Zu teuer, zu eklig, zu lieblos – deutsche Autobahnraststätten haben einen Ruf wie … eigentlich nur wie deutsche Autobahnraststätten. In der ersten Folge seines "ZDF Magazin Royale" nach der Weihnachtspause, die zugleich auch die einhundertste ist, sieht Jan Böhmermann einmal nach, woran das liegt. Fündig wird er bei einem Monopolisten und ein bisschen auch bei der FDP.

Eine Kritik
Diese Kritik stellt die Sicht von Christian Vock dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Nach seinem Animationsfilm "Das Grundgesetz der Tiere" am vergangenen Freitag meldet sich Jan Böhmermann nun mit einer regulären Ausgabe des "ZDF Magazin Royale" aus der Weihnachtspause zurück. Die Ansage, mit der er das macht, könnte kaum unbescheidener sein: "Auf diese Sendung, das verspreche ich Ihnen, hat Deutschland sechs Wochen gewartet. Denn heute zerstören wir im "ZDF Magazin Royale", jetzt, heute, in dieser Sendung endlich einen der widerwärtigsten Orte unserer linksradikalen Republik."

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Nun ist das weniger unbescheiden, als man denken mag, denn diese satirisch-ironische Überspitzung gehört nun mal zum Geschäft und genau darum geht es Böhmermann auch an diesem Freitagabend: ums Geschäft. Beziehungsweise: ums Geschäft mit dem Geschäft. Denn der "widerwärtigste Ort" der Republik sei jedem bekannt und der Hashtag der Woche liefert schon einen kleinen Hinweis: #KackenEinEuro.

Vielfalt beim Rasten? "Das ist alles ein Unternehmen"

"Deutsche Autobahnraststätten – die Antwort auf die Frage: Kann man irgendwo noch unwürdiger aufs Klo gehen, als in einem fahrenden Flixbus? Ja, deutsche Autobahnrastätten", wird Böhmermann nun konkreter. Es geht also diesmal um "deutsche Autobahnraststätten und das Unternehmen dahinter: Tank & Rast", erklärt Böhmermann und um die Dimension des Problems zu schildern, liefert der Satiriker Zahlen aus einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Demnach würden von den 440 Autobahnraststätten in Deutschland 412 von Tank & Rast betrieben.

Eine ziemliche Alleinstellung in einem von Haus aus limitierten Markt und hier setzt auch Böhmermann mit seiner Kritik an: "Wer ein Monopol hat, wie Tank & Rast bei Autobahnraststätten, der sollte nach aussen besser so tun, als hätte er keins." Und so zeigt Böhmermann die vielen Markennamen, die eine Vielfalt suggerieren, hinter denen aber Tank & Rast steckt: Sanifair, Serways, Gusticus, Brotzeit, Essbar oder Tabilo. "Das ist alles ein Unternehmen", erklärt Böhmermann.

Nun mag man denken: "Na und? So lange alles läuft." Aber Monopolstellungen verleiten nun mal zum Ausnutzen dieser Monopolstellungen, weshalb Böhmermann genau dieses Ausnutzen dokumentiert hat. Etwa die derzeitigen Preisaufschläge für Super-E5- und für Diesel-Kraftstoffe oder das Essen: "Raststätten-Essen ist noch immer bis heute so unglaublich schlecht. Ein derart museumsreifes Speisenangebot – man freut sich über jede Nordsee-Filiale, die sich an die Autobahn verirrt hat", kritisiert Böhmermann.

Folgen der Privatisierung: Wer rastet, den kostet’s

Doch woher rührt diese unheilvolle Monopolstellung? Eine bedeutungs-, weil aussagekraftlose Satire-Reportage von einer Autobahnraststätte später zitiert Böhermann dazu aus dem "Stern": "Eine verkorkste Privatisierung, die ein System der Gier erlaubt. Das trifft Tausende Arbeitnehmer, Millionen Verbraucher […]" Bis 1998 gehörten die Raststätten dem Bund, dann erfolgte die Privatisierung, über die ein Bericht in der "Welt" schreibt: "In seiner heutigen Form ist Tank & Rast das Ergebnis der vom damaligen Verkehrsminister Matthias Wissman (CDU) forcierten Privatisierung der staatlichen Autobahn-Nebenbetriebe. 1998 verkaufte sie der Bund für 1,2 Milliarden D-Mark […] an Investoren."

An deren Geschäftsmodell stört sich Böhmermann wegen des fehlenden Marktes. Denn die Raststätten würden an selbständige Unternehmer verpachtet, die das Geld dafür von den Kunden wieder reinholen müssten und zwar "mit billigsten Produkten zu teuersten Preisen." "Keine Konkurrenz, lange Vertragslaufzeit, ein bequem planbarer Cashflow – alles komplett ohne Leistungs- und Qualitätsdruck", so Böhmermann.

Zustände, die gerade einen liberalen FDP-Verkehrsminister wie Volker Wissing auf den Plan rufen sollten, meint Böhmermann. Aber weil genau das nicht passiert, fragt der Satiriker: "Könnte es vielleicht noch andere Gründe geben, warum das Bundesverkehrsministerium seit fucking 25 Jahren auf den Beifahrersitz neben Tank & Rast mitfährt und nichts macht gegen das Monopol?" Seine Antwort: Peter Markus Löw. Der war laut Böhmermann Kommunikationsleiter im Bundesverkehrsministerium und ist heute Vorsitzender der Geschäftsführung der Autobahn Tank & Rast Gruppe.

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"Deswegen sind die so scheisse und müssen nicht besser werden"

"Man kennt sich, man mag sich, man will keinen Stress miteinander", so Böhmermanns Fazit, das er mit Zahlen und Zahlungen untermauert: "Über 300.000 Euro gab Tank & Rast alleine 2022 aus für Lobbyarbeit – dabei hat Tank & Rast doch schon ein Monopol, was wollen die denn noch? Ich verrate es Ihnen: Weiterhin beste Bedingungen und weiterhin freie Fahrt." So stehe etwa im Privatisierungsvertrag, dass die Toilettennutzung gratis bleiben solle, Tank & Rast werde sich darum "bemühen". Das Ergebnis dieser Bemühungen ist bekannt: Pinkeln gegen Gutschein der Tank-&-Rast-Tochter Sanifair – aber nur ein Gutschein pro Produkt.

Und die Augen des Monopolisten dürften noch mehr glänzen, wenn man bei Tank & Rast an die Zukunft und die vielen E-Autos denkt: "Das Bundesverkehrsministerium hat Tank & Rast beauftragt mit dem Betrieb von Ladesäulen und zwar komplett ohne öffentliche Ausschreibung", empört sich Böhmermann. Sein Fazit: "Tank & Rast hat ein Monopol bei Autobahnraststätten. Deswegen sind die so scheisse und müssen nicht besser werden."

Nun mögen eklige Autobahntoiletten und teure Rastplatzbockwürste nicht gerade das glamouröseste Thema für eine Jubiläumssendung sein, aber für ein Land, das sich seiner Autobahnen und Autobauer rühmt, doch ein notwendiges. Das bearbeitet Böhmermann in gewohnter Manier, zitiert viel, streckt alles ein bisschen mit themenfremder Satire und hat sogar Lösungsmöglichkeiten im Gepäck – wenn auch nur indirekt und unkonkret. Aber für konkrete und direkte Lösungen ist Böhmermann auch gar nicht zuständig, sondern das Bundesverkehrsministerium. Vielleicht findet Volker Wissing ja dafür Zeit, wenn er die Probleme mit der Bahn geregelt hat. Übrigens noch so ein Monopolist.

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