Es gibt nicht viele Themen, bei denen jeder eine klare Meinung zu haben scheint. Eines dieser polarisierenden Themen ist die Jagd. Das erkennt auch Jan Böhmermann und nimmt sich am Freitagabend des tödlichen Treibens einmal an. Besonders im Visier: das grauenvolle Wüten auf adeligen Hofjagden.

Eine Kritik
Diese Kritik stellt die Sicht von Christian Vock dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Es mag auf den ersten Blick eine merkwürdige Diskussion sein, die da rund ums Jagen geführt wird. Auf der einen Seite wird Massentierhaltung immer noch von der grossen Mehrheit der Menschen nicht nur geduldet, sondern auch indirekt gewünscht. Schliesslich gehen jeden Tag tonnenweise Fleisch und Wurst über den Ladentisch.

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Bei der Jagd hingegen geraten selbst Fleischliebhaber bisweilen ins Grübeln und das, obwohl das Endergebnis dasselbe ist – zumindest für das Tier. Vielleicht ist es das archaisch wirkende Töten im Vergleich zum industriellen Töten, von dem man hinter den Schlachthof-Türen wenig mitbekommt. Vielleicht ist es auch das Drumherum der Jagd mit ihren Lodenklamotten und Ritualen, das aus der Zeit gefallen scheint.

Diese Skepsis der Jagd gegenüber erscheint aber noch verblüffender, sieht man sich die jeweiligen Folgen an. Massentierhaltung hat nur einen einzigen Zweck, nämlich ein Tier am Ende zu töten und zu essen. Folgt man hingegen der gängigen Argumentation von Jägern, hat die Jagd neben der Fleischgewinnung noch viele positive Effekte auf die Tier- und Pflanzenwelt – und damit wären wir bei der aktuellen Folge des "ZDF Magazin Royale" angekommen.

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Jan Böhmermann geht auf die Jagd

"Wir gehen heute auf die Jagd im 'ZDF Magazin Royale'", verkündet Moderator Jan Böhmermann nämlich am Freitagabend und widmet sich dann genau diesen positiven Effekten. Jagen, so heisst es, sei Naturschutz zum Beispiel durch die Reduzierung des Wildes und dessen Verbissschäden. Jagen, sorge zudem für Fleisch ohne Massentierhaltung und Jagen diene ebenfalls dem Schutz der heimischen Tierwelt vor invasiven Arten wie zum Beispiel Nutrias.

Klingt doch alles super, oder? Ob dem wirklich so ist, dieser Frage geht Böhmermann in seiner Jagd-Ausgabe gar nicht so richtig nach, es bleibt bei einem ironischen Unterton, den man wahrnehmen kann oder auch nicht. Aber Böhmermann nimmt sich natürlich keines Themas an, fände er dort keine Kritikpunkte und auch bei der Jagd wird er fündig.

"In Deutschland haben immer mehr Menschen einen Jagdschein – aktuell sind es mit fast 436.000 Menschen so viele wie noch nie", zitiert Böhmermann einen Bericht der "Tagesschau". Allerdings seien davon nur 1.000 Menschen Berufsjäger. Der Rest, also 435.000 Menschen, seien lediglich Hobbyjäger und noch dazu nicht immer gut in der Jagd ausgebildet, habe lediglich einen Crash-Kurs absolviert.

Böhmermann: "So was muss eigentlich angezeigt werden"

Nächstes Problem: "Um eine Waffenerlaubnis zu erhalten, bemühen sich Rechtsextreme auch, Sportschütze oder Jäger zu werden", zitiert Böhmermann die "taz". Ausserdem: "Dem Adel gehört ein grosser Teil des deutschen Waldes und damit auch eine Menge Jagdreviere", klärt Böhmermann auf und urteilt dann über adelige Jagd-Veranstaltungen: "Mit der Wumme in den Wald gehen und zusammen ein paar Leben auslöschen. Das ist genau die richtige Freizeitbeschäftigung für absolut leistungslos zu Wohlstand gekommene Sozialschmarotzer."

Aufgrund von Berichten über eine angeblich zu einem "wilden Schlachten" ausgeuferte Hofjagd des Freiherrn von Rotenhan, habe sich die "ZDF Magazin Royale"-Redaktion gefragt "Was geht wirklich ab, wenn Deutschlands Erbgut-Elite auf die Jagd geht?"- und genau das in den vergangenen Monaten überprüft.

Die Berichte von Menschen, die bei solchen Jagden dabei waren, zeugen von schlechten und damit unnötig qualvollen Schüssen oder von Tötungen von Muttertieren, "ohne dass das Kalb mitgeschossen wurde". Dieses irre dann alleine durch den Wald, werde von den anderen Tieren angegangen.

"So was muss eigentlich angezeigt werden", erklärt Böhmermann über die stümperhaften Hobbyjagden, in der Jagdszene schweige man aber über Derartiges. Nicht geschwiegen, sondern stolz gezeigt, würden hingegen Bilder, auf denen adelige Jäger mit den geschossenen Tieren posieren, zum Beispiel auch bei Jagden in Afrika und das ganz ohne Jagdschein. Die Trophäen der toten, zum Teil geschützten Tiere hingen dann an deutschen Wänden.

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Welche Diskussion Jan Böhmermann nicht führen will

Ja, Jagd ist immer noch ein umstrittenes Thema, aber Jan Böhmermann geht es gar nicht so sehr um eine generelle Auseinandersetzung mit der Jagd, sondern um eine ganz spezielle Jagd. Denn für eine Grundsatzdiskussion hätte sich Böhmermann mit den eingangs erwähnten Argumenten von Naturschutz und Co. auseinandersetzen müssen. Das ist aber gar nicht die Diskussion, die der Satiriker führen will.

Ihm geht es nicht um die Sinnhaftigkeit der Jagd, wie Berufsjäger sie betreiben, sondern um die Ballerei von Hobbyjägern. Um das Töten von Tieren durch Geld- und Erbadel. Das ist in technischer Hinsicht clever, denn eine Auseinandersetzung mit den Pros und Kontras beruflich ausgeübter Jagd ist natürlich schwieriger, weil intensiver zu führen.

Wenn sich jedoch die Reichen und Reichen dieser Welt via Privatjets auf ihren Ländereien treffen und "mit der Wumme in den Wald gehen und zusammen ein paar Leben auslöschen", dann muss man gar nicht erst über eine mögliche Sinnhaftigkeit dieses Treibens sprechen, sondern nur über das Treiben an sich. Aber das hat Böhmermann ja nun gemacht.

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