Vor einem Jahr spielte Eintracht Frankfurt in der Relegation um den Bundesliga-Klassenerhalt. Zur gleichen Zeit wurde die Krebserkrankung von Eintracht-Verteidiger Marco Russ bekannt. Nun trifft das Team im DFB-Pokal-Finale auf den BVB. Der Titel wäre das emotionale Highlight eines Jahres voller Höhen und Tiefen für den 31-Jährigen.

19. Mai 2016: Frankfurt kämpft im Relegations-Hinspiel gegen Nürnberg um den Bundesliga-Klassenerhalt. Eintracht-Verteidiger Marco Russ wird zur tragischen Figur des Spiels, das 1:1 endete. Der Verteidiger brachte den Zweitligisten durch ein Eigentor in Führung, später handelte sich Russ eine Gelbsperre ein, durch die er für das Rückspiel gesperrt war.

Marco Russ hat Krebs besiegt - und erlebt ein Happy End wie im Märchen.

Das bestritt er ohnehin nicht. Marco Russ lag zu diesem Zeitpunkt bereits im Krankenhaus. Einen Tag vor dem Relegations-Hinspiel hatte sein Klub die schwere Erkrankung des Verteidigers bekannt gegeben. Diagnose: Hodenkrebs. Hinweise auf den Tumor gab es durch eine routinemässige Doping-Kontrolle Ende April.

Ein Jahr voller "Höhen und Tiefen" für Marco Russ

Knapp ein Jahr nach der Operation steht Eintracht Frankfurt mit Marco Russ im DFB-Pokal-Finale. Ein Jahr "gespickt mit Höhen und Tiefen", beschrieb der 31-Jährige in der "Welt am Sonntag". Ein Jahr, in dem Russ zwei Chemo-Therapien über sich ergehen lassen musste. Ein Jahr, in dem er keine Saisonvorbereitung absolvieren konnte.

Der zweifache Familienvater zeigte sich bei der Saisoneröffnungsfeier im August, ohne Haare, gezeichnet von der Erkrankung. "Ich habe mich ziemlich abgeschottet, musste viel zu Hause bleiben, weil es mir einfach nicht gut ging", erzählte er damals.

Unterstützung durch Verein und Fans

Aufgeben kam für Marco Russ nie in Frage. "Die Hoffnung und der Wille waren von Anfang an da – aufgrund des positiven Feedbacks der Mediziner", sagte er der "Welt am Sonntag". "Sie haben mir versichert, dass ich wieder zu alter Stärke zurückfinden kann."

Sein Verein glaubte stets daran, verlängerte im September vorzeitig seinen Vertrag. Von den Verantwortlichen, Fans und anderen Menschen erhielt der Kapitän viel Zuspruch. "Daran habe ich gemerkt, dass Solidarität in Deutschland viel grösser ist als Rivalität." Er merkte, dass der Fussball, den er spielt, seit er vier Jahre jung war, manchmal in den Hintergrund rückt.

Russ verhindert Aus im DFB-Pokal-Halbfinale

Im Januar kehrte Russ ins Mannschaftstraining zurück. Einen konkreten Zeitpunkt für die Rückkehr gab es nie. Doch sie kam früher als geplant, im Pokal-Viertelfinale Ende Februar. 285 Tage nach seinem letzten Einsatz. "Besondere Situationen erfordern besondere Massnahmen", sagte Kovac nach dem 1:0-Sieg gegen Bielefeld, der in den Schlussminuten einen kopfballstarken Spieler benötigte. Durch den Ausfall anderer Leistungsträger kam nur er in Frage.

Russ ist zurück. Im März feierte er in der Bundesliga – wieder durch einen verletzungsbedingten Ausfall von Hasebe – sein Comeback, ehe er Ende April zum Matchwinner wurde – natürlich im DFB-Pokal. Durch den verwandelten fünften Elfmeter verhinderte der Verteidiger, dass für seinen Verein im Halbfinale Schluss ist. "Es ist noch kein Jahr her, dass ich die Diagnose bekommen habe. Dass ich nun im Endspiel stehe, ist einfach nur weltklasse", sagte Russ nach der Partie gegen Gladbach.

Höhepunkt eines ereignisreichen Jahres

Für Eintracht Frankfurt ist es der erste Pokal-Finaleinzug seit 2006. Zwei Spieler, die vor elf Jahren dabei waren, kämpfen nun wieder um den Pokal. Einer von ihnen ist Marco Russ. Der damals 20-Jährige verlor mit seinem Team – trotz phasenweiser Überlegenheit – 0:1 gegen den FC Bayern. Dieses Jahr heisst der Gegner Borussia Dortmund. Gegen den BVB soll der Titel nun endlich her.

Für Marco Russ wäre es der emotionale Höhepunkt eines ereignisreichen Jahres, das nicht nur dem Verteidiger vermittelte, dass der Fussball hin und wieder eine Nebenrolle spielt. Eintracht Frankfurt wünscht sich den Pokal auch für Marco Russ. "Das ist wie ein Märchen. Jetzt fehlt eigentlich nur noch, dass er im Finale ein Kopfballtor macht", sagte Sportvorstand Fredi Bobic vor dem Spiel. Dann wäre Marco Russ die Hauptrolle garantiert.