Von den grossen Vereinen in Deutschland trifft Schalke 04 die Coronakrise am heftigsten. Nur eine rasche Fortsetzung des Spielbetriebs kann den Traditionsklub retten, der seit Jahren auf Pump lebt.

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Stand heute droht Schalke 04 die Zahlungsunfähigkeit, sollten Einnahmen aus den verbliebenen neun Saisonspielen – insbesondere die letzte Rate der TV-Gelder – nicht rechtzeitig auf dem Konto der Königsblauen eintreffen. Die Geschäftsleitung um Finanzchef Peter Peters muss nach aussen hin dieses drastische Szenario als unrealistisch abweisen. Aber die Lage um den Bundesligisten ist in der Tat ernst.

Natürlich ist der Hauptgrund für die finanzielle Schieflage von Schalke die Unterbrechung des Spielbetriebs der Bundesliga. Seit 11. März rollt der Ball im deutschen Profifussball nicht mehr. Damit fliessen seit mehr als einem Monat keine Gelder in die Kassen, während auf der Ausgabenseite noch keine deutliche Verbesserung in Sicht ist.

Die Profispieler verzichten auf 30 Prozent ihrer Gehälter, was leichte Entlastung schafft. Aber damit ist Schalke noch lange nicht gerettet.

FC Schalke 04 muss riesige Summe zahlen

Zudem hat Schalke Verbindlichkeiten in Höhe von 198 Millionen Euro, wovon 83 Millionen innerhalb der nächsten zwölf Monate beglichen werden müssen. Selbst wenn teilweise Stundungen mit Gläubigern erzielt werden könnten, hätte der Verein immer noch eine riesige Summe zu begleichen, was ohne substanzielle Einnahmen schwerlich möglich ist.

Die Gründe für den drohenden Kollaps sind jedoch nicht nur in der aktuellen Coronakrise zu suchen. Schalke musste im Jahr 2019 ein Minus von 26 Millionen Euro verbuchen. Auch in diesem Jahr war ein Fehlbetrag im niedrigen zweistelligen Millionenbereich eingeplant. Das weist auf ein strukturelles Defizit hin, das den Verein auch in guten Zeiten belasten würde.

Schalke 04: Sünden auf dem Transfermarkt

Die Gründe für eben dieses Defizit sind schnell gefunden: Der Verein hat einen immens grossen Mitarbeiterstab, der allein 600 Festangestellte zählt. Einen grossen Teil des Gehaltsbudgets machen dabei – wenig überraschend – die Profispieler aus.

Auf die Lizenzspielerabteilung entfallen rund zwei Drittel der Gehaltsausgaben, also mehr als 80 Millionen Euro. Schalke zahlt im Vergleich hohe Gehälter für einen Verein, der lediglich unregelmässig an lukrativen internationalen Wettbewerben teilnimmt.

Zudem hat die wenig stringente Kaderplanung dazu geführt, dass Schalke in den vergangenen Jahren immer wieder verliehene Spieler zumindest partiell weiter bezahlen musste. Problematischer ist in Sachen Kaderplanung allerdings das Missverhältnis zwischen Transfereinnahmen und -ausgaben. Laut "Transfermarkt.de" verzeichneten die Königsblauen seit 2017 ein Transferminus von 66 Millionen.

Einkaufspolitik ohne langfristige Kader-Planuung

Obwohl die Einkaufspolitik der Schalker alles andere als fehlerfrei war und gewiss auch aufgrund vieler Trainerwechsel nie einer längerfristigen Strategie unterlag, schlugen vor allem die vielen ablösefreien Abgänge negativ zu Buche.

Allein seit 2017 verliessen Joel Matip (Liverpool), Kaan Ayhan (Fortuna Düsseldorf), Sead Kolašinac (Arsenal), Eric Maxim Choupo-Moting (Stoke City, heute Paris Saint-Germain), Benedikt Höwedes (Lok Moskau), Max Meyer (Crystal Palace), Leon Goretzka (Bayern München) und Breel Embolo (Borussia Mönchengladbach) für eine Gesamtsumme von nur 16 Millionen Euro den Verein.

Torwart Alexander Nübel wird sich als nächster ablösefreie Abgang im Sommer einreihen. Lediglich beim Verkauf von Leroy Sané und Thilo Kehrer konnten die Schalker aus ihrer guten Jugend- und Scoutingarbeit Kapital schlagen und insgesamt 88 Millionen einnehmen.

Schalkes Fehleinschätzungen in der Krise

Die Krux bei Schalke ist, dass der Verein als Marke einen enormen Wert hat. Der Verein verfügt mehr als 160.000 Mitglieder, ist über die Grenzen Deutschlands und Europas bekannt. Aber daraus konnte Schalke nur bedingt Kapital schlagen, weil sportliche Erfolge nur sehr unregelmässig eingefahren wurden.

Bei den Vermarktungserlösen machte sich das 2019 im Vergleich zu 2018 bemerkbar. Fast zehn Prozent der Erlöse kommen zuweilen aus variablen Sponsoringprämien, die nur gezahlt werden, wenn Schalke bestimmte sportliche Ziele erreicht. Bleiben diese aus, fehlen Einnahmen.

Lange Zeit operierte der Verein mit zuversichtlichen Kalkulationen, bevor nach und nach die Prognosen und damit auch finanziellen Planungen konservativer angegangen wurden. Diese Versäumnisse haben den Verein in eine Schuldenfalle manövriert.

Die Königsblauen schauen in den Abgrund

Auch im Zuge der Coronakrise handelten die Königsblauen nicht unbedingt reaktionsschnell, wie Peter Peters sogar offen zugibt. "Wir haben es ein Stück weit falsch eingeschätzt. Wir haben gedacht, wir haben eine schöne Catering-Gesellschaft, wir haben digitale Medien und andere Geschäftsfelder", so der langjährige Finanzchef. "Aber auf einmal stellen wir fest: Wenn der Fussball nicht mehr da ist, dann bleibt uns wenig, vielleicht auch nichts."

Schalke schaut in der Tat in den Abgrund. Sollte die ausbleibende Rate der TV-Gelder in Höhe von 16 Millionen Euro bald auf dem Konto eingehen, würde diese zumindest temporär für Entlastung sorgen.

Allerdings steht Schalke wie dem gesamten deutschen Profifussball eine lange Zeit ohne Zuschauerspiele bevor – wenn überhaupt der Spielbetrieb kurzfristig fortgesetzt wird, worüber die DFL am kommenden Donnerstag entscheidet. Ohne Zuschauer sinkt die Attraktivität für Sponsoren, Ticketeinnahmen bleiben ganz aus.

Ausgliederung als letzter Ausweg?

Ein letzter Ausweg für Schalke könnte darin bestehen, die Lizenzspielerabteilung auszugliedern. Schalke 04 ist derzeit einer von nur noch fünf eingetragenen Vereinen in der Bundesliga. Alle anderen sind diesen Schritt bereits gegangen. Lange Zeit gehörte dieser Sonderweg zur spezifischen Identität der Königsblauen. Das könnte sich nun ändern.

"Die Diskussion hat von aussen an Fahrt aufgenommen. Schalke 04 hat die Rechtsform des eingetragenen Vereins. Es gibt zwei grosse Wege einer Finanzierung: Der eine Weg ist das Fremdkapital, wenn wir also zur Bank laufen", erklärt Peters in einem Live-Talk bei Facebook. "Aber die Eigenkapitalfinanzierung – diese Möglichkeit hat ein eingetragener Verein nicht. Mit den Gremien werden wir das erörtern, ob wir das weiter vollkommen ausschliessen wollen."

Eine Ausgliederung der Lizenzspielerabteilung hätte zur Folge, dass Investoren Anteile an der zu gründenden GmbH erwerben könnten. Der Verein selbst müsste aufgrund der 50+1-Regelung im deutschen Profifussball weiterhin die Mehrheit der Anteile und damit die Kontrolle über die Bundesligamannschaft erhalten, aber 49 Prozent würden viele Millionen in die Kassen spülen.

Coronakrise: Investoren halten sich zurück

Jedoch wären eine Ausgliederung und ein Verkauf von Anteilen momentan deutlich weniger lukrativ als noch vor einem Jahr. Aufgrund der aktuellen Krise halten sich die Investoren zurück. Das spüren vor allen die Börsen.

Grosse deutsche Unternehmen haben eine bei weitem geringere Marktkapitalisierung, als der Wert ihrer Assets aufweist. Schalke würde keine Ausnahme bilden, zumal der Fussball in Zeiten grosser Unsicherheit ohnehin keine allzu sichere Investitionsanlage repräsentiert.

Peter Peters bezeichnet die aktuelle Krise als Chance. Das klingt nach klassischer Unternehmens- und Finanzmarktsprache oder aber nach Zweckoptimismus. Mehr bleibt den Schalkern momentan auch nicht übrig.

Verwendete Quellen:

  • Konzernbericht von Schalke 04 für 2019
  • Facebook-Chat von Peter Peters
  • Statistiken von Transfermarkt.de
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