Vorbei die Zeiten, in denen Vielfalt bei "Germany’s Next Topmodel" nur diesseits der Fernsehbildschirme zu finden war. Das Motto der neuen Staffel lautet "Diversity" - und das könnte zur Herausforderung werden.

Anja Delastik
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Auf manche Dinge schimpfen Menschen eigentlich immer: die Spritpreise, Mark Zuckerberg, die "Bild"-Zeitung, "Germany’s Next Topmodel". Und das meistens auch zu Recht.

Ob Sexismus, Schlankheitswahn oder das voyeuristische Blossstellen von Körperteilen und Gefühlen: Kaum eine andere deutsche Fernsehshow bietet so viel Angriffsfläche und Diskussionsstoff - und das seit nunmehr 16 Jahren. Die Tatsache, dass es GNTM noch immer gibt, bedeutet aber auch: Die Menschen schalten ein, wann immer Heidi Klum ihre "Meeedchen" um sich schart.

GNTM 2022: Quoten sichern, relevant bleiben

Donnerstags auf "f***ing ProSieben zur Primetime und nicht irgendwie ARD oder sowas", wie eine der Kandidatinnen der neuen Staffel es formulierte, stellen sich auch dieses Jahr wieder Topmodel-Anwärterinnen diversen Challenges, müssen das berühmt-berüchtigte Umstyling hinter sich bringen, etliche Shootings und Runway-Walks absolvieren, Aufträge an Land ziehen. Manche Dinge ändern sich nie. Andere glücklicherweise schon.

Seit Lena Gercke 2006 die erste Staffel gewann, hat sich der Zeitgeist deutlich gewandelt, Rollenbilder haben sich verändert, der Umgang mit Schönheitsidealen ist sensibler geworden. Mittlerweile auch bei GNTM - um Quoten zu sichern und relevant zu bleiben. Was sich in den letzten Staffeln bereits andeutete, wird nun konsequent zum Leitgedanken erhoben: "Diversity" lautet das diesjährige Motto der Show.

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Fischen im Trüben

Schönheit viele Gesichter - endlich! Mussten Models früher weitestgehend jung, gross und dünn sein, ist mittlerweile alles erlaubt, nein, erwünscht. Nur eines bleibt schwammig: nach welchen Kriterien die diesjährigen Kandidatinnen ausgewählt wurden.

Was macht ein gutes Model heutzutage aus? Gut möglich, dass selbst Heidi Klum die Antwort nicht kennt. Vielleicht wirkt die Diversity-Ausgabe von GNTM deshalb ein bisschen wie "Fischen im Trüben". Andererseits ist zwar nicht alles, aber vieles dabei: verschiedene Körpermasse, Altersgruppen (zwei Kandidatinnen gehen stramm auf die 70 zu), Hautfarben, Typen.

Vor allem Viola sticht besonders hervor: Mit ihrer eigenwilligen Kleidung, der Hornbrille und einem pinkfarbenen Vokuhila entspricht die gebürtige Bremerin so gar nicht dem Bild eines Models, das man aus vergangenen Staffeln kennt.

Im Internet wird deshalb spekuliert, ob etwa Jan Böhmermann seine Finger im Spiel hat, Viola womöglich von ihm eingeschleust wurde. Dabei steht die 21-Jährige für einen neuen, speziellen Typ Model, der bei Designer-Labels wie Balenciaga momentan hoch im Kurs steht.

Alles kann, nichts muss

Alles kann, nichts muss, auch beim Modeln. Während manche Firmen nach wie vor auf "traditionelle" Features setzen, sind andere längst zwei Schritte weiter - und engagieren überhaupt keine Models mehr, sondern nur noch Laien, "normale" Menschen wie du und ich.

Mit der "Diversity"-Offensive liegt GNTM voll im Trend, und das bringt auch Herausforderungen mit sich: Denn Diversität bedeutet, Menschen unabhängig von bestimmten Merkmalen und Fähigkeiten anzuerkennen und wertzuschätzen. Und nicht etwa, sie nach bestimmten Merkmalen und Fähigkeiten zu beurteilen.

Doch nur eine kann "Germany's Next Topmodel" werden. Es bleibt also spannend und zu hoffen, dass GNTM sich mit dem neuen Konzept nicht selbst ad absurdum führt. Das wäre Ironie des Schicksals, ausgerechnet jetzt, da das Zuschauen endlich wieder Spass macht.

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