• Körpersprache hat in der Politik einen gewaltigen Anteil am Erfolg der Akteure - oder Misserfolg.
  • Stefan Verra analysiert seit Jahrzehnten Politgrössen und unterzieht sie im Interview mit uns einem Check.
  • Was ihm in der Coronakrise besonders auffällt, wo die Stärken und Schwächen von Merkel und Kurz liegen und welche Fehler er "reihenweise" beobachtet.

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Monatelanger Schlingerkurs in der Lockdown-Politik, eine Kanzlerin, die sich bei der Bevölkerung entschuldigt: Sind nicht nur wir Bürger, sondern auch unsere Politiker am Ende ihrer Kräfte? Dazu haben wir den Körpersprache-Spezialisten Stefan Verra befragt. Er räumt mit einigen Irrtümern auf und erklärt, welche Körpersprache in der Krise gut ankommt und woran man Unsicherheiten erkennt.

Herr Verra, Sie beobachten die Körpersprache der Politiker schon lange sehr genau. Was fällt in der Coronakrise besonders auf?
Stefan Verra: Ein Phänomen ist nahezu weltweit zu beobachten: Bevölkerungen tendieren zu jenen Politikerinnen und Politikern, die körpersprachlich für Stabilität – für Langeweile muss man salopp sagen – und für Kontinuität stehen. Zum Beispiel Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ihre Körpersprache ist langweilig, sie lockt damit eigentlich keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Sie ist keine "Rampensau".

Wie zeigt sich das?
Wenn Menschen ihr zujubeln – denken Sie an Situationen mit einst vollen Hallen bei Parteiveranstaltungen – ist ihr das immer tendenziell peinlich. Sie hebt die Hand zum Gruss und duckt gleichzeitig den Kopf weg. Man spricht hier von Synkinesie, also eine unwillkürliche Mitbewegung. Im Gegensatz zum ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump: Er hebt seine Hand und zugleich sein Kinn, er sonnt sich wie ein König in der grossen Menge.

Trumps Ansehen hat in der Coronakrise gelitten, jetzt ist er abgewählt. Das ist auch seiner unberechenbaren Körpersprache geschuldet. So jemand wie Merkel aber - und das spiegelt sich in den Umfragewerten wider - verkörpert das, wonach die Menschen sich in einer Krise sehnen: Sicherheit.

Sie meinen, die Menschen wollen jetzt jemanden, der wie ein Fels in der Brandung wirkt?
Genau das. Im Moment erleben wir mit der Krise etwas, das grösser ist als wir und das wir nicht alleine lösen können. Wir suchen uns jemanden, der uns mit Ruhe da durchmanövriert. Es ist nicht die Zeit für laut schreiende Populisten. Nahezu alle von ihnen haben an Zustimmung verloren – in Österreich die FPÖ, in Deutschland die AfD, auch in Italien ist das zu beobachten: Die "alten Hasen" wie Ministerpräsident Mario Draghi sind wieder attraktiver. In den USA hat mit Joe Biden der langweiligste aller Kandidaten gewonnen – die Vorwahl der Demokraten und schliesslich die Wahl.

Schon bei den Neandertalern war ein Alphatier dazu da, uns die grossen Probleme vom Leib zu halten. Sie wählten den zum Chef, der mit aufrechter Haltung die Umgebung und Gefahren im Blick hatte. Das brachte allen anderen die Freiheit, sich in Ruhe um ihre Tagestätigkeiten kümmern zu können. In der Instabilität, die wir gerade erleben, brauchen wir jemanden, der mit seinem Habitus signalisiert: Ich bringe das wieder in geordnete Bahnen, ich stehe für Stabilität.

Markus Söder: "Unbeugsamer, knorriger Kapitän"

Für viele scheint das ein Markus Söder zu verkörpern. Die Mehrheit der Deutschen befürwortet laut einer repräsentativen Civey-Umfrage seinen Griff nach der Kanzlerkandidatur. Was zeichnet die Körpersprache des CSU-Chefs aus?

Er ist ein wunderbares Beispiel, wie man in einer Krise bei den Menschen punkten kann. Söder vermittelt Geradlinigkeit und Unaufgeregtheit. Breiter Stand, massiver Gang, die Stirn oft in Falten gezogen. Und vor allem eines: keine hektischen, schnellen Bewegungen. Er wirkt damit ein wenig wie der knorrige Kapitän auf einem Schiff. Unbeugsam - aber alles andere als enthusiastisch. In der Krise genau das richtige - aber sobald die Krise vorüber ist, prophezeie ich jetzt schon Schwierigkeiten für Söder. Seine Körpersprache vermittelt zu wenig Aufbruch und Vision.

Und sein Kontrahent Armin Laschet?

Er ist immer ein wenig gebeugt, dann kichert er ein bisschen, neigt seinen Kopf zur Seite … Das alles ist durchaus sympathisch, aber in einer Krise, die so gross ist, will man das Gefühl haben – oder die Illusion, denn mehr ist es eigentlich nicht: Der weiss, wo er hin will. Laschets Körpersprache ist so wechselhaft, dass man im besten Fall wohl Leichtigkeit verspüren könnte - nur will das im Moment eben niemand sehen.

Die Entscheidungen der Politiker betreffen uns alle elemantar und sorgen für grossen Frust in der Bevölkerung. Man hört aber auch oft: "In ihrer Haut möchte ich nicht stecken." Was macht diese Zeit mit den Akteuren der Krise? Merkel wird ein Autoritätsverlust nachgesagt, sie wirke zunehmend müde, wird häufig kommentiert. Hat sich die Körpersprache im Lauf der Krise verändert?
Ich bin mir sicher, dass die Verantwortung in der Coronakrise eine besondere Last ist. Die Körpersprache der Politikerinnen und Politiker sehe ich aber als konstant. Gerade bei Merkel wird immer sehr viel interpretiert – hier oder da hätte sie unsicher gewirkt, etc. Ich beobachte sie seit Jahrzehnten und habe Bewegtbilder aus Zeiten, lange bevor sie in wichtigen Ämtern war, analysiert. Dasselbe habe ich bei Sebastian Kurz getan und darüber auch ein Buch geschrieben. Ich widerspreche immer, wenn jemand sagt, die beiden seien einfach nur sehr gut gecoacht. Meine Beobachtung in beiden Fällen: Kurz' und Merkels Körpersprache war seit jeher wie heute schon immer langweilig.

Langweilig ist in dem Fall aber eine Stärke?
Es ist sogar eine sehr seltene Stärke, ohne die beide nicht da wären, wo sie heute sind. Langeweile in der Körpersprache heisst Berechenbarkeit. Man weiss also wie man die beiden einschätzen muss. Da kommt nichts Überraschendes, nichts, das völlig aus der Reihe fiele. Denken Sie an Trump, da kam nahezu täglich eine Geste, Mimik oder ein Handschütteln, was den Beobachter irritiert hat. Sowas wird man bei einer Merkel oder einem Kurz wohl nicht sehen. Aber diese riesige Stärke ist auch ein Damoklesschwert.

Wieso?
Sie haben beide sehr wenig Abwechslung in ihrer Körpersprache. Niemand will auf Dauer jemanden, der immer nur durchsetzungsstark ist, sondern jemanden, der auch mal locker lässt, nah am Bürger ist.

Wer ist denn ein gutes Beispiel für abwechslungsreiche Körpersprache?
Etwa vermittelt Kamala Harris (Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten, Anm.) das Gefühl: Mit der könnte ich auch mal in der Kneipe ganz normal reden. Gleichzeitig war sie als Staatsanwältin unglaublich dominant und durchsetzungsfähig. Und das liegt daran, dass sie variabel ist.

Eine solche Abwechslung in der Körpersprache kommt durch Symmetrie und Asymmetrie zustande. Asymmetrische Haltungen bewirken Lockerheit: ein Bein überschlagen, ein Ellbogen fest an der Stuhllehne angelehnt, seitlich stehen. Es signalisiert evolutionär: Ich bin gerade nicht in Kampf- oder Verteidigungshaltung. Dieses Gefühl will man vermitteln. Zum anderen muss eine Politgrösse aber Durchsetzungsfähigkeit signalisieren, was durch die Symmetrie in der Körpersprache kommt: Ich richte mich auf, die Körperhälften sind gleich. Der Wechsel zwischen beiden macht den Unterschied.

Weil Merkel und Kurz diese Variabilität nicht haben - man sieht beide quasi nie asymmetrisch - muss ihre Körpersprache in die jeweilige Zeit passen, damit man sie auch als spannend und positiv empfindet. Die Zeit dieser Krise jetzt im Moment spielt ihnen in die Karten. Ich bin mir aber sicher: Wenn die Krise vorbei ist, werden auch die Populisten wieder dazugewinnen.

Sebastian Kurz: Wo seine Schwäche liegt

In Österreich sinkt gerade das Vertrauen in Kurz' Regierung. Macht sich solch eine Unsicherheit auch in seiner Körpersprache bemerkbar?
Solange er eine Situation unter Kontrolle hat, bleibt seine Körpersprache sehr stabil. Was er relativ schlecht kann: Wenn er in die Ecke gedrängt wird oder für ihn unangenehme und unerwartete Fragen kommen, zeigt sich seine Nervosität. Er schüttelt überrascht den Kopf, läuft schnell rot an, er reisst den Kopf nach hinten. Da ist Angela Merkel flexibler als er. Es ist seine Schwäche. Im Moment ist er durch die innenpolitischen Skandale in Bedrängnis und relativ schnell aus der Ruhe zu bringen.

Sind das Dinge, die man trainieren, beziehungsweise abtrainieren kann?
Ich bin immer ein Verfechter davon, so etwas nicht abzutrainieren, sondern zu seinen Schwächen zu stehen. Angela Merkel hat kürzlich einen Fehler zugegeben und wurde dafür sehr gelobt.

War ihre Bitte um Verzeihung körpersprachlich überzeugend?

Man sah es Frau Merkel nur in den ersten Sekunden an: Das durch die Haare fahren, das kurze Atmen bei Sekunde drei (nachzusehen auf YouTube, Anm.) könnten auf den Umstand der Unsicherheit zurückzuführen sein. Allerdings muss man sagen, dass ihre Körpersprache in dieser Rede eigentlich nahtlos an ihre übliche Körpersprache anknüpft. Natürlich war das auch ein durchdachter strategischer Schachzug. Wir gieren nach Politikern, die zu einer Schwäche stehen.

Diesen Tipp kann ich nur jedem geben, der beruflich erfolgreich sein will: Man punktet genau damit bei den Menschen, Irrtümer eingestehen zu können. Es ist ein häufiger Fehler zu denken, ich darf keinerlei Schwäche zeigen. Und es ist genau der Fehler, den Sebastian Kurz reihenweise macht und das ist sicher auch seinen Beraterinnen und Beratern geschuldet. Er glaubt, nicht zugeben zu dürfen: Hier haben wir uns falsch entschieden, da haben wir auf die falschen Personen gesetzt.

"Politiker, hört auf mit eurer "Volkshochschul-Körpersprache"

Was sind aus Ihrer Sicht noch häufige Fehler – oder anders gefragt: Welchen Tipp würden Sie geben?
Politiker, hört auf mit eurer Volkshochschul-Körpersprache! Irgendwelche zweitklassigen Berater haben ihnen mal gesagt, dass es ein gutes Bild abgibt, die Hände oberhalb der Hüfte ineinanderzulegen – als wären sie ein Concierge in einem Hotel.

Raute, Merkel
Angela Merkel formt mit den Händen eine Raute - es gehört zu ihren Markenzeichen.

Ursula von der Leyen macht das sogar im Gehen, während jeder andere dabei einfach seine Arme baumeln lässt. Wir alle kennen auch die Raute von Angela Merkel. Solche Gesten sind alltagsfremd, unnatürlich und nicht authentisch.

Ein positives Beispiel ist für mich Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen. Er ist nicht gecoacht, er vermittelt Lockerheit und pfeift auf einstudierte Haltungen mit den Händen.

Sie durchschauen, wo jemand in Sachen Körpersprache gecoacht ist?
Wenn es ungeschickt gemacht ist, durchschaut das jeder intuitiv. Söder etwa hätte eine durchaus authentische Körpersprache, doch inszeniert sich – wir erinnern uns an seinen Besuch mit Angela Merkel auf Herrenchiemsee – auf übertriebene Weise, das wirkt dann befremdlich.

Die Kunst eines guten Coachings besteht darin, das, was gut ist, gut zu verstärken. Man wird aber nie Frau Merkel zu einer Rampensau machen oder Laschet zu einem besseren Söder. Die Kunst ist es, die Regeln zu lernen und sie dann gekonnt zu brechen.

Über den Experten: Stefan Verra (48) ist ein österreichischer Autor, Coach, Redner und Experte für Körpersprache. Sein jüngstes Buch mit dem Titel „Leithammel sind auch nur Menschen: Die Körpersprache der Mächtigen“ erschien 2019 im Ariston-Verlag. Verra hält weltweit Vorträge zur Körpersprache für Unternehmen und in Live-Shows.
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