Vorrundenaus in der Champions League, im Achtelfinale des DFB-Pokals als Titelverteidiger an einem Zweitligisten gescheitert – es braucht nicht viel Fantasie, um festzustellen, dass der BVB grosse Teile seiner Saisonziele bereits verfehlt hat. Nun liegt es an Marco Rose, die Spannung in seiner Mannschaft aufrechtzuerhalten.

Christopher Giogios
Eine Kolumne
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Mit Saisonzielen tun sich die Dortmunder bekanntlich schwer. Mal meidet man um jeden Preis das M-Wort, mal macht man dem FC Bayern eine Kampfansage – und wird im Falle des Scheiterns mit Häme überzogen. Als ich im vergangenen Sommer Aki Watzke fragte, ob sich die Borussen in diesem Jahr bei der Formulierung ihrer Erwartungen etwas mehr aus dem Fenster lehnen würden, gab der Vorstandsvorsitzende spitzfindig zurück: "Ich lehne mich normalerweise nur so weit aus dem Fenster, wie es eben geht – es sei denn, ich möchte um die Ecke gucken, wer da gerade kommt."

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Nichtsdestotrotz ging man in Dortmund fest davon aus, die vermeintlich leichte Gruppe um Ajax Amsterdam, Besiktas Istanbul und Sporting Lissabon überstehen zu können. Auch das Ausscheiden im DFB-Pokal beim FC St. Pauli fühlt sich nicht unbedingt besser an, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Bayern zu diesem Zeitpunkt bereits ausgeschieden waren. Der Weg zum Titel wäre damit deutlich einfacher gewesen.

Der BVB ist nun in einer denkbar schlechten Situation: Die Stimmung im Verein hängt davon ab, den Bayern in der Bundesliga zumindest ansatzweise Paroli zu bieten. Die verbleibenden Saisonerwartungen erstrecken sich also ausgerechnet auf den Wettbewerb, der zumindest an der Spitze eigentlich keiner ist.

Die Europa League hingegen ist schwer zu prognostizieren. Sicher: In einer Serie aus Hin- und Rückspiel kann Borussia Dortmund jeder Mannschaft das Leben schwer machen. Mit dem amtierenden schottischen Meister, den Glasgow Rangers, spielen die Borussen jedoch gegen einen unbequemen Gegner. Im Erfolgsfall könnte man es mit Krachern wie dem FC Barcelona, SSC Neapel, FC Sevilla oder Lazio Rom zu tun bekommen.

Dem BVB droht damit die Gefahr grosser Belanglosigkeit. Wenn in der Liga nach vorne und nach hinten nichts mehr geht und man in der Europa League ausscheidet, würde den Dortmundern das letzte bisschen Spannung abhandenkommen. Gift für einen Verein, der sich nicht ausschliesslich über Titel definiert, sondern über grosse Spiele und emotionsgeladenen Fussball.

Marco Roses Aufgabe: die Spannung aufrechterhalten

Die kommenden Wochen werden darüber entscheiden, ob die BVB-Saison zum grossen Auslaufen verkommt. Allein im Februar spielt man innerhalb von drei Wochen gegen zwei Verfolger in der Bundesliga (Union Berlin und Bayer Leverkusen) und bestreitet Hin- und Rückspiel gegen die Rangers. Auch Marco Rose wird sich daran messen lassen müssen, ob seine Mannschaft in diesen Schicksalswochen endlich die nötige Konstanz auf den Platz bringen kann.

Bei der Bewertung des BVB-Trainers darf nicht ausser Acht gelassen werden, dass ein wirklicher Trainingsbetrieb aufgrund der Europameisterschaft und unzähligen Verletzungen fast nie gegeben war. Zuletzt erwischte es beim 3:2-Sieg in Hoffenheim mit Erling Haaland und Manuel Akanji ausgerechnet zwei der wichtigsten Borussen. Dennoch ist Rose dafür verantwortlich, dass die Mannschaft auf dem Rasen wenigstens die selbst formulierten Grundtugenden verkörpert. In der Hinrunde hatte man nach dem bitteren 2:3 gegen den FC Bayern bis zur Winterpause nicht unbedingt den Eindruck, dass dies immer gegeben war.

Auch in der aktuellen Rückrunde bleiben neben einer ausnahmslos überzeugenden Vorstellung gegen den SC Freiburg (5:1) eher schmeichelhafte Siege in Frankfurt und Hoffenheim. Es ist natürlich ein Zeichen herausragender Qualität, auch solche Spiele für sich zu entscheiden. Den eigenen Ansprüchen genügen vor allem die mangelhaften Defensivleistungen (nahezu zwei Gegentore pro Spiel in der Rückrunde) jedoch nicht.

BVB-Trainer sitzt fest im Sattal

Marco Rose selbst sitzt nach wie vor fest im Sattel. Trotz aller Widrigkeiten ist an guten Tagen auf dem Platz seine Handschrift klar zu erkennen. Man kann erahnen, was Rose mit einem Kader erreichen könnte, der gesund ist und in der Sommerpause stärker an sein System angepasst wird. Die wiederkehrenden Berichte um einen angeblich in der zweiten Reihe lauernden Edin Terzic sind hingegen eher im Boulevard zu verorten.

Dennoch: Rose könnte im schlechtesten Fall Gefahr laufen, dass es im März für den BVB praktisch um nichts mehr geht. Natürlich liegen dann die Vergleiche zur Vorsaison auf der Hand, als unter Terzic mit einer bis zum Schluss furiosen Aufholjagd die Champions League-Qualifikation erreicht und der DFB-Pokal gewonnen wurde. Es stehen also entscheidende Wochen bevor – für den BVB und für Marco Rose.

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