• Deutschland schneidet bei der Biathlon-WM 2021 historisch schlecht ab.
  • Das Team wird von einigen Fans in den sozialen Medien angefeindet.
  • Für den deutschen Biathlon hat wohl eine neue Zeitrechnung begonnen.

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Die Biathlon-Weltmeisterschaft 2021 war aus deutscher Sicht eine ziemliche Enttäuschung.

Gerade einmal zwei Silbermedaillen standen nach 14 Tagen zu Buche, ursprünglich hatten die Verantwortlichen vier oder fünf Medaillen als Ziel für die deutschen Skijägerinnen und Skijäger ausgegeben. Stattdessen gab es die schlechteste Ausbeute seit der WM 2013 im tschechischen Nove Mesto, als einmal Silber und einmal Bronze die Gesamtausbeute der Welttitelkämpfe waren. Die Frauen blieben sogar erstmals seit der WM 1997 ohne Einzelmedaille.

Besonders Erik Lesser erlebte eine Weltmeisterschaft zum Vergessen. Bereits zum WM-Auftakt, bei der Mixed-Staffel, erklärte der 32-Jährige, dass er "den drei anderen den Tag versaut" habe. Im WM-Sprint reichte es gar nur zu Rang 66 für den früheren Verfolgungsweltmeister. Danach habe er sich gefragt, "warum ich Teil der WM-Mannschaft bin", so Lesser. Kaum weniger deutlich sein Fazit zur Single-Mixed-Staffel mit Franziska Preuss: Er habe "den Haufen ins Klo gemacht, und die Franzi hat dann runtergespült".

Erik Lesser erlebt Biathlon-WM zum Vergessen

Der negative Höhepunkt aus Lessers Sicht war der Auftritt in der Männer-Staffel, als er körperlich komplett einging. 52 Sekunden verlor der Thüringer auf seiner Schlussrunde und machte damit als Startläufer bereits jegliche Medaillenhoffnungen für das DSV-Team zunichte. Danach wollte Lesser verständlicherweise nur noch weg. Der Vizeweltmeistertitel von Arnd Peiffer im Einzelwettkampf blieb die einzige Medaille für die Biathlon-Herren.

Auch das Damenteam konnte nicht an die Erfolge der vergangenen Jahre anknüpfen. Die Silbermedaille in der Staffel konnte nur dank einer Energieleistung von Preuss eingefahren werden.

Die Erfolge vergangener Jahre scheinen in weiter Ferne gerückt, die einstige Strahlkraft des Biathlon-Sports in Deutschland als Aushängeschild im Wintersport droht zu verblassen. Während das deutsche Alpin-Team für vier Medaillen bei der WM in Cortina d‘ Ampezzo gefeiert wird, kassieren die deutschen Biathleten teilweise heftige Anfeindungen im Netz von einigen erfolgsverwöhnten "Fans" der vergangenen Jahre. Doch woher kommt dieser Einbruch?

Deutschland fehlt Ausnahmeathlet

Namen wie Magdalena Neuner, Laura Dahlmeier, Simon Schempp und Michael Greis standen in den vergangenen Jahren für Medaillen bei den jeweiligen Saisonhöhepunkten.

Derzeitigen Ausnahmeathletinnen und -athleten fehlen dem deutschen Team im Moment, allerdings ist die Weltspitze sowohl im Damen-, als auch im Herren-Bereich im Verlauf der vergangenen Jahre immer breiter geworden. Bei den Männern haben mindestens 20 Athleten das Potenzial für einen Sieg, auch bei den Frauen zählen mindestens 15 Athletinnen zum Kreis der Sieganwärterinnen. Dies macht es auch den Superstars des Sports - wie aktuell Norwegens Johannes Thingnes Boe - schwer, in jedem Rennen zu siegen.

Biathlon-Bundestrainer Mark Kirchner erklärte am Sonntag: "In jedem Rennen hat bei uns irgendwas nicht zu 100 Prozent gepasst, aber für ein Podium muss alles funktionieren." Zudem habe man bei den Männern vor der Weltmeisterschaft drei Podestplätze in dieser Saison erzielt, daher dürfe man die Erwartungen auch nicht zu hoch schrauben.

Kirchner betonte aber auch: "Sicherlich sind wir nicht zu 100 Prozent zufrieden." Ex-Biathlet Sven Fischer meinte im "ZDF", dass wohl in der WM-Vorbereitung nicht alles gepasst habe, sodass es zu diesen enttäuschenden Ergebnissen kam.

Droht den Biathleten Ähnliches bei Olympia 2022?

Aber das deutsche Biathlon-Team ist bei der WM 2021 auch ein Stück weit Opfer seiner Erfolge der Vergangenheit geworden. Jene Erfolge liessen vor allem bei den Fans und eventuell auch beim einen oder anderen Athleten die Erwartungen ins schier Unermessliche wachsen. Umso schwerer verdaulich ist daher nun das schwache Abschneiden.

Ein Jahr vor den Olympischen Spielen in Peking herrscht Tristesse statt Vorfreude im deutschen Biathlon-Lager. Norweger (14 Medaillen), Franzosen (sieben Medaillen) und Schweden (sechs Medaillen) scheinen weit enteilt.

"Sie haben Leistungen konstanter abgerufen als unsere Mannschaft", sagte DSV-Sportdirektor Bernd Eisenbichler: "Wir müssen schauen, was wir verbessern können, um Konstanz auf höherem Level zu haben." Die Routiniers Lesser und Peiffer mahnten aber auch in ihrem Podcast "Biathlon-Doppelzimmer", dass der Abstand zu den genannten Nationen nicht weiter anwachsen dürfe.

Eine Lösung, um den Abwärtstrend zu stoppen, könnte frischer Wind durch Nachwuchskräfte sein, da die arrivierten deutschen Athleten kaum um ihren Platz im Weltcup-Team fürchten müssen. Aber weder bei Männern noch bei Frauen scheinen hochkarätige Nachwuchstalente in Sicht zu sein, die ähnlich wie Neuner oder Dahlmeier einen regelrechten Hype entfachen könnten.

Neue Zeitrechnung im deutschen Biathlon

Stattdessen gilt es für das erfahrene deutsche Team, das Beste aus seinen Möglichkeiten, mit Blick auf Olympia 2022, zu machen. Dies bedeutet aber auch, dass in Zukunft Ergebnisse wie in Pokljuka die "neue Realität" für das deutsche Biathlon werden könnten. Athleten, Verantwortliche und Fans müssen noch lernen besser damit umzugehen.

Oder wie es Kirchner, im Hinblick auf ein WM-Fazit formulierte: "Es ist sicherlich nicht alles aufgegangen, aber man kann nicht von Enttäuschung sprechen."

Für das deutsche Biathlon ist eine neue Zeitrechnung angebrochen, spätestens die WM 2021 hat das gezeigt.

Verwendete Quellen:

  • Biathlon-WM-Übertragungen ARD und ZDF
  • Dpa-Meldung: Nur zwei Medaillen: Biathleten mit enttäuschender WM-Bilanz
  • SID-Meldung: Lesser verschwindet wortlos
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