Mit Formaten wie "Der Bachelor" macht das Fernsehen Menschen, die nach Ruhm streben, zu "Stars". Wenn es bergab geht, gibt es Kakerlaken im Dschungel oder beim "Promiboxen" ordentlich auf die Zwölf. Dummerweise ist das nicht mal unterhaltsam.

In wenigen Tagen geht "Wetten, dass ..?" in seine letzte Saison. Drei Sendungen, dann ist Schluss. Das letzte grosse Schlachtschiff der Samstagabendunterhaltung wird für immer verschwinden. Nach 33 Jahren. Das mag viele freuen und noch nie hat ein Moderator so viel Dresche bekommen wie Markus Lanz, aber was ist der Ersatz? Das ProSieben "Promiboxen". Mehr als drei Stunden live zur besten Sendezeit. Ein Format, bei dem nicht einmal der Titel stimmt: In der Show gibt es weder Promis noch wird geboxt.

Auf den ersten Blick sieht alles wie bei einer echten Sportveranstaltung aus. Einspieler mit schwitzenden Leibern, grenzdebile, markige Sprüche, starre Blicke beim Einlaufen in den Ring und Michael Buffer rumbelt, bis er ready ist. Sogar Schauspieler Ralf Richter sitzt im Publikum. Also alles wie beim richtigen Boxen. Bis es in den Ring geht. Da passiert so viel wie bei einem Kampf der Klitschkos. Also nichts.

Lustig sind die anderen

Das "Promiboxen" ist eine ebenso perfide wie geniale Idee. In Formaten wie "Der Bachelor", "Deutschand sucht den Superstar" und unzähligen anderen werden Durchschnittsbürger mit Geltungsdrang in Rekordzeit zu "Stars" hochsterilisiert, um einmal Bruno Labbadia zu zitieren. Da es so viele von ihnen gibt, nerven sie die Zuschauer bereits während der Ausstrahlung der Shows. Also steckt man sie in das Dschungelcamp und schaut dabei zu, wie sie gequält werden. Oder: Sie hauen sich gegenseitig auf die Fresse. Verstehen Sie das nicht falsch: "Stars", die so versessen auf Ruhm sind, dass sie lieber an einem Format wie dem "Promiboxen" teilnehmen, als in ihren alten Beruf zurückzukehren, ist jeder Schlag auf die Birne gegönnt. Die Frage ist: Warum schafft es das RTL Dschungelcamp als einzige Sendung, das unterhaltsam zu inszenieren?

Gleich zu Beginn heisst es: "Dies ist keine Spassveranstaltung." Recht hat das Moderationsteam. Eine Sportveranstaltung ist es aber auch nicht. Als erstes vermöbeln sich die Ex-Bachelors Christian Tews und Jan Kralitschka die makellos gezupften Augenbrauen. Nach ein paar Schlägen hat Tews die Rosen voll. Kommentator Frank Buschmann versucht mit den üblichen Platzhaltersätzen Stimmung zu erzeugen: "Da passiert so viel im Kopf", wiederholt er immer wieder. Der Zuschauer denkt: "Das sind Bachelors. Was soll da im Kopf passieren?"

Buschmann macht trotzdem hysterisch weiter, als wäre das der "Rumble In The Jungle" mit George Foreman und Muhammad Ali. Während die beiden unbeholfen aufeinander einprügeln schreit er: "Da ist der Papa stolz!" Natürlich, welcher Vater wäre das nicht, wenn sein Sohn es zum "Promiboxen" geschafft hat. Still ist er eigentlich nur, wenn das überbordende Dekolleté der Frau von Puffkönig Bert Wollersheim ins Bild kommt. Es verschlägt ihm mitten im Satz die Sprache. Mehrfach. Dagegen ist das Unentschieden des Kampfes eine Randnotiz.

Helene Fischer ist auch keine Lösung

Das wäre erträglich, wenn es bei der Konkurrenz besser wäre. Aber wer in der Werbepause zu RTL schaltet, sieht ein Mädchen mit zitternder Unterlippe in Grossaufnahme, kurz vorm Weinen. Dieter Bohlen ist zurück und mit ihm "Das Supertalent". Eine Werbepause später singen die üblichen Freaks "Atemlos" von Helene Fischer. In der dritten Unterbrechung schliesslich brüllt das Publikum einen Kandidaten mit "Du kannst nach Hause gehen" aus dem Studio. Da sieht man sich lieber an, wo diese Menschen einmal landen werden: beim "Promiboxen".

Dass dies auch durchaus tragisch sein kann, zeigt Thorsten Legat. Mit Werder Bremen wurde er in den 90er Jahren Deutscher Fussballmeister, jetzt ist er beim "Promiboxen". Mit irrem Blick sitzt er vor seinem Kampf gegen Rapper Trooper Da Don (wenn Sie ihn nicht kennen, ist das auch nicht weiter schlimm) in der Kabine, redet wirr, fabuliert über seine Familie und spricht von sich in der dritten Person. Also etwas, was sonst nur die ganz Grossen machen. Julius Cäsar. Der Wendler. Und jetzt auch der Legat.

Hysterisch wie ein Pitbull auf Crack zieht er in den Ring. Unweigerlich glaubt man, er würde sich gleich wie beim Wrestling einen Stuhl greifen und Da Don über den Schädel ziehen. Im Ring passiert dann – nichts. Legat macht die Augen zu beim Boxen, sein Gegner rennt weg. Der einzige Schlag, der seinen Gegner von den Beinen holt, ist ein Zufallstreffer. Das reicht für den Sieg. Traurig, aber wahr, wenn man bedenkt, dass Arthur Abraham seinen WM-Titel kurz darauf in der ARD höchstwahrscheinlich mit einem Bruchteil der Zuschauer verteidigt.

Klammern, prügeln, schimpfen

Der nächste Kampf wird als "Schlacht in Doppel-D" angekündigt. Dschungelkönigin Melanie Müller tritt gegen Yoga-Busenwunder Jordan Carver an. Buschmann sagt nur: "Was könnte ich jetzt für Sprüche machen!" Tut er nicht. Stattdessen sagt er Dinge wie "Heide Röslein!" Schlimmer hätten die Sprüche auch nicht sein können. Derweil prügeln die Damen aufeinander ein, als ginge es um das letzte Silikonkissen. Sie klammern, prügeln, schimpfen. Das ist zwar auch kein Boxen, aber wenigstens unterhaltsam. Am Ende triumphiert Melanie Müller in wie-immer-diese-Klammersportart-auch-heisst.

Nach drei Stunden ist es fast geschafft. Lukas Cordalis, Sohn von Costa "Anita" Cordalis, tritt zum letzten Kampf an. Er kündigt sich vollmundig als mehr oder weniger direkten Nachfahren der Spartaner an: "Den Film '300' gesehen?", fragt er. Doch offenbar hat er aus dem Schlachtenepos vor allem das Einölen und Aufmalen seines Six-Packs übernommen. Der 46-jährige Marcus Schenkenberg, ehemals bekanntestes Männermodel der Welt, schafft es, ihn vier Runden lang durch den Ring zu treiben und dabei sein laut Klatschpresse gerade frisch operiertes Gesicht ausser Reichweite zu halten. Dann renkt er sich die Schulter aus und Cordalis gewinnt. Ohne einen Schlag gelandet zu haben. So ungerecht kann Sport sein. Wenn das hier welcher wäre.