Steckt David Alaba in einer Schaffenskrise - oder ist eine kleine Talfahrt nach Jahren des rasanten Aufstiegs nicht auch völlig normal? Eine Spurensuche.

Aguero, Aubameyang, Bale, Buffon, Cristiano Ronaldo. In Häppchen vermeldet die Zeitschrift "France Football" dieser Tage die Shortlist jener Fussballer, die im Januar den Ballon d'Or für den besten Spieler des Jahres gewinnen könnten. Jeweils fünf Spieler werden genannt, in alphabetischer Reihenfolge. Am Ende stehen 30 Spieler auf der Liste. David Alaba ist nicht dabei.

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Einige Verwegene hätten den 24-Jährigen wohl immer noch im Kreise der Weltstars verortet. So wie in den vergangenen Jahren eben auch. Nur: Da spielte Alaba auch weltklasse. Das Jahr 2016 aber ist ganz gewiss nicht seins.

Es war viel los in den vergangenen Monaten, und auch jetzt im Herbst weiss man nicht so genau, wie sich Alabas Entwicklung einordnen lässt. Im Sommer, als Österreich krachend aus der EM ausgeschieden war, machten die meisten Kritiker die herbe Enttäuschung an seiner Person fest.

Schlechtere Werte als in den vergangenen Jahren

Davor hatte er bei den Bayern schon für eine für seine Verhältnisse mittelprächtige Rückserie hingelegt - mit dem Tiefpunkt der beiden Spiele im Champions-League-Halbfinale gegen Atlético Madrid. Im Hinspiel griff er wie einige andere auch nicht beherzt ein, um den entscheidenden Gegentreffer zu verhindern.

Und im Rückspiel - das ging in einer Pep-Taktik-Debatte komplett unter - rutschte Alaba als letztem Mann der Abwehrkette ein einfach zu unterbindendes Zuspiel auf den späteren Torschützen Antoine Griezmann unter der Sohle durch - weil er ein wenig lässig zum Ball ging und ihn mit dem starken linken Fuss kontrollieren wollte, anstatt ihn mit rechts einfach zu klären.

Der ruckelige Start der Bayern in diese Saison wird auch an ihm und seinen durchwachsenen Leistungen festgemacht. Neulich nannte das Fussballmagazin "Kicker" ein paar Zahlen, die belegen sollen, wie Alaba abgebaut hat in den vergangenen Monaten im Vergleich zu den überragenden Jahren davor.

Dribblings, Passquote, Ballkontakte, gewonnene Zweikämpfe. Statistische Werte, die den Gesamteindruck unterfüttern: David Alaba ist seit einiger Zeit nicht mehr auf der Höhe seines Schaffens.

Scharfe Kritik am Lebenswandel

Dazu kommen Diskussionen um seine Aktivitäten abseits des Platzes - und da vor allem in den sozialen Netzen. Ein Filmchen hier, ein lustiger Post da, zuletzt ein Treffen mit Odell Beckham jr., ein bisschen Marketing, ein bisschen PR, ein paar Werbetermine. Und wenn parallel dazu die Leistung auf dem Platz nicht stimmt, kommt schnell Kritik auf.

Wie neulich, als ein Foto auftauchte mit einem serbischen Nachwuchsspieler in einem Lokal - oder einem Club. Je nach Lesart hat Alaba entweder zu Abend gegessen oder aber die Nacht durchgefeiert. Was an sich nicht zu schlimm wäre, hätte sich der "Vorfall" nicht unmittelbar nach der 2:3-Niederlage Österreichs in Serbien ereignet.

Leistung von David Alaba Was meinen Sie: Ist die Kritik gerechtfertigt?
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    Nein. Ein 24-Jähriger soll auch einmal eine Disco besuchen dürfen, ohne dass ihm das vorgehalten wird.
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    Ich habe dazu keine Meinung.

Alaba wurde von mehreren Medien attackiert, unter anderem schrieb Kolumnist Michael Jeannée in der "Kronen-Zeitung" einen bitterbösen Brief: "Der Punkt, lieber David, ist folgender: Sie spielen in dem wichtigen WM-Quali-Spiel einen Stiefel zusammen. Kann passieren. Zumal im Mittelfeld. Wo Sie nicht hingehören. Danach aber fröhlich ab dafür. Ins Nachtleben der serbischen Metropole. In Handy- und Internet-Zeiten wie diesen. Disziplinlos? Das auch. Vor allem aber: net sehr gscheit, um nicht zu sagen saudumm."

Auch Alabas angebliche Forderung, im ÖFB-Team ausschliesslich im Mittelfeld eingesetzt zu werden, ist Gegenstand der Diskurse. Entweder linker Verteidiger "oder ham nach München", lautet Jeannées Rat. Der fünfmalige Fussballer des Jahres als Sündenbock?

Rückendeckung von seinen Trainern

"Ich glaube, es werden Schuldige gesucht. Da stehe ich irgendwo ganz oben. Aber das nehme ich so hin", sagt Alaba selbst. Zwar will er sich nichts anmerken lassen, die dauerhafte Kritik - spätestens seit dem blamablen Aus bei der Europameisterschaft - geht aber auch an ihm nicht spurlos vorüber.

Immerhin bekommt er von seinen Trainern Rückendeckung: Carlo Ancelotti hat Alaba trotz zu Saisonbeginn mässiger Leistungen nicht fallen lassen. Und mit einer häppchenweisen Rückstellung auf den Guardiola-Fussball mit höherem Pressing und mehr Gegenpressing kommt auch Alaba bei den Bayern wieder besser in Fahrt.

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ÖFB-Teamchef Marcel Koller will Diskussionen über einen möglichen Leistungsknick seines besten Fussballers erst gar nicht aufkommen lassen. "Ich glaube, dass Davids sportliche Entwicklung nicht stagniert oder gar rückläufig ist, sondern dass er einen Entwicklungsprozess durchläuft", sagte Koller in einem Interview mit dem "Kicker".

"Ab einem gewissen Alter erwarten die Leute von ihm, dass er Führungsaufgaben übernimmt", erklärte der Nationaltrainer. "Ich versuche, das auch von ihm zu verlangen - weiss aber, dass dieser Prozess nicht in ein, zwei Wochen abgeschlossen ist."

Bisher ging es in der Karriere von David Alaba teilweise rasant bergauf. Jetzt, nach sieben Jahren im Profigeschäft, darf er sich auch mal eine kleine Auszeit nehmen. Das ist völlig normal. Und das Beste: Auch die ganz Grossen haben irgendwann ein Tal durchschritten. Und jetzt stehen sie auf der Liste für den Ballon d'Or.