Es ist lange her, dass der FC Bayern München zuletzt ein Nachwuchstalent an die erste Mannschaft herangeführt hat. Nach goldenen Jahren unter Louis van Gaal, als mit Thomas Müller, Holger Badstuber und David Alaba gleich drei junge Spieler den Sprung schafften, herrscht seit Langem Dürre in München.

Steffen Meyer
Eine Kolumne
von Steffen Meyer, Freier Autor

Der Letzte, der es ernsthaft probiert hat, junge Talente in der ersten Mannschaft einzubinden und weiterzuentwickeln, war Pep Guardiola. Doch auch unter ihm gelang es Spielern wie Gianluca Gaudino oder Pierre-Emile Hojbjerg, der zuletzt beim FC Southampton in der Premier League aufblühte, trotz vielversprechender Ansätze nicht, nachhaltig Fuss zu fassen.

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Aktuell sind sechs U20-Spieler mit den Münchnern im Trainingslager am Tegernsee. Vier von ihnen können sich durchaus Hoffnung machen, in Zukunft regelmässig Profiluft zu schnuppern. Platzt die angedachte Transferoffensive, könnten sie sogar deutlich schneller als gedacht in den Fokus rücken.

Alphonso Davies (18): Der Millionen-Transfer

Der Kanadier Alphonso Davies ist mit Sicherheit der grösste Hoffnungsträger, den die Bayern im U20-Bereich haben. Deutlich über zehn Millionen Euro könnte sein Transfer, der mit Bonuszahlungen versehen ist, am Ende kosten.

Davies machte in der Vorbereitung eine spannende Wandlung durch. Aus dem pfeilschnellen und dribbelstarken Flügelstürmer wurde immer häufiger ein offensiv ausgerichteter Linksverteidiger.

Auch im Supercup gegen Borussia Dortmund durfte er nach Alabas Auswechslung über knapp 20 Minuten ran. Nach starken und vor allem reifen Leistungen in den Testspielen absolut verdient. Überzeugt Davies weiter wie in den letzten Wochen, könnte er sich hier einen Platz als Back-up erarbeiten.

Auch Neuzugang Lucas Hernández könnte Alaba vertreten, doch der Franzose ist vor allem in der Innenverteidigung eingeplant. Die Chance für den jungen, lernwilligen Youngster. Alternativ wird er wie im Vorjahr bei den Amateuren zusätzliche Spielpraxis sammeln.

Lars Lukas Mai (19): Der Abwehrchef der Amateure

Lars Lukas Mai wurde unlängst mit einem Profivertrag bis 2021 ausgestattet. Der grossgewachsene Innenverteidiger fällt durch seine enorm reife Spielweise auf. Gutes Passspiel, präzise Zweikampfführung - in München halten sie grosse Stücke auf den 1,90-Meter-Mann, der schon zweimal für die Profis zum Einsatz kam und im vergangenen Jahr die Bayern-Amateure als Abwehrchef in die 3. Liga führte.

Mai ist auch der Grund, warum die Münchner sehr gelassen auf die zwischenzeitlichen Abwanderungsgedanken von Jerome Boateng reagiert haben. Der 19-Jährige wäre dann in der Innenverteidiger-Hierarchie einen Platz aufgerückt.

Ob er das Zeug hat, einmal einen Stammplatz in München zu erlangen, muss noch bezweifelt werden. Dafür fehlt das Besondere in seinem Spiel. Aber selbst wenn er es in München nicht packen sollte, steht ihm eine Bundesliga-Karriere bevor. Schon in diesem Sommer zeigte Zweitligist Nürnberg grosses Interesse. Auch Fortuna Düsseldorf soll schon die Fühler ausgestreckt haben. Bayern wäre gut beraten, hier zunächst auf eine Leihe zu setzen.

Jann-Fiete Arp (19): Die Wundertüte

Jann-Fiete Arp macht nach seinem Wechsel vom HSV nach München vieles richtig. Er tritt demütig auf, zeigt sich selbstkritisch und benennt offen, wie gross der Gewöhnungsprozess an das hohe Tempo und die enorme Qualität in München ist.

Arp ist die Wundertüte unter den Nachwuchstalenten. Nach einem verkorksten Jahr in Hamburg hat er in München derzeit wenig zu verlieren. Niemand weiss derzeit so richtig, was von Arp zu erwarten ist.

In der Vorbereitung gefiel der variable Angreifer mit engagierten Vorstellungen, guter Ballbehandlung und guter Positionierung im Strafraum. Vom Hocker haut das bisher niemanden, aber Arp könnte durchaus in eine Rolle als Rotationsspieler in der Liga hineinwachsen.

Zumal der FC Bayern auch in diesem Sommer offenbar keinen Back-up für Mittelstürmer Robert Lewandowski verpflichten wird. Arp muss deshalb vor allem an seiner Torgefahr arbeiten.

Sarpreet Singh (20): Die Überraschung der Vorbereitung

Sarpreet Singh, der vor Kurzem zu Neuseelands Nationalspieler des Jahres gewählt wurde, ist die grösste Überraschung der Vorbereitung. Eigentlich war der quirlige Offensivspieler für die Bayern-Amateure eingeplant. Doch Kovac war von den Testspiel-Auftritten des Neuseeländers so begeistert, dass er in dieser Woche einen Platz im Profikader in Aussicht stellte.

Singh ist dribbelstark, findet mit seinen geschmeidigen Bewegungen immer eine Lücke in der gegnerischen Verteidigung. Nach einer starken Saison mit vielen Torbeteiligungen für Wellington Phoenix lotsten die Bayern das Nachwuchstalent in diesem Sommer nach München. Dass er so schnell eine Option für einen Platz im Profikader werden würde, hatte so niemand vorausgesehen.

Müsste man sein Spiel mit einem prominenten Vorbild vergleichen, würde einem wohl Mesut Özil einfallen. Singh hat gleichwohl noch einen enormen Entwicklungsweg vor sich, muss robuster und entscheidungsschneller werden, um auch nach der Vorbereitung noch eine Chance auf Einsatzzeiten zu haben.

Es tut sich also was in Bayerns Nachwuchsarbeit. Doch der Sprung zu Startelfeinsätzen bleibt für alle FCB-Talente gross. Die grössten Chancen hat derzeit ausgerechnet der Jüngste: Flügelrenner Alphonso Davies.