Der Streit über das Handspiel geht weiter, obwohl die Regeln reformiert wurden. Am Wochenende regen sich vor allem die Schalker auf. Mit einem Wutausbruch trägt sich unterdessen der Paderborner Coach in die Geschichtsbücher ein.

Alex Feuerherdt
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Coach und freier Publizist

Seit dieser Saison gelten beim Handspiel neue Regeln, auf denen viele Hoffnungen ruhen. Nicht mehr die – oft kaum festzustellende – Absicht steht nun im Zentrum der Frage, wann ein Handspiel strafbar ist, sondern die einfacher zu bestimmende Armhaltung.

Eindeutiger und berechenbarer soll die Handspielregel damit werden, sie soll von den Schiedsrichtern leichter auszulegen und von den Video-Assistenten bei Bedarf besser zu überprüfen sein.

Der Kriterienkatalog orientiert sich also stärker an messbaren Faktoren als zuvor. Dennoch war klar: Ein Ermessensspielraum würde nach wie vor existieren, genauso wie erregte Diskussionen über die Bewertung mancher Handspiele.

Schiesdrichter Fritz bezieht Position

Schon am zweiten Spieltag der Bundesliga gab es solche Debatten, insbesondere beim Spiel des FC Schalke 04 gegen den FC Bayern München (0:3). Gleich zweimal reklamierten die Gastgeber bei Schiedsrichter Marco Fritz einen Elfmeter, nämlich nach den Handspielen von Benjamin Pavard und von Ivan Perišić.

Der Unparteiische konnte sich jedoch beide Male nicht zu einem Pfiff entschliessen, und sein Video-Assistent hielt das zumindest nicht für klar und offensichtlich falsch. Es kam deshalb zu keinem Review am Spielfeldrand.

Im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF bezog Fritz schliesslich Stellung. Pavards Handspiel sei unabsichtlich geschehen, sagte er. Matija Nastasić hatte dem Münchner Verteidiger die Kugel aus nächster Nähe an den ausgestreckten Arm geköpft, Pavard befand sich dabei mit dem Rücken zum Ball, konnte ihn also nicht sehen.

Unterstützung und Widerspruch von Fröhlich

Lutz Michael Fröhlich, der Chef der Bundesliga-Schiedsrichter, verteidigte Fritz‘ Entscheidung: Pavard habe sich in einer natürlichen Drehbewegung befunden und keine klare Orientierung zum Ball gehabt, sagte er bei "Sport 1".

Deshalb könne man "schon dafür Verständnis haben, dass der Schiedsrichter diesen Vorgang am Ende als nicht strafbar einordnet".

Anders liegen für ihn die Dinge bei Perišić. Der Kroate habe sich bei einem Freistoss für Schalke "schon deutlich zum Ball" orientiert und seinen Arm "etwas in dessen Richtung" geführt, so Fröhlich.

Nach Auffassung von Schiedsrichter Marco Fritz war er jedoch "nicht abgespreizt", sondern nahe am Körper. Dennoch würde er in beiden Fällen nun "wahrscheinlich anders entscheiden", sagte der Referee dem ZDF.

Warum Reviews besser gewesen wären

Er könne aber nachvollziehen, dass der Video-Assistent ihm jeweils nicht zu einem Review riet, "weil es keine hundertprozentige Fehlentscheidung von mir war".

Lutz Michael Fröhlich fand unterdessen: "Am besten wäre es gewesen, bezogen auf die Überzeugungskraft und Aussenwirkung, wenn sich der Schiedsrichter zu beiden Situationen selbst noch ein Bild gemacht hätte."

Das war eine Kritik am Video-Assistenten. Dass dieser auf einen Eingriff verzichtete, ist zumindest bei Perišićs Handspiel schwer zu verstehen. Auch deshalb, weil der Ball für den Münchner, der sich in der Abwehrmauer befand, keineswegs überraschend kam.

An Pavard hingegen sieht man: Selbst wenn der Arm ausgestreckt wird, kann es Argumente dafür geben, ein Handspiel nicht zu ahnden. Denn will man wirklich einen Spieler dafür bestrafen, dass er am Hinterkopf keine Augen hat und seine Arme für eine normale Bewegung benutzt?

2. Spieltag: Was noch wichtig war

Apropos Handspiel: Unumstritten war die Entscheidung von Schiedsrichter Sascha Stegemann, im Spiel zwischen der TSG 1899 Hoffenheim und Werder Bremen (3:2) nach 71 Minuten dem Treffer von Niclas Füllkrug die Anerkennung zu versagen. Zwar konnte der Bremer nichts dafür, dass er den Ball mit dem Arm berührte. Dennoch gilt laut Regelwerk: Ein Tor, bei dem ein Angreifer die Hand oder den Arm im Spiel hatte, darf auf keinen Fall zählen. Hier kennt die Handspielregel kein Grau, sondern nur Schwarz und Weiss. Das mögen nicht alle gut finden, aber in diesem Punkt gibt es zumindest nichts auszulegen.

Eine skurrile Gelbe Karte sah Łukasz Piszczek in der Partie des 1. FC Köln gegen Borussia Dortmund (1:3). Der Dortmunder musste das Feld nach einer Behandlung verlassen und betrat es während des laufenden Spiels wieder – von der Torlinie. Das ist aber nur in einer Spielruhe gestattet. Läuft das Spiel, ist der Wiedereintritt ausschliesslich an der Seitenlinie erlaubt. Schiedsrichter Christan Dingert hatte Piszczek noch angezeigt, dass er sich zur Seitenlinie begeben möge, doch der Verteidiger hatte das Zeichen offenbar falsch verstanden. Da es sich regeltechnisch um ein unerlaubtes Betreten des Platzes handelte, war die Verwarnung unumgänglich.

Steffen Baumgart hat für eine Premiere gesorgt: Der Paderborner Coach hat als erster Bundesliga-Trainer eine Gelbe Karte gezeigt bekommen. Schiedsrichter Tobias Welz bestrafte damit einen Wutausbruch von Baumgart kurz vor der Pause. Auch der Düsseldorfer Trainer Friedhelm Funkel wurde in der Begegnung seiner Mannschaft gegen Bayer 04 Leverkusen kurz vor Schluss von Referee Patrick Ittrich verwarnt. Beide Karte waren völlig berechtigt. Das Gejammer der Fussballlehrer über die angebliche Beschneidung ihrer Emotionen, wo es in Wirklichkeit um unsportliches Verhalten geht, wird hoffentlich bald verstummen.