussionen um Saisonziele und Erwartungen sind allerdings seine Ausführungen über die Art des Fussballs, den er bei der Borussia etablieren möchte. Zwei Dinge hat der neue Coach dabei hervorgehoben: die Stabilisierung der Defensive (46 Gegentore in der vergangenen Bundesligasaison) und ein Fussball, der zu Dortmund und dem Ruhrgebiet passt: grosser Einsatz, hohe Laufbereitschaft, Balleroberungen, schnelles Umschaltspiel. Genau das möchte man in Dortmund hören.

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Gleichwohl ist sich Rose darüber im Klaren, dass mit Pressing und Umschaltspiel gegen tiefstehende Gegner kein Blumentopf zu gewinnen ist. Deshalb betonte er, dass man auch mit dem Ball dazu in der Lage sein müsse, den Gegner zu dominieren. Das sind hoch gesteckte Ziele, die Rose, so ehrlich muss man sein, zumindest mit Blick auf das Ballbesitzspiel in Gladbach nicht immer realisieren konnte.

Mit dem BVB-Kader, der sich durch den Wechsel von Jadon Sancho sicherlich auf der ein oder anderen Position verändern wird, hat der 44-Jährige jedoch ein deutlich talentierteres Spielermaterial zur Verfügung. Dass er sich darauf freut, mit dieser Mannschaft zu arbeiten, sah man ihm deutlich an. Nach den überwiegend negativen Schlagzeilen der letzten Monate hat Rose also einen guten Start in Dortmund erwischt. Man darf gespannt auf die Vorbereitung sein.

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