Christian Streich ist einer der besten Trainer in Deutschland und damit automatisch ein Kandidat für den besten Klub in Deutschland. Aber der Trainerjob beim FC Bayern ist mit dem in anderen Klubs kaum vergleichbar.

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Spötter würden sagen: Christian Streich und der FC Bayern? Unmöglich. Die Bayern suchen schliesslich einen Trainer, der deutsch spricht.

Der Witz ist längst etwas abgehangen, Streichs schweizer-badisches Idiom bürgt aber fast schon traditionell für etwas Heiterkeit, selbst bei ernsthaften Fragen.

Ob jene Frage nach einer Beschäftigung der Freiburger Ikone beim deutschen Rekordmeister überhaupt eine Daseinsberechtigung hat, darüber lässt sich trefflich debattieren.

Vergangene Woche vermeldete die "Bild", die Bayern hätten sich bei Streich gemeldet, es gäbe losen Kontakt, um zu erörtern, ob sich der Fussballlehrer einen Wechsel nach München vorstellen könnte.

Das klingt natürlich auf mehreren Ebenen abwegig. Aber am Sonntag spielten dann zufällig Freiburg und der FC Bayern gegeneinander ein Bundesligaspiel und natürlich kamen die entsprechenden Fragen automatisch auf.

"Jede Woche ist ein anderer Kandidat dran. Ich wäre fast beleidigt gewesen, wenn ich nicht auch aufgetaucht wäre. Es entbehrt jeglicher Realität. Es gab keine Anrufe, keinen Kontakt. Es gab gar nichts", entgegnete Streich am Mikrofon von Sky.

Was anderes war auch nicht zu erwarten, schliesslich konnte sich Freiburgs Trainer lange genug auf die Nachfragen einstellen und eine geeignete Antwort parat zu haben: "Es gibt genug Leute, die dort Trainer werden können. Ich bin in Freiburg Trainer, fertig!"

Jupp Heynckes, dem Streich dem Bericht der "Bild" zufolge nachfolgen könnte, war da schon weniger diplomatisch.

Heynckes muss Woche für Woche mehrfach über seine Zukunft referieren, obwohl er längst klar gemacht hat, dass für ihn nach dieser Saison und dem letzten Freundschaftdienst für Uli Hoeness Schluss ist.

Jetzt soll er sich auch noch über seine möglichen Nachfolger äussern, was dem 72-Jährigen ziemlich gegen den Strich ging. Auf die Reporterfrage: "Kann Christian Streich nur Freiburg oder auch was anderes?", brach Heynckes das Interview ab.

Heynckes: "Ein aussergewöhnlicher Trainer"

Heynckes ist zu loyal und steht zu sehr über den Dingen. Er würde nie die Arbeit eines Kollegen öffentlich einordnen, sodass diesem Kollegen ein Nachteil entstehen könnte.

Heynckes hält sich raus aus der Diskussion, wenngleich er Streichs Arbeit in Freiburg in höchsten Tönen lobt: "Ich habe allergrössten Respekt vor Christian Streich. Mir gefällt, wie er arbeitet und mit seinen Jungs umgeht. Da ist viel Empathie im Spiel. Er ist ein aussergewöhnlicher Trainer."

Nüchtern betrachtet, muss ein Trainer wie Christian Streich für die Bayern eine Überlegung wert sein. Streich ist der dienstälteste Trainer der Bundesliga, er steht zusammen mit seinem Klub für eine selten gewordene Kontinuität, für Fachwissen und Kompetenz, für Empathie, Einfühlungsvermögen, die Fähigkeit, sich ganz auf eine Sache einzulassen und mit ihr zu verschmelzen.

Nach den eher technokratischen Pep Guardiola und Carlo Ancelotti hat der Wohlfühlfaktor bei den Bayern mit Heynckes wieder an Kraft gewonnen.

Und wenn Freiburg für etwas steht, dann für ein ausgeglichenes, ruhiges Arbeitsumfeld - welches in erster Linie vom Cheftrainer der Profimannschaft bestimmt wird.

Nach zwei Trainern aus dem Ausland wollen die Bayern den anstehenden Umbruch zudem von einem deutschsprachigen Trainer moderiert wissen.

Aber sich aus dem gewohnten Umfeld - Streich ist seit 23 Jahren beim SC Freiburg angestellt - zu bewegen und irgendwo eine neue Herausforderung zu suchen, ist etwas anderes, als sich aus dem gewohnten Umfeld zu bewegen und sein Glück beim FC Bayern München zu versuchen.

Streich hat in der Vergangenheit mehrfach betont, dass er sich in seinem Berufsleben auch noch etwas anderes vorstellen könnte als den SC Freiburg. Aber die Bayern?

Zu viele Fragezeichen

In Freiburg ist er es gewohnt, dass ihm Jahr für Jahr die besten Spieler weggekauft werden, dass es im Zwölf-Monats-Takt einen Neuanfang gibt, dass er deshalb in gewisser Weise immer wieder von vorne anfangen muss. Mit Spielern, die kaum einer kennt, die er mit seinem Sportchef und dem Scoutingteam für kleines Geld findet und entwickelt.

Streich baut auf junge externe Spieler aus der zweiten oder dritten Liga oder aus dem Ausland und jene, die es aus dem eigenen Nachwuchsleistungszentrum in den Profibereich schaffen.

In München werden keine Spieler aus der zweiten oder dritten Liga gekauft und den Sprung aus dem eigenen Nachwuchs hinein ins Team der Profis hat zuletzt David Alaba geschafft. Das war vor fast acht Jahren.

In Freiburg hat Streich eine Horde von lernhungrigen Spielern um sich, die sich in der Bundesliga etablieren wollen und Freiburg als Sprungbrett sehen. Oder solche, die anderswo nicht mehr gewollt waren und jetzt im Breisgau ihren dritten Frühling erleben.

Auch diese Art Spieler sucht man in München vergeblich. Da gibt es Weltmeister und Champions-League-Sieger, mehrfache deutsche Meister und Ikonen. Und bei den Pressekonferenzen sitzen nicht fünf Journalisten, die man alle per Handschlag begrüssen kann - sondern fünfzig aus aller Herren Länder.

Nun hat auch die jüngere Vergangenheit der Bayern gezeigt, dass ein etwas kauziger Trainer wohl in der Lage ist, mit dieser Ansammlung an Stars und übergrossen Egos klarzukommen, ohne dabei den Ausbildungsgedanken aus den Augen zu verlieren und auch die Medien in München gut im Griff zu haben.

Aber Louis van Gaal war nun einmal Louis van Gaal, ein hochdekorierter Trainer im Weltfussball. Dagegen ist Christian Streich - bei allem Respekt und mit den Worten Uli Hoeness' - eine eher regionale Angelegenheit.

Fachlich, handwerklich und inhaltlich könnte man sich Streich sehr gut bei den Bayern vorstellen. Im Ranking der besten deutschsprachigen Trainer muss er sich wahrlich nicht hinter Thomas Tuchel, Julian Nagelsmann, Ralph Hasenhüttl oder Niko Kovac verstecken. Aber für den Job in München braucht es daneben noch einige andere Qualitäten, die Streich ausserhalb der Wohlfühloase in Freiburg noch nicht unter Beweis stellen konnte.

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