Dreimal reklamiert Fortuna Düsseldorf in Berlin einen Elfmeter, am Ende aber gibt es nur einen. Das hat auch etwas damit zu tun, dass der Video-Assistent in einem Fall dem Schiedsrichter nicht die aussagekräftigsten Bilder gezeigt hat. Unterdessen ist der Unparteiische auf Schalke erst streng und dann zu grosszügig.

Alex Feuerherdt
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Coach und freier Publizist

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Es kommt im Fussball selten vor, dass sich beide Seiten im Sinne des sportlichen Gegners zu einer strittigen Szene äussern. Doch in Berlin war das war nach dem Schlusspfiff des Spiels zwischen Hertha BSC und Fortuna Düsseldorf (3:1) der Fall.

"Wir hätten uns nicht beschweren dürfen, wenn der Schiedsrichter auf den Punkt gezeigt hätte", kommentierte der Berliner Verteidiger Maximilian Mittelstädt eine Szene im Strafraum der Hertha nach 24 Minuten, in der sein Gegenspieler Lewis Baker beim Zweikampf mit ihm zu Fall gekommen war.

"Den kann man geben, muss man aber nicht", sagte hingegen der Düsseldorfer Trainer Friedhelm Funkel. Damit zeigte er Verständnis für den Unparteiischen Martin Petersen, der keinen Elfmeter für die Fortuna gegeben hatte, obwohl ihm sein Video-Assistent ein Review empfohlen und der Referee sich die Bilder daraufhin selbst angeschaut hatte.

Eindeutig war die Angelegenheit jedenfalls nicht. Fest steht jedoch: Mittelstädt hatte nicht den Ball gespielt, dafür aber mit seinem Knie das Knie von Baker getroffen. Ob das ursächlich dafür war, dass der Düsseldorfer zu Boden ging, ist fraglich.

Warum Petersen nicht die besten Bilder sah

Dennoch hätte Martin Petersen vielleicht anders entschieden, wenn er die Bilder aus der Hintertorperspektive gesehen hätte. Denn der Kontakt am Knie war in dieser Kameraeinstellung, die auch vom Fernsehen gezeigt wurde, gut zu erkennen.

Anders sah es mit den Bildern aus, die der Video-Assistent dem Schiedsrichter in der Review Area vorführte. Sie zeigten einen anderen Blickwinkel und liessen einen regelwidrigen Körpereinsatz des Berliners höchstens erahnen.

Das hat dem Unparteiischen begreiflicherweise "im Spiel und dann auch nach Sichtung der Bilder nicht ausgereicht", wie er selbst sagte. "Ich bin darauf angewiesen, dass der Video-Assistent mir die besten Bilder liefert", so Petersen.

Doch warum geschah das in diesem Fall nicht? Ganz einfach: Weil der Video Assistant Referee (VAR) in Köln nicht bemerkt hatte, dass die Hintertorkamera die aufschlussreicheren Aufnahmen geboten hätte.

VAR unter enormem Zeitdruck

Der VAR kann auf dieselben Bilder zugreifen wie die Fernsehanstalten. Mit der Unterstützung eines weiteren Assistenten und zweier Video-Operatoren wählt er bei einer zu überprüfenden Szene aus über 20 verschiedenen Kameraperspektiven bis zu vier aus, die er für besonders aussagekräftig hält.

Der Zeitdruck ist dabei gross, weil die Überprüfung schnell über die Bühne gehen muss. Deshalb kommt es manchmal vor, dass der Video-Assistent und seiner Helfer eine günstige Kameraeinstellung übersehen, die dem Bildregisseur des Fernsehens dagegen aufgefallen ist.

Die besten Bilder hatte der VAR jedoch parat, als Dedryk Boyata nach einer halben Stunde im eigenen Strafraum dem Düsseldorfer Oliver Fink auf den Fuss trat und der Unparteiische erneut weiterspielen liess. Diesmal gab es keine zwei Meinungen: Es war ein eindeutiges Foul, das nur eine Entscheidung zuliess, nämlich den Elfmeter.

Diskussionswürdig war hingegen eine Szene acht Minuten vor Schluss, als Kenan Karaman in den Berliner Strafraum flankte und der Herthaner Per-Ciljan Skjelbred den Ball mit dem rechten Arm ins Toraus lenkte. Ein strafbares Handspiel? Nein, befand der Schiedsrichter und entschied auf Eckstoss. Aus Köln kamen keine Einwände.

Über Skjelbreds Handspiel kann man streiten

In dieser Situation zeigte sich, wie kompliziert die Beurteilung von Handspielen auch nach der Neuformulierung der betreffenden Regel sein kann. Einerseits war Skjelbred mit seinen Armen in einem natürlichen Bewegungsablauf, und der rechte Arm schwang ein Stück nach hinten, als er vom Ball getroffen wurde.

Das kann ein Zeichen dafür sein, dass er nicht unter Spannung stand, wie es üblich ist, wenn der Ball aufgehalten werden soll. Andererseits wirkte es ein wenig so, als wäre der Arm nicht ganz zufällig in der Schussbahn des Balles gewesen und als hätte Skjelbred das Handspiel zumindest in Kauf genommen.

Es war eine Szene, in der es sowohl für die getroffene Entscheidung als auch für einen Elfmeterpfiff gute Argumente gibt – und die sich auch nach mehrmaligem Betrachten der Wiederholungen nicht eindeutig zur einen oder zur anderen Seite auflösen lässt. Deshalb war Petersens Eckstossentscheidung zumindest vertretbar.

Von drei denkbaren Strafstössen für die Fortuna wurde also einer gegeben – und zwar der einzige, der wirklich eindeutig war. Die anderen beiden fallen in die Rubrik "Kann-Elfmeter".

Wenn in solchen Zweifelsfällen für den Angeklagten entschieden wird, ist das aus der Perspektive des neutralen Beobachters zu begrüssen.

Was sonst noch wichtig war:

  • Apropos Handspiel: Als der Ball in der 58. Minute des Spiels zwischen dem FC Schalke 04 und dem 1. FC Köln (1:1) auf der Schalker Torlinie nach einem Abwehrreflex von Torwart Alexander Nübel an die Brust von Daniel Caligiuri und von dort an dessen erhobenen Arm gelangte, liess Schiedsrichter Tobias Welz das Spiel weiterlaufen. Auch der VAR intervenierte nicht. Die Regeln sehen jedoch eigentlich einen Pfiff vor, wenn der Ball von einem anderen, in der Nähe befindlichen Spieler an den über Schulterhöhe gehaltenen Arm springt – auch dann, wenn er von einem anderen Körperteil des getroffenen Spielers kommt. Ungestraft bleiben soll ein solches Ping-Pong nur dann, wenn der Betreffende seinen Arm weder erhoben noch zur unnatürlichen Verbreiterung der Körperfläche genutzt hat. Caligiuris Armhaltung war aber nicht natürlich, und ohne das Handspiel wäre womöglich ein in der Nähe befindlicher Kölner an den Ball gekommen. Deshalb wäre eigentlich einen Strafstoss fällig gewesen.
  • Auch mit Caligiuris Mitspieler Salif Sané und mit dem Kölner Kingsley Ehizibue war der Unparteiische nachsichtig. Beide hätten eigentlich die Gelb-Rote Karte bekommen müssen: Sané in der 65. Minute für eine wilde Grätsche gegen Ellyes Skhiri, die nur mit Glück keine Verletzung zur Folge hatte; Ehizibue in der 79. Minute für ein taktisches Foul an Amine Harit. Nachdem Tobias Welz vor der Pause bei der Disziplinarkontrolle streng, aber auch mit klarer Linie agiert und gleich fünf Gelbe Karten gezeigt hatte, zeigte er sich in der zweiten Hälfte recht grosszügig. Vermutlich wollte er auf diese Weise ein Kartenfestival vermeiden, aber so ging auch die Konsequenz verloren.
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