Der kommende Wechsel von Leon Goretzka nach München sorgt für viele Diskussionen. Auch im Bayern-Kader wird sich dadurch etwas verändern. Ein Mittelfeld-Star wird im Sommer wohl gehen müssen.

Steffen Meyer
Eine Kolumne
von Steffen Meyer, Freier Autor

Es ist ein Transfer mit beinahe vier Jahren Anlauf. Denn schon im Frühjahr 2014 schwärmte Bayerns Co-Trainer Hermann Gerland in höchsten Tönen über den damals 19-jährigen Leon Goretzka: "Goretzka hat das Niveau, bei Bayern München zu spielen. Wenn man so gut ist wie er, muss man während seiner Karriere auch mal bei den Bayern gespielt haben.“ Im Sommer wird dieser Wechsel nun Realität. Gerland, der mit Goretzkas Vater Konrad befreundet ist, hat dessen Werdegang in Bochum und später auf Schalke genau beobachtet.

Goretzka hat im vergangenen Jahr einen kräftigen Sprung gemacht. Mit einem starken Confed Cup im Sommer und einem über weite Strecken überragenden Jahr 2017 hat er den FC Bayern beinahe zum Handeln gezwungen. Denn die Interessenten für den 1,89-Meter-Mann stehen Schlange. Goretzka wird neben Kimmich, Süle und Gnabry der vierte deutsche Nationalspieler des Jahrgangs 1995 sein, der die Zukunft der Münchner prägen soll.

Goretzkas Ankunft im Sommer - so viel ist schon jetzt klar - wird etwas im Münchner Gefüge verändern. Schon jetzt herrscht ein Überangebot an zentralen Mittelfeldspielern. "Ich habe sechs Spieler für drei Positionen", sagte Bayern-Coach Jupp Heynckes jüngst. Und dabei fehlt Thiago aktuell noch verletzt. Goretzka ist ein box-to-box-Spieler, interpretiert diese Rolle auf Schalke aber deutlich höher als es zum Beispiel Bastian Schweinsteiger in München tat. Er fühlt sich im 8er und 10er Raum sehr wohl und zieht immer wieder gern bis an den Strafraumrand oder sogar in den Strafraum vor, um dort seine Torgefahr auszuspielen.

Wie will der neue Trainer spielen?

Natürlich wird auch einiges von einem möglichen neuen Trainer abhängen. Denn mit einer 3-5-2-Formation, die sowohl Tuchel als auch Hasenhüttl und Kovac im Repertoire haben, könnten sich neue Möglichkeiten ergeben. Dennoch zeichnet sich ab, dass es für mindestens einen zentralen Mittelfeldspieler eng werden könnte.

Goretzka ist im Prinzip mit allen Mittelfeldspielern der Münchner kombinierbar. Während Müller, James (die beide auch auf dem Flügel agieren können) und Martínez einen Kaderplatz sicher haben, stehen hinter den Namen Vidal, Thiago, Tolisso und Rudy durchaus ein paar Fragezeichen.

Rudy ist im Prinzip ein optimaler Rotationsspieler, der kaum Ansprüche stellt, aber einer Mannschaft in vielen Situationen und Szenarien helfen kann. Tolisso wird intern für seinen Arbeitsethos sehr geschätzt und soll als junger Spieler sicherlich noch Entwicklungsmöglichkeiten bekommen. Hier käme höchstens eine Leihe in Frage.

Für Thiago oder Vidal könnte es eng werden

Etwas anders sieht es bei Thiago und Vidal aus. Beide sind von ihrem Anspruch her Topstars mit entsprechendem Salär. Schon jetzt gibt es um beide immer wieder Diskussionen. Bei Thiago vor allem wegen seiner Verletzungen. Bei Vidal wegen fehlender Fitness und Konzentrationsschwächen im Spiel.

Vidal hat noch bis 2019 Vertrag. Thiago sogar bis 2021. Das grosse Plus von Vidal ist seine Torgefahr, die er aus der Tiefe versprüht. Sein Defensivspiel ist inzwischen ein wenig überschätzt. Martínez, Tolisso und selbst Rudy sind hier besser oder auf Augenhöhe mit dem nicht mehr ganz so explosiven Chilenen.

Thiago hat dagegen die beste Ballbehandlung aller zentralen Mittelfeldspieler und ist in jeder Situation nur schwer vom Ball zu trennen. Hinzu kommt seine stark unterschätzte Qualität im Gegenpressing. Das grosse Minus ist seine Verletzungsanfälligkeit. Beide werden sich mit einer überwiegenden Bankrolle nicht zufrieden geben.

Die Münchner Bosse werden sich die Situation im Verlauf der Rückrunde genau anschauen. Wer kann punkten? Wer nicht? Interessenten gibt es für alle Münchner Mittelfeldspieler genug. Sieben Zentrale für höchstens drei Positionen wären wohl einer zu viel. Meine Prognose: Vidal wird im Sommer für Goretzka weichen müssen.