Vom Europa-League-Aspiranten zum Abstiegskandidaten – der SV Werder Bremen ist die bislang grösste Enttäuschung der Bundesliga. Der Sturz in die 2. Liga hätte für den Verein wirtschaftlich dramatische Folgen.

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Der Fussball soll in Bremen weiterrollen – zumindest auf dem Trainingsplatz. Trotz der Corona-Krise möchten Trainer und Spieler des SV Werder Bremen das Sportliche nicht aus den Augen verlieren.

Geschäftsführer Frank Baumann sagt: "Wir müssen davon ausgehen, dass die Spielzeit zu Ende gebracht wird und versuchen in den kommenden Wochen, wieder Spannung aufzubauen. Wir werden die Wochen bis zum nächsten Bundesligaspiel sinnvoll nutzen, um uns bestmöglich auf die Endphase vorzubereiten."

Niemand kann seriös voraussagen, wie es im deutschen Fussball weitergeht. Wird die Saison abgebrochen? Finden die restlichen Spiele ohne Zuschauer statt? Oder wird es Nachholspiele bis tief hinein in den Sommer geben?

Sicher ist nur: Die Ausbreitung des Coronavirus bleibt auch für Werder nicht ohne wirtschaftliche Folgen.

"Bestimmte eingeplante Einnahmen fallen weg", erklärt Vereinspräsident Dr. Hess-Grunewald. "Wir können seriös noch keine konkreten Zahlen nennen, aber es ist eine enorme Herausforderung für Werder. Klar, dass wir uns darüber intensiv Gedanken machen."

Abstieg kostet Werder mehr Geld als Einnahmeverlust durch Corona

Sechs der noch zehn ausstehenden Spiele (inklusive des Nachholspiels gegen Eintracht Frankfurt) fänden eigentlich noch im heimischen Weserstadion statt. Laut Informationen der Bild droht im Falle des Saisonabbruchs ein Verlust von zehn Millionen Euro.

Solange die Möglichkeit auf eine Fortsetzung der Saison besteht, muss der Fokus der Mannschaft trotzdem auf dem Sportlichen bleiben. Die finanziellen Verluste eines Abstiegs wären nämlich noch dramatischer.

Um es einmal in Zahlen auszudrücken: Laut einer Berechnung der "Sport Bild" würden die Einnahmen um etwa 45 Millionen Euro heruntergehen.

Um die einzelnen Posten einmal aufzuschlüsseln: Die Fernseheinnahmen würden von derzeit 67 Millionen Euro auf etwa 37 Millionen Euro sinken, die Zuschauereinnahmen von aktuell 28,2 Millionen Euro auf 22,5 Millionen Euro.

Und auch die Sponsoren, die momentan etwa 25,4 Millionen Euro pro Saison überweisen, würden zukünftig wohl geringere Schecks ausstellen. Ein Rückgang von 30 bis 40 Prozent wäre hier zu erwarten.

Spieler verdienen in der 2. Liga bis zu 40 Prozent weniger

Die Spielerverträge wären trotzdem weiterhin gültig. Immerhin hat der Verein vorgesorgt und in den Verträgen Klauseln untergebracht, sodass die Gehälter in der 2. Bundesliga zwischen 20 und 40 Prozent geringer wären.

Um die geringeren Einnahmen aufzufangen, müsste Bremen sich zudem von wertvollen Spielern trennen. Der technisch starke Flügelspieler Milot Rashica hat laut transfermarkt.de einen Marktwert von 35 Millionen Euro. Mehrere Top-Vereine, unter anderem Borussia Dortmund, sollen an dem 23-Jährigen interessiert sein.

Insgesamt würde der Gehaltsetat in der 2. Bundesliga von derzeit 55 Millionen Euro wohl auf etwa 30 Millionen Euro herunterfahren. Das wäre für Zweitliga-Verhältnisse zwar ein Top-Budget. Allerdings hat der Nordrivale Hamburger SV vergangene Saison bewiesen, dass ein Spieleretat in dieser Grössenordnung noch lange keinen Aufstieg garantiert.

Und was wäre mit den etwa 180 Mitarbeitern des Vereins? Werder soll intern kommuniziert haben, dass bei einem Abstieg keine Entlassungswellen drohen. Das war allerdings vor der Corona-Krise.

Nur ein Sieg in den letzten elf Spielen

Wie stehen also die Chancen, dass Werder Bremen den Abstieg und somit auch die finanziellen Verluste abwenden kann?

Hatte der Verein vor der Saison noch die internationalen Plätze als Ziel ausgegeben, sieht die Realität völlig anders aus: Werder steht auf einem direkten Abstiegsplatz, hat vier Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz und acht Punkte auf die Nicht-Abstiegsplätze.

Dass Bremen noch ein Spiel mehr zu bestreiten hat als die direkten Konkurrenten, sorgt angesichts der bisherigen Erfolglosigkeit nur bedingt für Hoffnung: Werder gewann nur eines der letzten elf Bundesligaspiele. Und dieser Sieg gegen Fortuna Düsseldorf vom 18. Januar kam lediglich aufgrund eines Eigentors zustande.

Die Gründe für die sportliche Krise sind vielfältig: Bremen konnte den Abgang von Stürmer Max Kruse nicht kompensieren, litt die ganze Saison unter grossem Verletzungspech, kassiert zu viele Gegentreffer durch Standards und hat selber insgesamt nur 27 Tore erzielt – keine Bundesligamannschaft traf seltener.

Grosses Vertrauen in Trainer Kohfeldt

Trotz der sportlichen Misere hält der Verein am Trainer fest. "Das Vertrauen in Florian Kohfeldt ist absolut da", sagt Baumann seit Wochen. Woher er das Vertrauen nimmt, bleibt angesichts der sportlichen Misere aber ein Rätsel.

Aufsichtsratsboss Marco Bode hat im Interview mit der "Frankfurter Rundschau" angedeutet, dass man im Falle des Abstiegs mit Kohfeldt auch den Wiederaufstieg angehen möchte: "Ja, das kann eine Option sein. Aber ich möchte betonen, dass wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht auch nur im Ansatz einen Abstieg akzeptieren würden."

Möglicherweise aber bleibt dem Traditionsverein gar nichts anderes übrig.

Verwendete Quellen:

  • Werder.de: "Bereiten uns bestmöglich vor"
  • Bild.de: So geht es bei meinem Klub jetzt weiter
  • Transfermarkt.de: Milot Rashica
  • FR.de: Marco Bode: "Florian ist ein Kämpfer - und wir kämpfen mit ihm"
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