Der Superclasico River Plate gegen Boca Juniors ist in Argentinien mehr als nur ein Derby - er ist eine Glaubensfrage. Die Geschichte einer erbitterten Rivalität, die bisweilen jegliches Mass verloren hat. Am Mittwoch um 2:30 Uhr deutscher Zeit treffen die Teams aufeinander.

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Kein Superclasico ohne wenigstens ein Bonmot vom Grössten. "Ein Sieg gegen River ist so ekstatisch, wie mit Julia Roberts ins Bett zu gehen." Der Verweis auf "Pretty Woman" deutet an, dass Diego Maradonas Einschätzung schon ein paar Jährchen her ist. Und es ist noch eine vergleichsweise nüchterne Beschreibung dessen, worauf sich Buenos Aires in diesen Tagen wieder vorbereitet.

Die energetischen Derbys in Deutschland, Waldhof gegen Offenbach, Chemie gegen Lok Leipzig, Schalke gegen Dortmund, Nürnberg gegen Fürth, erscheinen wie niedliche Kaffeekränzchen im Vergleich zu dem, was bei River gegen Boca in Argentiniens Hauptstadt los ist.

Wenn die beiden wichtigsten Klubs des Landes aufeinandertreffen, so wie in der Nacht auf 2. Oktober (2:30 Uhr mitteleuropäischer Zeit) wieder im Halbfinale der Copa Libertadores, herrscht bereits Wochen vor dem Spiel Ausnahmezustand.

Superclasico: River oder Boca - eine Glaubensfrage

River gegen Boca ist nicht weniger als eine Glaubensfrage. Drunter machen sie es nicht in Argentinien, im verrücktesten unter den vielen fussballverrückten Ländern der Erde.

So viele Geschichten dieser Rivalität füllen zahlreiche Bücher. Es sind Geschichten von Liebe und Schmerz, Ekstase und Trauer und, tatsächlich, auch vom Leben und vom Tod. Und manchmal geht es auch noch ein bisschen um Fussball.

Der Superclasico vereint alles Schöne und alles Hässliche des Spiels, er ist die Speerspitze des Wahnsinns, der sich jedes Wochenende in der Welt-Hauptstadt des Fussballs zuträgt.

Fast 60 Klubs in und um Buenos Aires herum sind im professionellen oder semiprofessionellen Fussballbetrieb Argentiniens gelistet. Also ungefähr sechsmal so viele wie im Ruhrgebiet, wo in Deutschland ja angeblich das Herz des Fussballs schlägt.

Nirgendwo legen die Fans im wahrsten Sinne des Wortes so viel Herzblut mit in dieses Duell wie bei River gegen Boca. In Belgrad, Athen, Istanbul, Glasgow, Manchester, Sevilla mag es in den Stadien und drumherum hitzig zugehen, wenn die grossen Klubs der Stadt sich zweimal im Jahr treffen. In Buenos Aires vibriert eine ganze Stadt.

Fan Gruszecki: "Mit nichts zu vergleichen"

"Dieses Spiel ist mit nichts zu vergleichen", sagt Jan-Henrik Gruszecki. Und der muss es wissen. Gruszecki ist Allesfahrer von Borussia Dortmund. Er verpasst kein Auswärtsspiel seiner Mannschaft und ist nebenbei so etwas wie die ständige deutsche Vertretung in Argentinien.

Gruszecki hat in Südamerika gelebt, er besitzt einen argentinischen Pass, ist ein Protagonist der ARD-Dokumentation "Ekstase und Schock - Die Fussballhauptstadt Buenos Aires" und war vor gut einem Jahr beim Super-Super-Superclasico, als sich River und Boca im Finale der Copa gegenüberstanden.

16 Mal hat Gruszecki diese Partie schon live im Stadion erlebt. "Leider hat das Flair in den letzten Jahren auch ein bisschen abgenommen: Gästefans sind in Argentinien seit Jahren nicht mehr erlaubt. Bei River gegen Boca hat dafür der Folklorecharakter deutlich zugenommen."

Das war nun auch am Wochenende zu spüren, selbst beim Vergleich beider Klubs in der ersten Liga der Frauen zwischen River gegen Boca waren keine Gästefans zugelassen. Boca siegte 4:0 und es gab tatsächlich Radiosendungen, die konkrete Schlüsse aus der Partie für jene in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch bei den Männern ziehen wollten.

Der Hype muss befeuert werden, worum sich die Medien auf geradezu rührende Weise auch kümmern. Leider treten seit Wochen auch schon die Fans auf den Plan - in einer Art, dass man Schlimmes befürchten muss.

Tödlicher Cocktail

Am Wochenende nahm die Polizei zehn River-Fans fest, die beim Heimspiel gegen Velez Sarsfield mit Schusswaffen gegen eine eigene Ultra-Gruppierung vorgehen wollten.

Mitte letzter Woche wurden über 50 Personen bei einem Pokalspiel festgenommen, auch sie waren bis an die Zähne bewaffnet zu einem Pokalspiel in den Speckgürtel von Buenos Aires gereist. Eine grosse Tragödie "mit Verletzten, womöglich Toten" sei verhindert worden, hiess es vonseiten der Behörden.

Deshalb fährt die Polizei eine Null-Toleranz-Linie rund um das Hinspiel im Estadio Monumental. Die Barra Bravas beider Seiten gehören zu den berüchtigtsten und gewaltätigsten Ultragruppen der Welt.

Hier vermischen sich Fussball und Ultrakultur zusammen mit Hooliganismus und schwerster Bandenkriminalität zu einem tödlichen Cocktail. Im letzten Jahrzehnt sind in allein Buenos Aires nach offiziellen Angaben über 50 Fussballfans umgebracht worden.

Deshalb zeigt die Polizei schon seit Wochen Präsenz in den Barios. Gepanzerte Wagen patrouillieren durch die Stadtteile der Boca- und River-Fans, es gibt Hausdurchsuchungen.

Die Behörden wollen im Keim ersticken, was kaum zu kontrollieren ist - damit es nicht wieder so endet wie vor einem Jahr: Damals starben im Vorfeld des Superclasico drei Menschen, nach dem Finale von Madrid wurde ein River-Anhänger erstochen.

Polizei mit grösstmögliche Peinlichkeit im Superclasico

Die einzige Aufgabe der Polizei am Spieltag bestand darin, Bocas Mannschaftsbus unbeschadet zu Rivers Stadion zu geleiten - sie versagte dabei aber kläglich. Die Attacken auf den Bus und Bocas Spieler hatten damals die Absage des Rückspiels zur Folge, der Verband musste die Partie deshalb in Madrid austragen - 10.000 Kilometer fernab der Heimat, die grösste vorstellbare Peinlichkeit für den argentinischen und auch südamerikanischen Fussball. Und nun die Neuauflage.

"Die meisten River-Fans hätten sich lieber eine andere Mannschaft im Halbfinale gewünscht als Boca", sagt Gruszecki. "Aber nicht, weil sie Angst vor einem Ausscheiden haben. Sondern weil nach dem Finalsieg im letzten Jahr ohnehin nichts Grösseres mehr kommen kann. Es war die ultimative Demütigung für Boca und seine Fans."

Es war das grösste Spiel in der langen Geschichte dieser eisernen Rivalität, die eigentlich so harmonisch begonnen hatte. Beide Klubs entstammen dem Stadtteil La Boca mit seinen italienischstämmigen Einwohnern. Mit der Wahl der Vereinsfarben begann der Zwist: Boca wollte Schwarz und Weiss, was aber bereits River für sich auserkoren hatte.

Unzählige Geschichten zwischen River und Boca

Im Entscheidungsspiel um die Klubfarben siegte River, Boca musste sich neu umsehen. Der Legende nach sollte es die Nationalflagge des nächsten Schiffes sein, das im südlich gelegenen Hafen anlegt. Das nächste Schiff segelte unter schwedischer Flagge.

River zog später in den Norden der Stadt, im Viertel Nunez leben die Reichen und Schönen. Und weil River Mitte des letzten Jahrhunderts jede Menge Geld und Gold hatte und sich seine Mannschaften zusammenkaufen konnte, wurden aus den Schwarz-Weissen "Los Millionarios" - während Boca weiterhin im dreckigen Süden der Klub der armen Arbeiter blieb. Seitdem herrscht Krieg.

Mitte der 90er siegte River in einem Ligaspiel mit 2:0, kurz darauf wurde ein Kleinbus mit River-Fans überfallen. Zwei Menschen starben durch Messerstiche. Ein paar Tage später fand sich das Graffito "Empatamos" an einer Hauswand. "Wir haben ausgeglichen", zwei Tote von euch heben die beiden Gegentore wieder auf.

Auch alles andere rund um dieses eine Spiel nimmt extreme Züge an. Vor den Finals im letzten Jahr berichteten TV-Stationen und Verlage ohne Pause, die grösste Sportzeitung "Olé" rief das Format "Olé schläft nicht - 24 Stunden Superclasico" ins Leben.

Ein Radiosender kommentierte das Rückspiel in Madrid aus Rücksicht auf Herzpatienten und solche, die allzu energisch mitfieberten, in einem sachlich-gemässigten Ton, unterlegt mit meditativer Musik. Ein Kardiologe gab während des Spiels Tipps zur Stressbewältigung.

Die Polizei hat in diesen Tagen den kleinen Vorteil, bereits die Generalprobe gut über die Bühne gebracht zu haben. Und vielleicht ist das ja auch ein gutes Zeichen. Vor drei Wochen trafen sich River und Boca in der Liga. 1.400 Polizisten geleiteten Bocas Bus zum Stadion, es gab keine Ausschreitungen randalierender Fans.

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