Im dritten Jahr in Folge spielt die Bundesliga im neuen Modus: An den letzten beiden Spieltagen der Saison müssen die 18 Vereine nicht mehr zeitgleich antreten, sondern nur noch am 34. und allerletzten Spieltag - am Samstag, 15.30 Uhr. Ein Festtag für Sky und jede Radio-Konferenz.

Eine Kolumne
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Die Zersplitterung des 33. und vorletzten Spieltags auf Freitag bis Sonntag hat natürlich einen wirtschaftlichen Grund: Die Deutsche Fussball-Liga (DFL) wollte seinerzeit mehr unterschiedliche Anstosszeiten ins zweite grosse TV-Rechtepaket reinpacken. Das ist gelungen.

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Was nicht gelungen ist: Mögliche Titelanwärter und Abstiegskandidaten, die am Sonntag spielen, kennen die Spielergebnisse der Konkurrenz, die am Freitag oder Samstag antreten mussten, und richten ihre taktischen Vorgaben fürs Spiel aus.

Der vorletzte Spieltag

So geht der Vorschlussrunde Brisanz verloren. Normalweise. Denn schaut man sich den 33. Spieltag vom Wochenende etwas genauer an, liefert die Konjunktiv-Diskussion ernüchternde Erkenntnisse zu den wichtigsten Spielpaarungen am Sonntag.

Man kann jede hypothetische Frage mit einem aufrichtigen Nein beantworten. Und trotzdem hat die Bundesliga bei der vergangenen TV-Ausschreibung - ohne Not - einen fantastischen und nicht ersetzbaren Spannungsmoment gekillt: die Konferenzschaltung aus neun Stadien gleichzeitig.

Fussballfans wissen, welche Konstellationen die Tabellensituation nicht selten produziert hat. Legendär ist der Absturz des 1. FC Nürnberg vom scheinbar sicheren Mittelfeldplatz 12 in die Abstiegszone 1999. Der Reporter schrie ins Mikro: "Wir melden uns vom Abgrund!"

Sowas ist nur möglich, wenn die Unplanbarkeit möglichst früh einsetzt. Am besten halt am vorletzten und nicht erst am letzten Spieltag. Mal abgesehen von der Spannung: Der mediale Sprung von einem Rasen zum nächsten, das wilde Durcheinander, ist Unterhaltung pur.

Und das ist genau, was die Bundesliga braucht: anarchische Unterhaltung. Der Videobeweis hat uns Fans schon den Zauber von hochemotionalen Schiedsrichter-Entscheidungen gestohlen, wenn sie falsch oder ungerecht sind.

Das berühmte dritte Tor von Wembley, das keines war und doch das WM-Endspiel 1966 entschied, würde heute der Kölner Keller auflösen. Und damit die jahrzehntelange Debatte zwischen England und Deutschland, ob der Ball drin war oder nicht.

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Oder Diego Maradona 1986. Sein Handtor, gefeiert in Argentinien, verflucht in England, würde heute keiner Überprüfung standhalten. Man würde es mit Verzögerung zurücknehmen und anschliessend vergessen. Vielleicht wäre Argentinien nicht Weltmeister geworden.

Womöglich interpretieren wir zu viel in den vorletzten Bundesliga-Spieltag hinein, weil er nicht mehr die Gleichzeitigkeit aller Spielpaarungen vorsieht. Aber vermutlich erkennen wir darin den Vorsatz: Dem Fussball wird, Schritt für Schritt, das Unkalkulierbare genommen.

Verwendete Quellen:

Über den Autor

  • Pit Gottschalk ist Journalist, Buchautor und ehemaliger Chefredakteur von SPORT1. Seinen kostenlosen Fussball-Newsletter Fever Pit'ch erhalten Sie hier.
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