Pep Guardiola erfindet Robert Lewandowski im ersten Halbjahr beim FC Bayern neu. Der Stürmerstar schiesst zwar weniger Tore als sein Vorgänger. Doch eine andere Eigenschaft macht ihn viel wertvoller als Mario Mandzukic - und seinen Trainer glücklich. Eine Bilanz.

Es war der 4. Januar 2014. Kurz vor 18 Uhr. Nähe Marienplatz. Vor der Praxis von Bayern-Doc Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt fuhr ein schwarzer Van vor. Schaulustige warteten gespannt. Robert Lewandowski aber betrat das Gebäude durch eine Bäckerei auf der anderen Seite des Hauses. Das Verwirrspiel ging auf, der obligatorische Medizincheck auch. Keine eineinhalb Stunden später gab der FC Bayern München die Verpflichtung des Stürmerstars bekannt.

Der Wechsel des Polen von Borussia Dortmund an die Säbener Strasse sollte die Machtverhältnisse in der Bundesliga neu ordnen: zurück zur Alleinherrschaft des FC Bayern. Angeblich insgesamt 60 Millionen Euro (ohne Ablöse!) liessen sich die Bayern-Bosse dieses Privileg kosten. Und sie opferten Torjäger Mario Mandzukic. Zwölf Monate später sehen sie sich bestätigt. Für Lewandowski aber begann mit dem ersten Tag in München seine bisher schwierigste Lektion als Profi.

Robert Lewandowski mit Startproblemen

Neben dem Platz nahm er seine neue Rolle sofort an. Der 26-Jährige fügte sich in den Bayernjargon ein, wiederholte stoisch, er wolle "in jedem Spiel der Mannschaft helfen". Doch seinem Anspruch hinkte er hinterher. Es musste erkennen, dass der Spielstil nicht auf ihn zugeschnitten ist - sondern er sich in das taktische Konstrukt des Trainers einfügen muss. Beim BVB war das anders: Seine Stärken - explosive Vorstösse aus der Tiefe, lange Bälle und ununterbrochenes Gegenpressing - prägten das Spiel. Bayern-Coach Pep Guardiola aber will uneingeschränkten Ballbesitz und permanente Kontrolle.

Lewandowski hatte Probleme, sich anzupassen, hatte kaum Ballkontakte, kam nur selten zu gefährlichen Abschlüssen. "Die Gegner spielen nur defensiv. Selbst wenn wir 2:0 oder 3:0 führen. Ich weiss nicht, warum", meinte er nach dem 4:0 gegen Hannover 96 am 7. Spieltag und klagte: "Ich bekomme nicht so viele Bälle und muss manchmal lange auf meine Chance warten. Die Umstellung ist schwierig. Manchmal ist es frustrierend, wenn immer drei, vier Gegner um mich sind." Doch jener Spieltag brachte die Wende.

Er erzielte nicht nur seinen ersten Doppelpack für die Bayern. Er war angekommen im System Guardiola. "Wir wussten von Anfang an, dass er ein begnadeter Fussballer ist. Aber heute hat man seine ganze Klasse gesehen", meinte Kollege Xherdan Shaqiri nach der Partie: "Er ist schnell, geht schön in die Tiefe und braucht nicht viele Chancen." Lewandowski hatte nämlich einen gefunden, der ihn auf dem Platz an der Hand nimmt: Arjen Robben. Ihr Spiel war perfekt aufeinander abgestimmt. Ein neues Traumduo hatte sich gefunden.

Tore schiessen und zur Belohnung auf die Bank

Doch auch die Saisontore drei und vier änderten nichts an seiner neuen Rolle. Bei der 6:0-Demütigung Werder Bremens sass er 90 Minuten auf der Bank. Er liess sich nichts anmerken. Meckern, das weiss er, ist an der Säbener Strasse so verpönt wie eine Derbyniederlage gegen 1860.

Und so hielt er sich auch nach dem Topspiel am 14. Spieltag zurück. Er musste völlig ungewohnt auf Linksaussen ran. Guardiola wollte die gefährlichen Aussenverteidiger Bayer Leverkusens beschäftigen. Der Plan ging auf. Auch, weil Lewandowski nachsetzte, Laufwege zumachte, für die Nebenmänner ackerte. "Ich musste da spielen. Aber wir haben das gut gelöst. Leverkusen hatte wenige Chancen", meinte er hinterher. Er wisse, dass die Position Lewandowskis die des Mittelstürmers sei, erklärte Guardiola. Einzig, es kümmert ihn nicht. "Ich bin sehr zufrieden mit Robert. Er hat es bislang super gemacht", meinte der Katalane.

Der 43-Jährige opfert die Stärken des Stürmers für sein System. In der Liga kommt Lewandowski nur auf sieben Treffer. Zwei weitere sind es in der Champions League - in 464 Minuten. Zum Vergleich: In der Vorsaison waren es zum selben Zeitpunkt in der Liga elf Treffer, am Ende 20 und die Torjägerkanone. In der Spielzeit 2012/2013 kam er gar auf 24 Ligatore sowie zehn in der Königsklasse.

Robert Lewandowski vs. Mario Mandzukic

Von solchen Spitzenwerten ist er weit entfernt - und auch von der Quote von Mandzukic aus der Vorsaison. Der Kroate hatte zur Halbzeit zehn Mal getroffen, oft die sogenannten wichtigen Tore erzielt. Er liess sich aber nicht ins System pressen - im Gegensatz zu Lewandowski. Das ist sein Schlüssel zu Guardiola. Weniger Tore waren immer mit einkalkuliert. Es ist aber eine schwierige Lektion für einen, der immer mehr davon will.