Joshua Kimmich soll Philipp Lahm auf der Position des rechten Verteidigers beerben. Damit lösen die Bayern zwei Probleme auf einmal - und auch für den Nationalspieler eröffnen sich mit der Versetzung neue Perspektiven.

Für einen, der in der Rückrunde kaum noch eine feste Grösse war im Team der Bayern, war der Trubel der letzten Tage und Wochen doch enorm. Joshua Kimmich hat ein für seine Ansprüche unbefriedigendes Halbjahr hinter sich.

In den wenigen wichtigen Spielen der Meisterschaft gegen Hoffenheim, Dortmund oder Gladbach wurde er allenfalls eingewechselt, ebenso im Pokal gegen Schalke. Beim Aus gegen den BVB schmorte er 90 Minuten auf der Bank.

Kimmich war unzufrieden mit seiner Rolle

Und in der Champions League stand er zuletzt Anfang November in der Startelf der Bayern. In den fünf Spielen danach, als es gegen Atletico Madrid, Arsenal London und Real Madrid ans Eingemachte ging, war er allenfalls noch ein Ersatzkandidat.

Trotzdem bestimmte Kimmich zuletzt die Schlagzeilen. Weil er unzufrieden war, was man nur zu gut verstehen konnte.

Schon im Frühjahr hatte er nach einem Bundesligaspiel gegen Frankfurt betont, dass er sich nicht als Ergänzungsspieler sähe.

Und zuletzt forderte der ehrgeizige Kimmich von den Bayern eine klare Perspektive. "Es ist nicht nur vorstellbar, sondern auch mein Ziel, länger bei Bayern zu blieben - unter der Prämisse, dass ich spiele", hatte er jüngst erklärt.

Die Verantwortlichen haben ihn nun erhört: Kimmich soll Philipp Lahm auf der Position des rechten Verteidigers beerben.

Rummenigge überrascht im Interview

Das ist aus unterschiedlichen Gründen eine durchaus bemerkenswerte Nachricht, die Karl-Heinz Rummenigge in ein Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" gepackt hat.

Angesprochen auf einen möglichen Nachfolger für Lahm, der seit ein paar Tagen im Ruhestand weilt, lautete Rummenigges Replik: "Den Nachfolger haben wir schon. Das kann ich an dieser Stelle gerne bestätigen: Hinten rechts spielt nächste Saison Joshua Kimmich."

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Für den Spieler wären damit zwei grundsätzliche Fragen gelöst: Zum einen muss er sich nicht mehr mit angeblichen Werbern wie dem FC Barcelona, Manchester City oder Atletico herumschlagen. Der Vertrag in München ist bis 2020 datiert und rein gar nichts deutet im Moment darauf hin, dass der Kontrakt nicht auch von beiden Seiten erfüllt wird.

Und zum anderen hat er jetzt so etwas wie eine Planungssicherheit. Rafinha bleibt der Backup für die Planstelle hinten rechts, der Brasilianer ist mittlerweile auch schon 31 Jahre alt und wird perspektivisch für Kimmich keine Gefahr.

Kimmich sieht sich woanders zu Hause

Mit der Versetzung auf die Rechtsverteidiger-Position ereilt Kimmich aber auch jenes "Schicksal", dem sich fast während seiner gesamten Laufbahn auch Lahm beugen musste.

Wie der ehemalige Kapitän sieht sich auch Kimmich klar als Spieler im zentralen Mittelfeld.

Kimmich wurde wie Lahm in der Jugend (bei VfB Stuttgart) als Sechser ausgebildet, machte seine ersten Schritte als Profi in Leipzig im zentralen Mittelfeld und bringt für diese Position auch alles mit, was der moderne Fussball an Anforderungen stellt.

Kimmich ist schnell, aggressiv, hat überragende technische Fähigkeiten und ein hohes Mass an Antizipationsfähigkeit und Handlungsschnelligkeit.

Er ist defensiv wie offensiv gleichermassen stark geschult, kann als Box-to-Box-Spieler spielen und torgefährlich werden oder als reiner Abräumer vor der Abwehr agieren.

Aber: So perfekt er in das Anforderungsprofil auch passt, so überlaufen sind die Planstellen in diesem Bereich, auch bei den Bayern.

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Defensive Aussenbahn als Problemstelle

Der Rekordmeister hat mit Sebastian Rudy und Niklas Süle bisher zwei Spieler geholt. Rudy ist im Prinzip wie Kimmich auch eine Option für beide Positionen, die im Mittelfeld und die rechts hinten in der Verteidigung.

Und wie Kimmich hat er nicht nur in seinem bisherigen Klub 1899 Hoffenheim dort gespielt, sondern auch in der Nationalmannschaft.

Überragende Mittelfeldspieler hat der Weltfussball wie Sand am Meer zu bieten, die defensiven Aussenbahnen sind aber immer noch grosse Mangelpositionen.

Es gibt ganz gewiss leichtere Jobs, als der Nachfolger von Philipp Lahm zu werden. Und Kimmich wird irgendwann auch wieder ins Mittelfeld zurückdrängen, so wie Lahm auf seine etwas älteren Tage im Klub und in der Nationalmannschaft.

Grosse Chance für Kimmich

Aber Kimmich, erst 22 Jahre jung, sollte die Versetzung auch als grosse Chance sehen. Die Konkurrenz ist deutlich geringer als im Mittelfeld, der Bedarf der Top-Klubs Europas an aussergewöhnlichen Aussenverteidigern enorm.

Derzeit erleben Spieler wie Marcelo (29) oder Dani Alves (34) ihren zweiten oder dritten Frühling und gelten als zwei der Besten ihres Fachs.

Dahinter kommt auf absolutem Top-Niveau wenig, Reals Dani Carvajal vielleicht noch, dahinter Kyle Walker von den Spurs oder Serge Aurier von Paris Saint-Germain.

Das Angebot befriedigt nicht die hohe Nachfrage. Und in der Nationalmannschaft hat sich Kimmich ohnehin als rechter Verteidiger in die Mannschaft gespielt.

Beim Confed Cup Mitte Juni wird er der einzige Bayern-Spieler im Kader sein.

Das Vorbereitungsturnier auf die Weltmeisterschaft wird für Joshua Kimmich ein ganz persönlicher Startschuss sein: Der in seine erste Saison als fest eingeplanter rechter Verteidiger.