Teresa Enke, die Witwe des verstorbenen Ex-Nationaltorwarts Robert Enke, und Ex-BVB-Profi Martin Amedick sprechen in einer emotionalen Podiumsdiskussion über das Tabu-Thema "Depressionen im Profisport". Jonas Hummels, Bruder von Weltmeister Mats Hummels, schaltet sich in die Debatte ein – und übt scharfe Kritik am DFB.

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Das Fussball-Herz schlägt höher, wenn man das "Stadion an der Schleissheimer Strasse" in der Münchner Maxvorstadt betritt. An der Decke hängt ein überdimensionales Spielfeld mit Helden der deutschen Fussball-Geschichte darauf.

An den mit Holz verschalten Wänden säumt sich Retro-Trikot an Kult-Dress: Das Highlight ist die "Derby-Ecke", Schalke 04, der BVB, der VfB Stuttgart, der Karlsruher SC, Borussia Mönchengladbach und der 1. FC Köln – alle haben hier ihren Platz in Form eines nostalgischen Jerseys.

Depressionen: Bis heute ein Tabu-Thema in der Bundesliga

Unter Fussball-Fans in der bayerischen Landeshauptstadt ist das Lokal längst eine feste Institution. Auch an diesem Abend ist die Kult-Kneipe bis auf den letzten Platz gefüllt, doch es herrscht eine ernste Atmosphäre. Die Wirte Holger Britzius und Michael Jachan haben zu einer Podiumsdiskussion geladen – das Thema: psychische Erkrankungen im Profisport.

In der Ecke sitzt, anfangs noch schüchtern, Teresa Enke, die Witwe von Ex-Nationaltorwart Robert Enke (Hannover 96, FC Barcelona, Benfica Lissabon). Enke hatte sich am 10. November 2009 wegen seiner Depressionen das Leben genommen. Neben ihr: Martin Amedick, Ex-Profi des 1. FC Kaiserslautern, des BVB und von Eintracht Frankfurt – der am Ende seiner Karriere offenbarte, an Depressionen zu leiden.

Teresa Enke bei der Diskussion im "Stadion an der Schleissheimer Strasse".

Teresa Enke erzählt von den Depressionen Robert Enkes

"Er wollte nicht mehr aufstehen, er wollte nicht mehr ins Training, er hatte Angst, seinen Platz in der Mannschaft zu verlieren. Er war total aus der Bahn geworfen und hat den Alltag nicht mehr hingekriegt", erzählt Enke von ihrem Mann und seiner Erkrankung: "Er konnte nicht mal mehr die Tasche packen, sich nicht mal die Schuhe anziehen. Dann hat er das Haus verdunkelt, sich eine Dunkelkammer geschaffen."

In schwerstdepressiven Phasen hätten sie vorgetäuscht, dass er was anderes hat, erzählt sie weiter: "Gegen Hamburg, sein letztes Spiel, hat er super gespielt, obwohl er ein massives Beruhigungsmittel genommen hatte, weil er Angstzustände hatte."

Depressionen im Fussball: Teresa Enke erzählt gefasst und energisch

Im Wirtsraum, wo normalerweise Biergläser klappern, wo emotional, aber friedlich über Abseits und Elfmeter gestritten wird, ist es betroffen still. Alle Zuhörer lauschen gebannt Enkes zutiefst ehrlichen Worten. Die 43-Jährige wirkt gefasst. Umso mehr sie erzählt, umso mehr gewinnt man den Eindruck, sie sei erleichtert, das alles rauszulassen, was sie so lange mit sich herumschleppen musste.

Der bekannte Sportjournalist, Enkes Biograf Ronald Reng, moderiert und schwenkt zum Profifussball um. Kann ein depressiver Fussballer sich in diesem oft so knallharten Geschäft überhaupt "outen", ist jetzt das Thema. "Er hat gesagt: 'Sobald ich in die Therapie gehe, kann ich keinen Fussball mehr spielen'", erzählt Enke energisch: "Er hat gemeint, es würde viel mehr wehtun, wenn er sich outet, als wenn er sich umbringt."

Ein beklemmendes Gefühl macht sich breit, als Zuschauer muss man tief durchschnaufen. Harter Tobak. Kein Gerede, nur die unschöne Realität.

Ex-BVB-Profi Martin Amedick: "Das war ein Belastungscocktail"

Auch Ex-Profifussballer Amedick, seine langen blonden Haare im Gesicht, hört ihr nachdenklich zu. "Wenn es eine tiefe Phase war, hatte ich das Gefühl, dass ich eine Maske aufhabe. Es war keine Mimik mehr da", erzählt der 37-Jährige dann selbst: "Morgens um 10 Uhr zum Training zu kommen, war eine grosse Hürde für mich, da war die Angst vor dem Tag."

Er habe sich im Mannschaftsbus auf dem Weg zum Spiel immer wieder gedacht, er könne jetzt keine Bundesliga spielen, erzählt der einstige Innenverteidiger: "Mir war danach egal, ob wir gewonnen oder verloren hatten. Wenn ich die 'Aufgabe Spiel' erledigt hatte, war ich einfach nur erleichtert. Im Mannschaftsumfeld wusste nur der Pressesprecher Bescheid, weil er ein enger Freund war."

Ex-BVB-Profi Martin Amedick erzählt von Gespräch mit Jürgen Klopp

Woher die Depressionen kamen? "Mein Schwiegervater ist an Krebs erkrankt, es war klar, dass er nicht heilbar ist. Am Ende meiner Dortmunder Zeit habe ich meine Frau geheiratet, mein Schwiegervater hat sie noch an den Altar geführt, vier Wochen später ist er gestorben", erklärt Amedick: "Jürgen Klopp (Ex-Trainer des BVB, d. Red.) hat mir dann nahegelegt, den Verein zu verlassen. Das war ein Belastungscocktail."

Amedick kritisiert die Verhältnisse im Profifussball ohne Umschweife. Es lässt seine Sorge erahnen, ob mit dem Tabu-Thema auch wirklich verantwortungsvoll umgegangen wird. Ein Psychiater oder ein Psychologe sollten nicht im Verein angestellt sein, sagt er und meint: "Trainer denken, sie bekommen Informationen, wie sie die Aufstellung machen, Sportdirektoren wollen Informationen, wie der Spieler drauf ist."

Depressionen in der Bundesliga: Jonas Hummels kritisiert den DFB

Als die Diskussion fast vorüber ist, klinkt sich Jonas Hummels ein, der Bruder von BVB-Star Mats Hummels. Ähnlich meinungsstark wie sein älterer Bruder, holt der TV-Experte von DAZN, der nebenbei als Sportpsychologe für den Drittligisten SpVgg Unterhaching arbeitet, zu einer Kritik am Deutschen Fussball-Bund (DFB) aus.

Jonas Hummels, der Bruder von Mats Hummels, kritisierte bei der Diskussion den DFB.

"Krankt das System nicht, wenn der DFB mich absegnet? Ich habe zwar einen Bachelor in Sport-Psychologie, bin aber kein klinischer Psychologe, dafür teils heillos überfordert. Ich hole mir Unterstützung von einem Professor an der Uni, bin auf 20-Stunden-Basis angestellt, habe im Monat ungefähr 30 Sekunden Zeit für einen Spieler. Die haben mich genommen, weil sie sich keinen anderen leisten konnten", erklärt der 29-Jährige mit aufgebrachter Stimme: "Ich finde das verantwortungslos vom DFB."

Amedick und er sind sich einig: Es braucht mehr qualifizierte Sportpsychologen in den Klubs und einen offenen Umgang mit dem Thema. Und die Podiumsdiskussion zeigt: Es gibt noch sehr viel zu tun.

Todestag von Robert Enke: Seine Witwe schrieb Brief an Lokführer

Der Todestag von Robert Enke jährt sich am 10. November zum zehnten Mal. Seine Witwe spricht in einem Interview über die schwierige Zeit nach dem Suizid und erklärt, warum sie dem Lokführer einen Brief geschrieben hat. Sie verrät aber, welcher Tag ihr wichtiger ist. (Teaserbild: Julian Stratenschulte/dpa)