Zugegeben, die zahlreichen Wortspiele rund um den Beatles-Klassiker "Hey Jude" hat man mittlerweile zu Genüge gehört. Um eine Textstelle kommt man als BVB-Fan mit einer Schwäche für Jude Bellingham jedoch nicht herum.

Christopher Giogios
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

"Hey Jude, don't let me down", so heisst es im Welthit der Beatles. Die Angst, von Jude Bellingham enttäuscht zu werden - nicht sportlich, sondern emotional - bewegt nicht wenige Anhänger der Borussia. Dieses Gefühl setzt aber eine Sache voraus: Die Wertschätzung für einen Spieler, welche man in dieser Form in Dortmund schon länger nicht mehr erlebt hat.

Bellingham und die Dortmunder Sehnsucht nach Identifikationsfiguren

"Perfekter Tag für mein erstes Bier! Kein Fan…" - so lautete Bellinghams Instagram-Kommentar zum furiosen 3:4-Auswärtssieg seiner Mannschaft bei Bayer Leverkusen. Nach dem Siegtreffer von Erling Haaland fing Bellingham einen der zahlreichen Bierbecher aus dem Leverkusener Block und genehmigte sich einen Schluck, um ihn dann umgehend auszuspucken - in Zeiten von Corona keine allzu schlechte Idee.

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Gut möglich, dass der 18-Jährige am vergangenen Samstag wirklich zum ersten Mal Alkohol trank. Einem Musterprofi wie ihm wäre es jedenfalls zuzutrauen.

Bellingham macht in seiner Aussendarstellung so ziemlich alles richtig und drückt scheinbar intuitiv die Knöpfe, die beim emotionsgeladenen Dortmunder Publikum gut ankommen (in gewisser Weise erinnert das an seinen Ex-Trainer Edin Terzic). Borussia Dortmund, das dürfte nach Erfahrungen mit Mario Götze, Ousmane Dembélé, Robert Lewandowski und jüngst Jadon Sancho inzwischen jedem klar sein, ist ein Verein mit einer ganz besonderen Rolle im europäischen Spitzenfussball.

Das "Geschäftsmodell" ist klar: Junge Spieler mit der Aussicht auf Spielzeit in Bundesliga und Champions League locken und für Rekord-Ablösesummen an die europäischen Spitzenclubs verkaufen. Die Identifikation mit dem Verein bleibt dabei zwangsläufig auf der Strecke.

BVB-Fans sind deshalb misstrauischer geworden, wenn es darum geht, sich emotional auf einen Spieler einzulassen. Wozu einem Youngster zujubeln, wenn dieser ohnehin nach einer oder zwei Spielzeiten den Verein verlassen wird?

Ein Brite mit Malocher-Qualitäten

Genau das ist der kleine, aber feine Unterschied zwischen Jude Bellingham und dem alles überstrahlenden Erling Haaland: Letzterer scheint sich gefühlt Woche für Woche selbst zu übertreffen und taucht mit seinen spektakulären Toren weltweit in den Highlight-Videoclips auf.

Gleichzeitig sind sich alle einig, dass man Haaland geniessen sollte, solange er noch in Dortmund spielt. An einen Verbleib über die aktuelle Saison hinaus glauben die Wenigsten.

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Wenn man sich in der Fangemeinde jedoch nach Bellingham umhört, werden ganz andere Töne angeschlagen: Bellingham, der fülle das zum Marketingslogan verkommene Dortmunder Credo der "echten Liebe" mit Leben. Bellingham, der könne langfristig zur Identifikationsfigur heranwachsen, ist es ein Stück weit vielleicht schon geworden.

Diesen Status hat sich der junge Engländer natürlich nicht bloss mit seinem Verhalten neben dem Platz erarbeitet. Sein Spiel verkörpert genau das, wonach man in Dortmund lechzt: keine Hackentricks und Tore am Fliessband, sondern totaler Einsatz, Fleiss und Hingabe für das schwarz-gelbe Trikot – ein Malocher eben.

Man begeht allerdings einen Fehler, wenn man den Jungen von Birmingham City ausschliesslich auf die "Drecksarbeit" reduziert, die er zweifellos mit seinen teils waghalsigen Grätschen und dem stets verbissenen Kampf um den Ball erbringt.

Bellingham setzt unter Marco Rose mehr Akzente

Unter Marco Rose setzt der Youngster auch vor dem gegnerischen Tor mehr und mehr Akzente. Im eher trägen Spiel beim SC Freiburg (1:2) war er offensiv einer der auffälligsten Dortmunder, gegen die TSG Hoffenheim verbuchte er ein Tor und einen Assist und auch in Leverkusen schoss er ein Tor, welches jedoch vom Videoschiedsrichter zurückgenommen wurde.

Der Grund: In der Mittelfeldraute kann Bellingham auf den Halbpositionen zwischen Zentrum und Aussenbahn variabler agieren. Woche für Woche demonstriert er nun, was man unter einem "box-to-box-Spieler" versteht: die Fähigkeit, sich einerseits vor den eigenen Strafraum fallen zu lassen und das Spiel aufzuziehen, aber den Ball auch bis vor das gegnerische Tor tragen zu können.

Auch Roses Fokus auf das Gegenpressing spielt Bellingham mit seiner Zweikampfstärke perfekt in die Karten. Schnelle Ball-Rückeroberungen in der gegnerischen Hälfte hat der BVB derzeit bitter nötig: neun Gegentore in vier Bundesligabegegnungen machen deutlich, dass es defensiv noch nicht läuft.

Durch das verletzungsbedingte Fehlen von Leistungsträgern wie Mats Hummels und Emre Can müssen Defensivaufgaben auf mehrere Schultern verteilt werden – Bellingham bringt hierfür nicht nur die fussballerischen Qualitäten, sondern auch die notwendige Einstellung mit.

Belohnt werden die Leistungen von Dortmunds Nr. 22 nicht nur mit einem Stammplatz in der BVB-Startelf, sondern auch mit zunehmender Einsatzzeit in der englischen Nationalmannschaft. Die wöchentlichen Meldungen über interessierte Topclubs aus der Premier League lasse ich hier aber bewusst aussen vor. Sein Vertrag läuft schliesslich noch bis 2025. In diesem Sinne: Hey Jude, don't let me down!