In Berlin läuft für den Schiedsrichter von Anfang an einiges schief, die Spieler protestieren selbst gegen korrekte Entscheidungen. Einer der Beteiligten zeigt sich nach dem Spiel bemerkenswert selbstkritisch.

Alex Feuerherdt
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Coach und freier Publizist

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Zwei Feldverweise, genauso viele Interventionen des Video Assistant Referees (VAR), gleich drei Strafstösse, eine Verwarnung für den Trainer der Gäste, jede Menge Hektik und Reklamationen – Schiedsrichter Tobias Welz hatte in der Partie zwischen Union Berlin und Werder Bremen (1:2) Schwerstarbeit zu verrichten.

Dem 42-Jährigen, im Hauptberuf Polizist, fiel es dabei nicht leicht, die Kontrolle über das Spiel zu behalten. Seine Bemühungen in dieser Hinsicht wirkten manchmal unglücklich, allerdings machten die Spieler es ihm auch nicht gerade einfach.

Das sah auch Christopher Trimmel so, der sich nach dem Schlusspfiff nicht der allgemeinen Kritik am Referee anschliessen mochte. "Wenn ein Spiel beginnt und es ständig Rudelbildung gibt, da sind auch wir Spieler schuld", sagte der Kapitän der Berliner bemerkenswert selbstkritisch.

Immer mehr Unruhe auf dem Platz

Und weiter: "Wenn du in jeder Situation den Video-Schiedsrichter forderst, eine Rote Karte forderst, einen Elfmeter forderst, dann wird es irgendwann verrückt, und es ist ständig der Finger des Schiedsrichters am Ohr." Das Fussballspielen gerate so zur Nebensache. Deshalb müssten "wir alle vielleicht auch dem Schiedsrichter helfen".

Am Samstagnachmittag geschah das jedoch nicht. Schon früh im Spiel gab es mehrere schwierig zu beurteilende Situationen für Welz, die er teilweise nicht oder nicht richtig erfasste. Hinzu kam, dass die Zusammenarbeit mit dem Video-Assistenten Bastian Dankert etwas holprig verlief.

Dadurch kam Unruhe auf, die immer stärker zunahm und die Welz auch mit einer strengen Zweikampfbeurteilung und Disziplinarkontrolle nicht eindämmen konnte. Dabei lag er mit seinen Entscheidungen keineswegs durchgängig daneben. Die wichtigsten davon im Überblick:

  • 2. Minute, Strafstoss für Bremen: Welz zeigte auf den Elfmeterpunkt, weil er ein Foul des Berliner Schlussmanns Rafal Gikiewicz an Davy Klaassen wahrgenommen hatte. VAR Dankert war jedoch der Ansicht, "dass der leichte Kontakt am Bein des Bremer Spielers nicht ursächlich für den Fall des Spielers war", wie Jochen Drees sagt, der Projektleiter des DFB für die Video-Assistenten. Deshalb kam es zu einem On-Field-Review – zu Recht, wie Drees betont, denn der Elfmeterpfiff sei "regeltechnisch falsch" gewesen. Der Schiedsrichter blieb nach Ansicht der Bilder dennoch bei seiner Entscheidung, was auf Unverständnis stiess.
  • 12. Minute, Handelfmeter für Union: Welz nahm nicht wahr, dass der Bremer Christian Gross im eigenen Strafraum den Ball mit dem auf Schulterhöhe gehaltenen Arm spielte. Deshalb schritt erneut Bastian Dankert ein, wiederum zu Recht, denn das Handspiel war unzweifelhaft strafbar. Diesmal korrigierte sich der Referee nach dem Review und entschied auf Strafstoss.
  • 22. Minute, kein Handelfmeter für Bremen: Aus kurzer Distanz köpfte Yuya Osako den Ball im Strafraum von Union gegen die Hand des sich wegdrehenden Berliners Christopher Lenz. Waren dessen Handhaltung und Armbewegung dabei natürlich? Oder lag eine strafbare Vergrösserung der Körperfläche vor? Darüber kann man streiten. Zum dritten Mal gab es ein Gespräch zwischen Tobias Welz und dem VAR, doch ein Review folgte nicht daraus. Denn es war nicht klar und offensichtlich falsch, keinen weiteren Strafstoss zu geben, und ein erneutes Review hätte wohl auch negative Folgen für Welz‘ Autorität gehabt.
  • 54. Minute, Foulelfmeter für Bremen: Das kurze Ziehen von Christopher Trimmel am Trikot von Theo Gebre Selassie vor dessen missglücktem Torschuss übersah Welz, nicht aber sein Assistent an der Seitenlinie. Deshalb entschied der Referee schliesslich zum dritten Mal auf Strafstoss. Eher ein Kann- als ein Muss-Elfmeter und sicherlich eine harte Entscheidung. Aber kein Fall für einen Eingriff des Video-Assistenten.
  • 89. Minute, Gelb-Rote Karte für Neven Subotic: Der bereits verwarnte Berliner rempelte Leonardo Bittencourt in der Nähe der Bremer Bank mit einem Bodycheck in die Bande und sah dafür berechtigterweise Gelb-Rot. Auch die im Zuge dessen gezeigte Gelbe Karte für den Bremer Coach Florian Kohfeld, der wutentbrannt auf Subotic losging und damit eine Rudelbildung auslöste, war vollauf angemessen.
  • 90. Minute, Gelb-Rote Karte für Nuri Sahin: Wenn der Schiedsrichter, etwa wegen einer Mauerstellung, die Ausführung eines Freistosses blockiert und eine Freigabe ankündigt, führt eine vorzeitige Ausführung zwingend zu einer Verwarnung. Regelkonform war die Gelb-Rote Karte für Sahin deshalb. Ob Welz die Blockade dieses Freistosses an der Seitenlinie klar genug kommuniziert hat, ist eine andere Frage. Bei einem – auch optisch – deutlicheren Hinweis auf eine Freigabe per Pfiff hätte sich dieser Platzverweis vermutlich vermeiden lassen, zumindest aber wäre er besser zu vermitteln gewesen.

Mit der auch nach dem Review aufrechterhaltenen Elfmeterentscheidung für Werder kam früh der Wurm in die Spielleitung. Dass der Unparteiische gleich in mehreren wichtigen Situationen die Hilfe seiner Assistenten in Köln und an der Seitenlinie brauchte, liess seine Akzeptanz zudem weiter schwinden.

Selbst bei richtigen oder wenigstens vertretbaren Entscheidungen gab es Protest. Die überzogen wirkende Gelb-Rote Karte gegen Sahin kurz vor dem Spielende bildete den Schlussakt eines Arbeitstages, den vermutlich auch Tobias Welz als "gebraucht" betrachten wird. So etwas widerfährt eben selbst erfahrenen Unparteiischen, wenngleich zum Glück nur selten.

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