Raketeneinschlag in Polen, Befreiung Chersons, Klimagipfel in Ägypten und eine Diskussion darüber, welcher Protest für den Kampf gegen die Klimakrise angemessen ist. Es gibt am Mittwochabend viel zu diskutieren für Sandra Maischberger und ihre Gäste und tatsächlich kommen all diese Themen auch unter. Doch vor allem bei letztgenanntem zeigte Maischberger ein sehr gutes Gespür – menschlich wie inhaltlich.

Christian Vock.
Eine Kritik
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Natürlich wäre es verständlich gewesen, wenn Sandra Maischberger den Raketeneinschlag in Polen zu dem Thema ihrer Sendung gemacht hätte. Dass es aber nur ein Thema von vielen anderen war, zeigt zum einen, dass so eine Monothematik nicht mehr zum Konzept ihrer Sendung gehört. Zum anderen aber auch, dass Maischberger und ihr Team ein gutes Gespür dafür haben, welche anderen Themen die Menschen auch noch bewegen – oder bewegen sollten.

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Mit diesen Gästen diskutierte Sandra Maischberger:

  • Hannes Jaenicke, Schauspieler.
  • Alev Doğan, Chefreporterin von "The Pioneer".
  • Wolfram Weimer, Publizist.
  • Anja Umann. Ihre Schwester starb vor zwei Wochen bei einem Fahrradunfall. Ein Feuerwehrwagen steckte auf dem Weg zu dem Unfall in einem Stau, der von Aktivisten der "Letzten Generation" verursacht wurde.
  • Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), Vorsitzende des Verteidigungsausschusses.
  • Ralf Stegner (SPD), ehemaliger stellvertretende Parteivorsitzender.

Die Themen des Abends:

Donald Trump will wieder seinen Hut in den Präsidentschaftsring werfen, die Runde sieht ihn aber längst noch nicht im Weissen Haus. "Ich glaube, dass er gegen DeSantis keine Chance hat. Ich glaube, das ist der weitaus gefährlichere Mann für ihn und ehrlich gesagt auch für Amerika", meint Hannes Jaenicke. Alev Doğan glaubt zudem, dass sich die Bürgerlichen mit DeSantis eher identifizieren könnten, denn er sei "weniger peinlich" als Trump. Die Trumpismus-Bewegung sei durch die Midterms gebrochen, glaubt Wolfram Weimer. Bei den Republikanern könnte nun ein Ruck hin zur Mitte passieren. "Trumps Chancen sind deutlich gesunken, zurückzukommen", so Weimer.

Beim Thema Trump herrscht also noch weitgehende Einigkeit. Die ist beim zweiten grossen Thema des Abends aber schnell dahin: die Klimakrise. Ob UN-Generalsekretär António Guterres die Klimakonferenz in Ägypten mit solch apokalyptischen Worten hätte eröffnen sollen, wie er es getan hat, will Maischberger wissen und Weimer ist da skeptisch: "Mich stört dieser Alarmismus der Worte, weil der zu nichts führt. Er hat eine Klimakonferenz einberufen und eröffnet und hat den Indern und Chinesen durchgehen lassen, dass die das Gegenteil dessen tun, was er dort proklamiert", erklärt Weimer und verweist darauf, dass in China jede Woche ein neues Kohlekraftwerk gebaut werde und beide Länder "den ganz falschen Weg gehen" würden. Das hätte Guterres bei seiner Eröffnungsrede ansprechen sollen.

Hannes Jaenicke hält die drastische Wortwahl Guterres’ hingegen für angemessen, denn "die Leute kapieren’s immer noch nicht. Wir haben in Deutschland immer noch kein Tempolimit, wir subventionieren die Massentierhaltung im ganz grossen Stil, wir haben eine völlig schwachsinnige Agrarsubvention, die auch wiederum Hungerkrisen fördert in Afrika, der weltweite CO2-Ausstoss steigt in diesem Jahr auf Rekordhöhe, auch der deutsche CO2-Ausstoss steigt weiter und es passiert ja nichts". Jaenicke verweist auf eine gewonnene Klage und sagt: "Selbst nachdem die Regierung verknackt wurde, mehr zu tun, ist immer noch nichts passiert. Wir haben einen Klimakanzler Olaf Scholz, wir hatten eine Klimakanzlerin Angela Merkel – es ist nichts passiert."

Alev Doğan hingegen sieht die Wortwahl ebenfalls kritisch, auch wenn sie der Lage angemessen sei. Man habe ein Problem, für dessen Lösung man die Menschen gewinnen müsse. "Das kann ich aber nicht mit solchen Aussagen", so Doğan. Abgesehen davon seien diese Gipfel nicht zielführend, weil sie auf Einstimmigkeit aufgebaut sind. Das sieht auch Jaenicke so: "Die Gipfel sind völlige Zeitverschwendung. Der Hauptsponsor dieses Gipfels heisst Coca Cola, das ist der grösste Plastikvermüller der Welt. Die grösste Teilnehmergruppe auf diesem Gipfel sind Öllobbyisten, das sind über 650 Lobbyisten der Öl- und Gasindustrie und alle russischen Energieoligarchen."

Das Gespräch des Abends:

Es war mit Sicherheit der heikelste Moment des Abends, emotional wie inhaltlich. Mit der Frage, ob ihr die Diskussionen über und die Anteilnahme am Tod ihrer Schwester bei der Verarbeitung geholfen hätten, steigt Maischberger in das Gespräch mit Anja Umann ein. "Nein, meine Schwester kann mir niemand zurückbringen", antwortet Umann. Die Umstände des Unfalls seien "so komplex und so brutal, dass das Leid im Moment unerträglich ist", so Umann.

Maischberger tastet sich behutsam vor, fragt, was für ein Mensch Umanns Schwester gewesen sei, wie der Tag des Unfalls abgelaufen sei, ob sie sich von ihrer Schwester verabschieden konnte, was bei der Stadtplanung in Berlin für Radfahrer falsch läuft und welche Rolle der Unfallort gespielt hat. Umann sagt hierzu unter anderem: "Radfahren in Berlin ist meines Erachtens nach lebensgefährlich."

Über die Tatsache, dass sich Umann und ihre Schwester mit ihrem veganen Modelabel selbst für eine nachhaltigere Welt engagieren, kommt Maischberger irgendwann zu dem Punkt, der vor allem in der medialen Diskussion eine grosse Rolle gespielt hat: Die Protestaktion der "Letzten Generation" am Tag des Unfalls. Hierzu sagt Umann: "Die Ziele der 'Letzten Generation' sind welche, mit denen wir uns immer identifizieren konnten, nur haben wir einen anderen Weg gewählt." Ihr Weg sei nicht der des zivilen Ungehorsams oder des Protests, sondern der des "aktiven Veränderns".

Ob die Protestaktion und die Verspätung des Feuerwehrfahrzeugs beim Tod ihrer Schwester eine Rolle gespielt haben, darauf würden laut Umann viele Indizien hinweisen, auch wenn das noch nicht vollständig von der Staatsanwaltschaft aufgeklärt sei. Darum gehe es ihr aber auch nicht, "sondern alleine um die Tatsache, dass Helfer behindert wurden, ihren Anteil zu leisten". Der Fall ihrer Schwester sei nicht der einzige. Erhebungen würden zeigen, dass von 18 Aktionen der Aktivisten dreizehnmal Rettungskräfte verspätet eingetroffen seien. Das sei nicht mehr vertretbar.

Nach einer möglichen Botschaft an die Aktivisten gefragt, antwortet Umann: "Wenn ich eine Botschaft habe, dann wäre es wohl die, tatsächlich zu überlegen, ob Hass, Wut und Zerstörung der richtige Weg sind zur Veränderung. Oder ob man nicht in der Tat in einem konstruktiven Miteinander mehr erreichen kann, um Probleme zu lösen." Auf die Anmerkung, dass die Aktivisten ihren Weg nicht aus Wut, sondern aus Verzweiflung gehen, sagt Umann, man solle mit Lösungsansätzen arbeiten, statt mit "blindem Protest". Die Menschen sollten verstehen, "dass Aggressivität und Radikalität uns alle nicht weiterbringen in dieser Diskussion und diesen Problemen, die wir zu bewältigen haben".

Der erwartete Schlagabtausch des Abends:

Eigentlich hätte man erwarten können, dass die Diskussion zwischen Marie-Agnes Strack-Zimmermann und Ralf Stegner zum grossen Schlagabtausch des Abends wird, schliesslich sind beide Politiker nicht gerade auf den Mund gefallen. Dementsprechend ist es auch eine einigermassen engagierte Diskussion, aber für einen echten Schlagabtausch reicht es bei weitem nicht. Denn das, was die beiden in der Debatte in die Waagschale werfen, ist schlicht zu alt und zu bekannt, als dass hier die Funken hätten sprühen können.

Strack-Zimmermann verweist erneut und immer wieder darauf, dass Putin nur die Sprache der Stärke verstehe – ohne zu erklären, was das für die Praxis bedeutet. Stegner wiederum wird nicht müde zu betonen, wie wichtig Verhandlungen seien – ebenfalls ohne zu erklären, was das für die Praxis bedeutet.

Der tatsächliche Schlagabtausch des Abends:

Was ist die Alternative zu Klimagipfeln, will Maischberger wissen. Für Jaenicke besteht die zum einen aus einer intelligenten und weltweiten CO2-Bepreisung: "Es muss zu teuer werden, fossile Energien zu verbrennen", so Jaenicke. Ausserdem müsse man ein System finden, das CO2-Einsparungen belohne: "Wer einen SUV fahren will, eine Sauna haben will – bitte. Aber dann muss es richtig kosten. Und wenn jemand nachhaltig lebt und spart, muss der belohnt werden."

Wolfram Weimer kommt wieder auf seine Eingangskritik zu sprechen: "Der Elefant im Raum sind die Chinesen und die Inder." Man solle sich die dortigen CO2-Emmissionen ansehen, "das ist gewaltig". "Per Capita? Weit hinter uns!", wirft Jaenicke ein. "In absoluten Grössen – weit vor uns!", entgegnet Weimer. Der Publizist glaubt nicht mehr daran, dass die Politik das regeln kann: "Meine Hoffnung ist eher, dass Technologie es am Ende regelt."

Da hat Hannes Jaenicke eine "dringende Gegenfrage": "Klimakrise ist das eine, Artensterben ist das andere. Wir verlieren pro Tag 40 bis 50 Arten. Wie wollen Sie aussterbende Arten per Technologie wiederkriegen?" Da kommt Weimer ein bisschen ins Schwanken, spricht von "grünen Technologien, sauberen Quellen, sauberen Prozessen, sanften Ressourcen in unseren Produkten", mit denen man der Natur helfe und durch die die Welt CO2-ärmer werde und man dadurch das Artensterben ein Stück weit lindern werde.

Der Diskussions-Evergreen des Abends:

Die Runde diskutiert über die Klimakrise und schwups ist man wieder beim Tempolimit. Maischberger bringt ein Zitat von Christian Lindner, laut dem er bereit wäre, ein Tempolimit für die Zeit einzuführen, in der auch die Kernkraftwerke weiter laufen. Alev Doğan findet diese Deal-Mentalität "ganz, ganz schlimm". Christian Lindner könne so etwas nur vorschlagen, "wenn er die Idee grundsätzlich sinnvoll findet. Aber lieber Herr Lindner: Wenn Sie die Idee doch grundsätzlich sinnvoll finden – warum machen Sie es dann nicht einfach?"

Wolfram Weimer hingegen kommt mit dem Contra-Klassiker, dass es bereits so viele Geschwindigkeitsbeschränkungen und Staus gebe, dass ein generelles Tempolimit nichts ändern werde. "1,8 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr – keine Veränderung? 40 bis 50 Millionen tote Vögel durch Vogelschlag? Entschuldige, es gibt kein einziges Argument gegen ein Tempolimit", kontert Hannes Jaenicke.

Der Zitat des Abends:

Marie-Agnes Strack-Zimmermann bringt ein Argument, warum in der Ampel vielleicht noch nicht alles rund läuft, das man durchaus gelten lassen kann: "Machen wir uns nichts vor. Ein solcher Krieg, ein solcher Angriff auf die Ukraine, ein solcher Angriff auf die freie Welt, dass da innerhalb einer Regierung, die 80 Tage ja nicht davon geträumt hat, miteinander zu regieren, sondern sich auf den Weg gemacht hat, Verantwortung zu übernehmen, um dann mit so etwas konfrontiert zu werden, zu glauben, dass eine andere Farbkonstellation nicht diskutiert hätte, das ist naiv."

Das Fazit:

Die Brisanz des Raketeneinschlags in Polen hätte tatsächlich eine Art "maischberger"-Sondersendung gerechtfertigt. Im Nachhinein ist es gut, dass Maischberger ihrem multithematischen Konzept treu geblieben ist. Und so kommen nicht nur viele Themen, die die Welt bewegen und bewegen sollten zur Sprache, sondern auch auf verschiedene Weise. So bildet die Klimakonferenz in Sharm El Sheikh und der Tod von Anja Umanns Schwester die Verbindung zur Frage, welches der richtige Weg ist, auf politischer, gesellschaftlicher und persönlicher Ebene etwas gegen die Klimakrise zu unternehmen.

Das Verdienst von Sandra Maischberger ist aber nicht nur, die vielen Themen anzusprechen und zu verbinden, sondern die Art und Weise, wie sie das tut. Das zeigt sich vor allem beim Gespräch mit Anja Umann. Zum einen auf einer menschlichen Ebene, denn Maischberger poltert nicht einfach sensationslüstern herein, sondern nähert sich den heiklen Fragen behutsam. Zum anderen auf inhaltlicher Ebene, da sie sachlich bleibt und auch die Sicht der Aktivisten berücksichtigt.

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