• Der Kollaps von Christian Eriksen schockiert die Welt.
  • Seine Mitspieler und die gesamte dänische Delegation zeigen aber in der schwersten Stunde nicht nur grosse Empathie, sondern auch echten Sportsgeist.
Eine Analyse
von Stefan Rommel

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Simon Kjaer war schon vor einigen Jahren ein Held. Zumindest in Rasmus Ankersens lesenswertem Buch "The Goldmine Effect". Dem Jungen aus Ostjütland ist darin eine Episode gewidmet, die richtig viel erzählt über das Leben und die Karriere von Simon Kjaer.

Eigentlich war der gar nicht vorgesehen für das, was man eine erste Improvisation eines Nachwuchsleistungszentrums mitten in der Provinz nennen konnte. In der neuen Akademie durfte Kjaer den Kader auffüllen, weil sein Vater zufällig beim ansässigen Klub als Zeugwart angestellt war und noch ein Kind gesucht wurde.

Später sollte Kjaer aussortiert werden, keiner der acht Trainer traute dem Teenager eine Karriere im Profifussball zu. Aber Kjaer blieb dabei - nicht mit dem grössten Talent, aber mit dem grössten Willen ausgestattet - und schaffte über den FC Midtjylland den Sprung hinaus in die weite Fussball-Welt. Nicht überall hatte er es leicht, unter anderem verliess Kjaer den VfL Wolfsburg nach nur drei Jahren und als Flop gebrandmarkt.

Palermo, Wolfsburg, die Roma, Lille, Fenerbahce, Sevilla, Atalanta und Milan: Acht Auslandsstationen in 13 Jahren als Profi lassen viele Widerstände und Probleme vermuten und tatsächlich hat der mittlerweile 32-Jährige erst seit seinem Wechsel nach Mailand wieder so richtig in die Spur gefunden.

Die Rückkehr der Rossoneri in Italiens Spitze und in die Champions League wird gerne an Zlatan Ibrahimovic und dessen x-ten Frühling in Mailand festgemacht. Einen ebenso grossen Anteil hat aber Kjaer als Abwehrchef und Stütze einer jungen, hungrigen Mannschaft. Nur fällt das kaum jemandem auf. Seit Samstagabend aber ist Simon Kjaer unfreiwillig ein Spieler, den die halbe Welt kennt.

Delaney reagiert am schnellsten

Kjaer und sein Teamkollege Thomas Delaney waren die Ersten, die den Ernst der Lage erkannten. Delaney stand bei einem vergleichbaren Zwischenfall vor vier Jahren schon einmal in unmittelbarer Nähe.

Delaney spielte damals bei Werder Bremen, im Testspiel gegen Ajax kollabierte der damals erst 20-jährige Abdelhak Nouri wenige Meter neben Delaney. Damals, auf einem Dorfplatz im Zillertal, dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, ehe das Spiel unterbrochen wurde und jeder am Gelände erkannt hatte, dass hier Schreckliches passiert ist.

Nun, in Kopenhagen, winkte Delaney sofort die Ärzte herbei, Kjaer kümmerte sich um den am Boden liegenden Christian Eriksen. Jedem, der das Unglück live mitbekommen hat - TV-Kommentatoren, Reportern, Moderatoren, den Fans im Stadion, den Fans zu Hause an den TV-Geräten und vor dem sogenannten Second Screen -, stellte sich früher oder später die Frage: Wie geht man mit dieser Extremsituation um?

Den Spielern auf dem Platz blieb keine Zeit zum Überlegen. Deshalb war Kjaers Intuition so unglaublich gut und der Situation in vollem Umfang angemessen.

Kjaer brachte seinen Teamkollegen und Freund sofort in die stabile Seitenlage, verhinderte so die Gefahr, dass Eriksen seine Zunge verschlucken konnte. Als die Ärzte auf dem Feld waren, hielt Kjaer seine Mitspieler an, eine menschliche Sichtschutzwand um Eriksen zu bilden.

Schlimm genug, dass dessen Zusammenbruch schon live im TV zu sehen war. Noch mehr schreckliche Bilder, vielleicht sogar von Fans in unmittelbarer Nähe im Stadion gefilmt oder fotografiert, galt es zu verhindern.

Kjaer und Schmeichel kümmern sich um Eriksens Partnerin

Vor ein paar Monaten machten beide, Kjaer und Eriksen, gegen England ihr 100. Länderspiel für Dänemark. In Mailand spielen sie zwar in derselben Stadt, aber in zwei verschiedenen Klubs. Trotzdem sollen die beiden Familien auch ausserhalb des Fussballs eng befreundet sein.

Als paar Minuten nach Eriksens Zusammenbruch einige Ordner eine junge Frau davon abhalten wollten, auf den Platz zu stürmen, sorgten Kjaer und Torhüter Kasper Schmeichel dafür, dass die Dame zu ihnen durchdringen durfte.

Es war Sabrina Kvist Jensen, Christian Eriksens Freundin. In einer Situation, in der alle fassungslos und machtlos waren und niemand wusste, was genau mit dem Spieler passieren wird, tat Kjaer auch hier das einzig Richtige: Er hielt die Mutter von zwei Kindern fern von ihrem Partner und beruhigte sie erstmal.

Später kam auch Schmeichel dazu und redete Kvist Jensen gut zu. Am Sonntag wurde bekannt, dass Schmeichel junior der jungen Frau eine erste Entwarnung gegeben hatte. Kasper Schmeichels Vater Peter erzählte der britischen BBC offenbar, was ihm sein Sohn über die Minuten nach dem Kollaps berichtet hatte. "Er ging zu ihr rüber und sagte, dass Christian atmet. Sie glaubte tatsächlich, dass er gestorben war", sagte Peter Schmeichel.

Der Rest der dänischen Mannschaft hielt währenddessen die Mauer rund um den Teamkollegen, unterstützt von einer finnischen Flagge, die irgendwann aufs Feld geflogen war und den Sichtschutz verstärken sollte. Der kleine Tross begleitete Eriksen dann auch auf dem Weg in die Katakomben des Parken-Stadions. Während der Kollege in die nahe gelegene Klinik Rigshospitalen transportiert wurde, mussten die Kollegen eine schwierige Entscheidung treffen.

Schmeichel übernimmt Kjaers Rolle

In der offiziellen Lesart habe die UEFA es den Spielern freigestellt, ob die Partie unmittelbar danach oder erst am kommenden Sonntag um 12 Uhr mittags fortgesetzt werden soll. Ziemlich überraschend entschied sich die dänische Mannschaft dafür, die Partie noch am Samstag zu Ende zu spielen.

107 Minuten vergingen von Eriksens Kollaps bis zum Wiederanpfiff. Dazwischen ging es rauf und runter mit den Emotionen, an eine konzentriert gespielte EM-Partie war eigentlich kaum zu denken.

Als Erster kam Kasper Schmeichel aufs Feld zurück. Schmeichel ging reihum, umarmte jeden einzelnen Spieler und zahlreiche Betreuer. Die Mannschaft bildete einen Kreis, Schmeichel war jetzt der Wortführer. Kjaer nahm sich zurück, war bereits bei der Rückkehr auf den Platz den Tränen nahe.

Alle dänischen Spieler und alle Betreuer waren nun im und am Kreis, Schmeichel redete ruhig auf seine Kollegen ein. Erst danach übernahm Trainer Kasper Hjulmand das Wort. Und man kann sich sehr gut vorstellen, dass dies keine normale Teamansprache war wie vor jedem handelsüblichen Spiel. Keine Taktikbesprechung, kein Anfeuern oder heiss machen. Einfach nur ein Gespräch.

Trainer Hjulmand: "Wir hätten nicht spielen sollen"

Am Sonntag stellten die Dänen dann die Verlautbarung der UEFA in einem etwas anderen Licht dar. Sie haben das Spiel verloren, obwohl sie die bessere Mannschaft waren. Obwohl Finnland nur ein einziges Mal auf ihr Tor geschossen hat. Obwohl sie selbst einen Foulelfmeter verschossen haben.

Obwohl sie die letzten 20 Minuten ohne ihren Kapitän und Anführer spielen mussten: Simon Kjaer liess sich freiwillig auswechseln. Er war einfach am Ende. Und trotzdem formuliert niemand eine Anklage, es fällt kein Wort des Jammerns.

Hjulmand weist zwar mit Nachdruck darauf hin, dass er die Entscheidungsfindung falsch hielt. "Die Spieler waren in einem Schock-Zustand. Wir hätten nicht spielen sollen, das ist mein Gefühl", sagte der ehemalige Coach von Mainz 05.

"Vielleicht hätten wir einfach in den Bus steigen sollen. Es war eine schwierige Entscheidung. Es war falsch für mich, dass die Spieler das entscheiden sollten." Aber auch Hjulmand vermied jeden Anflug einer Ausrede oder Anschuldigung über das verlorene Spiel.

Die Engländer nennen so etwas gerne Sportsmanship. Und genau das haben die Dänen am Wochenende bewiesen. Und sie haben eine Form der Empathie gezeigt, wie sie im harten Fussballgeschäft selten geworden ist. Der Fussball kann die schönste Nebensache der Welt sein. Aber er bleibt deshalb trotzdem genau das: eine Nebensache.

Dänemarks Nationalmannschaft hat in den schwersten Stunden gezeigt, dass es Wichtigeres gibt als Tore und Siege. Deshalb sind die Dänen jetzt schon die Mannschaft des Turniers.

Verwendete Quellen:

  • sportschau.de: "Wir hätten nicht spielen sollen"
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