Ajax Amsterdam mischt wieder Europa auf. Der Klub, der Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts mit drei Triumphen im damaligen Europapokal der Landesmeister in Serie seine erfolgreichste Phase hatte, ist so stark wie seit über 20 Jahren nicht mehr. Bei Juventus Turin brachte begeisternder Fussball die Qualifikation fürs Halbfinale der Champions League. Was steckt hinter der Ajax-Renaissance?

Mehr Fussball-Themen finden Sie hier

Ajax Amsterdam befindet sich auf Wolke sieben. Siegtorschütze Matthijs de Ligt war nach dem sensationellen Einzug ins Halbfinale der Champions League völlig überwältigt.

Kapitän Mathijs de Ligt wird zum Helden von Turin

"Es ist bizarr, nicht normal. Ich habe keine Worte", sagte der erst 19 Jahre alte Kapitän nach dem 2:1 (1:1)-Erfolg bei Juventus Turin um Superstar Cristiano Ronaldo bei BT Sport.

De Ligt hatte in der 67. Minute per Kopf das 2:1 erzielt und Ajax damit erstmals nach 22 Jahren in die Vorschlussrunde der Königsklasse gebracht.

"Wir haben Real und Juventus besiegt, zwei Titelkandidaten. Ich war noch gar nicht geboren, als wir zuletzt im Halbfinale waren", sagte der Innenverteidiger.

Ex-Bayern-Trainer ten Hag könnte auf Ex-Bayern-Trainer Guardiola treffen

Auch sein Trainer Erik ten Hag geriet ins Schwärmen nach dem Coup. "Es ist ein fantastischer Abend für Ajax und den niederländischen Fussball. Mit unserer Philosophie können wir unsere Grenzen überschreiten", sagte der 49-jährige Niederländer.

Der nächste Gegner heisst entweder Manchester City oder Tottenham Hotspur, das Hinspiel in London endete 1:0 für die Spurs.

Auch wenn es für Ajax Amsterdam am Ende nicht zum ganz grossen Wurf mit dem Gewinn der Champions League reichen sollte: Schon jetzt bleibt der Mannschaft die Gewissheit, dass sie den aufregendsten Fussball der Saison gezeigt hat.

2016 lag Ajax am Boden

Vor drei Jahren steckte der glorreiche Klub noch in einer tiefen Sinnkrise. Der Glanz alter Tage war verblasst, die alten Kontrahenten und zahllose neureiche Klubs aus aller Herren Länder hatten Ajax in der Bedeutungslosigkeit verschwinden lassen.

Dem einstmals schillernden Klub blieb nur die Rolle des schwach alimentierten Ausbildungsvereins, der gerne junge Spieler entwickeln und dann brav bei den Grossen der Branche abliefern darf.

Intern rumorte es, die eiserne Regel von den leitenden Angestellten, die zwingend eine Ajax-Vergangenheit und damit Stallgeruch aufweisen mussten, lockerte sich erst allmählich. Die Installation von Peter Bosz, ehemals Spieler von Erzrivale Feyenoord, war im Rückblick in vielerlei Hinsicht ein Meilenstein.

Mit Bosz und einer veränderten Transferstrategie kam der Umschwung. Der Trainer implementierte eine neue Spielausrichtung, einen Mix aus dem alten "voetbal total" der 70er Jahre, messerscharfem Gegenpressing und überfallartigem Umschaltspiel.

Bosz führte die Mannschaft nach zwei Jahrzehnten mal wieder in ein Europapokalfinale - während im Hintergrund der Strukturwandel rasend schnell vollzogen wurde.

Unter Peter Bosz zahlreiche Toptalente entwickelt

Ajax' Ideologie von den eigenen Talenten, die die Profimannschaft tragen müssen, blieb bestehen. Aus der Akademie "De Toekomst" sprudeln seitdem reihenweise hochbegabte Kicker. Aber anders als früher sind die nicht nur auf sich allein gestellt, sondern bekommen erfahrene, teilweise recht teure Unterstützung an ihre Seite gestellt.

Ajax wurde selbst zu einem Käufer-Klub, holte für viel Geld Hakim Ziyech vom FC Twente, danach die in Manchester und Southampton verschmähten Daley Blind und Dusan Tadic.

Das Trio bildet zusammen mit den Talenten de Ligt, Frenkie de Jong, Donny van de Beek, der in Turin zum zwischenzeitlichen 1:1 traf, und David Neres das Rückgrat einer Mannschaft, die angeleitet von ten Hag das "neue" Ajax verkörpert.

Ten Hag übernahm im Winter 2017 als 15. niederländischer Trainer in Folge bei Ajax, zumindest auf der Trainerbank blieb die Tradition also erhalten. Ansonsten steht auch ten Hag auf eine Mischung verschiedener Stile und Taktiken.

Überragendes Tempo vor dem Tor

Mit seinen Erfahrungen bei den Amateuren des FC Bayern und als Greenhorn wurde er von den Ajax-Fans und auch den Medien zu Beginn sehr kritisch gesehen, zumal auch ten Hag keine Ajax-Vergangenheit als Spieler vorweisen kann. Mittlerweile könnte man sich keine bessere Symbiose aus Mannschaft und Trainer mehr vorstellen.

Ajax vereint die Grundsätze des scharfen Gegenpressings mit einem ebenso mutigen wie vertikalen Positionsspiel, aber vor allem hat die Mannschaft ein anderes, sehr markantes Alleinstellungsmerkmal herausgearbeitet: Kaum ein anderes Team hat die Tempoverschärfung im letzten Drittel so kultiviert wie die Niederländer.

Der zentrale Anlaufpunkt dabei ist Tadic, der im 4-3-3 viel mit dem Rücken zum Tor spielt und durch seine zurückfallenden Bewegungen die Räume aufreisst und dann anspielt, in die die Flügelangreifer und Achter einlaufen. Diese Geschwindigkeit lässt viele Amsterdamer Angriffe aus dem Positionsspiel wie Konter aussehen und sucht derzeit im europäischen Fussball ihresgleichen.

Das alte Ajax-Dilemma

Das Ajax-Dilemma liegt in der Tatsache, dass diese eine Saison voller Höhepunkte gleichzeitig auch schon wieder die letzte sein könnte.

De Jong ist längst an den FC Barcelona verloren, im Sommer ist der Hochbegabte nicht mehr Teil der Mannschaft. Im Gegenzug fliessen rund 75 Millionen Euro nach Amsterdam.

Auch Abwehrchef de Ligt, der mit 18 Jahren jüngster Kapitän in der Geschichte von Ajax wurde, wird den Klub verlassen. "Es besteht keine Chance, dass Matthijs hier bleibt", sagte ten Hag in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Der Spieler wechsele entweder auch nach Barcelona oder zu den Bayern, wie ten Hag verriet. Auch für de Ligt stehen rund 75 Millionen Euro Ablöse im Raum.

Mathijs de Ligt, links, führt Ajax zum Sieg bei Juve.

Das wäre jede Menge Geld, um wieder eine schlagkräftige Truppe aufzubauen. So wird das in nächster Zeit wohl immer weitergehen: Wie Sisyphus zimmert sich Ajax aus Talenten und Routiniers eine Zukunft zusammen, die dann von den Gross-Klubs des Kontinents wieder auseinandergerissen wird.

Mit Material der AFP

Nach dem Auswärtssieg im Hinspiel schien der Viertelfinal-Einzug für Real Madrid eigentlich Formsache. Doch auch gegen Ajax Amsterdam fand der Champions-League-Sieger keinen Weg aus seiner Krise - und verspielte die wohl letzte realistische Titelchance der Saison.

Teaserbild: © imago images / Beautiful Sports