• Im letzten Bundesligaspiel dieses Jahres zwischen dem SC Freiburg und Union Berlin gibt es sage und schreibe vier Strafstösse.
  • Nicht alle davon sind unumstritten.
  • Die Unparteiischen wollen die längere Winterpause nutzen, um ein für sie unbefriedigendes Halbjahr aufzuarbeiten.
Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Alex Feuerherdt sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfliessen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Die Bundesliga-Schiedsrichter und ihre sportliche Leitung dürften nicht gerade unglücklich darüber sein, dass durch die Weltmeisterschaft in Katar die Winterpause diesmal deutlich länger dauert als sonst.

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Denn so haben sie die Zeit, um den bisherigen, für die Unparteiischen recht unbefriedigenden Saisonverlauf zu analysieren, über den auch Schiri-Chef Lutz Michael Fröhlich sagt: "Man kann nicht zufrieden sein. Es gibt zu viele Baustellen. Man kann von einer kleinen Krise sprechen." Es gebe "viel Kritik und viele Situationen, die nicht gut gelöst wurden im Zusammenspiel mit den Video-Assistenten", so Fröhlich in der Talksendung "Doppelpass".

Die Referees und ihre Helfer in Köln waren zuletzt zu oft in der Diskussion: wegen manch umstrittener Auslegung der Abseitsregel bei Torerzielungen – erst beim "Sichtlinienabseits", dann beim "deliberate play" –, wegen Fehlern bei der Beurteilung von Handspielen, wegen eines manchmal problematischen Masses bei den persönlichen Strafen und wegen Versäumnissen des VAR.

Gravierender Fehler

Der gravierendste Fehler trug sich wohl vor zwei Wochen zu, als Eintracht Frankfurt in der Partie gegen Borussia Dortmund einen klaren Strafstoss nicht bekam. Ohnehin ist die Instanz Video-Assistent zu oft ein Thema, wenn man bedenkt, dass sie eigentlich nur eine Absicherung sein soll, um schwere Fehler zu vermeiden.

Dass die Schiedsrichter seit Saisonbeginn deutlich häufiger als zuvor bereit sind, gegenüber der Öffentlichkeit manche Entscheidung zu erläutern, ist hingegen positiv. Diese Transparenz hilft beim Verstehen, auch und gerade dann, wenn man als Zuschauer nicht einverstanden ist mit einer Entscheidung.

Die anstehende Pause will die sportliche Leitung der Unparteiischen vor allem dazu nutzen, die Video-Assistenten intensiver zu schulen. So sollen Spielszenen mit einem Online-Tool bewertet werden und Workshops auch mit ehemaligen Profifussballern stattfinden, um die Bewertung von Zweikämpfen zu verbessern.

Freiburg bekommt einen "Fernsehelfmeter"

Das Spitzenspiel zwischen dem SC Freiburg und Union Berlin (4:1) am Sonntagabend war die letzte Bundesliga-Partie in diesem Jahr, und sie begann mit dem berühmten Paukenschlag. Nach etwas mehr als einer halben Minute scheiterte der Freiburger Ritsu Doan mit einem Kopfball an Torwart Lennart Grill, doch die Breisgauer bekamen unerwartet eine zweite Chance.

Denn bei der Hereingabe von Christian Günter auf Doan hatte Christopher Trimmel den Ball geringfügig mit den Fingerspitzen seiner rechten Hand berührt. Das hatte jedoch nicht nur Schiedsrichter Deniz Aytekin nicht bemerkt, sondern auch so ziemlich alle anderen auf dem Feld und den Rängen.

Niemand beschwerte sich, sicherlich auch deshalb, weil der Ball seine Richtung nicht verändert hatte und Doans Torchance somit nicht im Geringsten beeinträchtigt wurde. Doch aus Köln meldete sich VAR Tobias Welz bei Aytekin, es kam zum On-Field-Review, danach gab es einen Strafstoss für den SC Freiburg, den Vincenzo Grifo zum 1:0 verwandelte.

Regeltechnisch korrekt, aber ...

In regeltechnischer Hinsicht war das zu legitimieren: Trimmels Armhaltung konnte man als unnatürliche Vergrösserung der Körperfläche bewerten und den Eingriff damit begründen, dass dem Referee das Handspiel augenscheinlich verborgen geblieben war.

Allerdings hatte Welz‘ Intervention etwas Detektivisches, das dem eigentlichen Sinn und Zweck des VAR zuwiderlief. Aus fussballerischer Sicht liesse sich zudem argumentieren, dass den Freiburgern, vor allem Doan, aus dem minimalen Streifkontakt mit den Fingerspitzen keinerlei Nachteil erwachsen war.

Letztlich gab es hier einen "Fernsehelfmeter", der nicht unumgänglich war und unverhältnismässig wirkte, zumal der Schiedsrichter hier keinen wirklich schwerwiegenden Vorfall übersehen und auch keinen klaren und offensichtlichen Fehler begangen hatte.

Aytekins Linie diesmal ungewohnt streng

Nach nur acht Minuten gab es den zweiten Strafstoss, diesmal für die Gäste und fraglos zu Recht, denn Nicolas Höfler hatte Sheraldo Becker im Sprung mit dem Fuss in die Wade getreten. Aytekin entschied erst auf Freistoss, machte das Foulspiel also ausserhalb des Strafraums aus. Doch nach rascher Rücksprache mit seinem Assistenten Christian Dietz korrigierte er sich und sprach den Berlinern einen Elfmeter zu. Robin Knoche scheiterte jedoch am Pfosten.

Zehn Minuten später zeigte der Referee schon zum dritten Mal in dieser Begegnung auf den Elfmeterpunkt, diesmal wieder für die Hausherren. Vorausgegangen war im Strafraum des 1. FC Union ein Zweikampf zwischen Diogo Leite und dem ballführenden Doan, bei dem der Berliner seinen Gegner ein wenig an der Schulter hielt und auch leicht an der linken Fussseite traf.

Der Freiburger ging zu Boden, vermutlich nicht nur wegen dieser Impulse, sondern auch aus eigenem Antrieb. Doch es passte zu Aytekins diesmal ungewohnt strenger Linie bei der Zweikampfbewertung, dass er Diogo Leites Einsatz als Foulspiel bewertete.

Rot und Elfmeter

Da Doan kurz vor dem Kasten der Gäste eine offensichtliche Torchance hatte und man seinem Gegenspieler nicht attestieren konnte, um den Ball gekämpft zu haben, war der Feldverweis folgerichtig. Grifo nutzte auch diesen Elfmeter und traf zum 3:0 ins Tor.

Einige Minuten vor dem Spielende gab es sogar noch einen vierten Strafstoss, den zweiten für die Berliner. Yannik Keitel hatte Danilo Doekhi klar festgehalten und ihn so daran gehindert, zum Ball zu laufen. Sven Michel verwandelte den Elfmeter zum 4:1-Endstand.

Es waren also nicht alle Strafstösse in diesem Spiel unstrittig. Man merkte, wie wichtig es gerade dann ist, als Unparteiischer über Akzeptanz zu verfügen und den Spielern in kritischen Situationen die Gründe für eine Entscheidung transparent zu machen. Dadurch wirkte Deniz Aytekin möglichen Protesten entgegen und verhinderte, dass sich die Spieler gegen ihn wenden.

Schiedsrichter Jablonski überzeugt in Gladbach

Eine starke Leistung bot Schiedsrichter Sven Jablonski am Freitagabend in der Auftaktpartie dieses Spieltags zwischen Borussia Mönchengladbach und Borussia Dortmund (4:2). Auch in den beiden schwierigsten Situationen lag er letztlich richtig, bei einer davon infolge einer guten Kooperation mit seinem VAR Günter Perl.

Nach 66 Minuten köpfte Mats Hummels nach einem Eckstoss den Ball im Strafraum der Gladbacher aus kurzer Distanz an den Unterarm von Ramy Bensebaini. Doch dem Abwehrspieler, der den Ball zuvor verfehlt hatte, war eine unnatürliche Vergrösserung der Körperfläche nicht vorzuwerfen. Er hatte seine Arme vielmehr in einer Position, wie sie für eine Sprungbewegung normal ist. Jablonski liess deshalb zu Recht weiterspielen.

Video-Assistent greift zu Recht ein

Zwei Minuten später schien es zunächst, als hätte Hummels den Ball in der Mitte der eigenen Hälfte beim Versuch, ihn zu seinem Torwart Gregor Kobel zurückzuspielen, durch einen technischen Fehler an den herbeigeeilten Marcus Thuram verloren. Der Gladbacher lief danach ungehindert auf das Tor des BVB zu und schob die Kugel schliesslich zu Jonas Hofmann, der zum vermeintlichen 5:2 traf.

Doch Video-Assistent Perl bemerkte bei der Überprüfung, dass der Ballverlust von Hummels daraus resultierte, dass Thuram dem Dortmunder einen kleinen – und auf dem Feld für den Referee schwer zu identifizierenden –, aber effektiven Tritt unter die Sohle verpasst hatte. Deshalb empfahl er Jablonski ein On-Field-Review, das zu Recht zur Annullierung des Treffers führte.

Eine gute Nachricht am letzten Spieltag

Die Samstagsspiele verliefen für die Schiedsrichter und ihre Video-Assistenten insgesamt ebenfalls ohne grössere Aufreger, was angesichts der bisweilen ausufernden Debatten im Laufe der Hinrunde eine gute Nachricht ist.

Trotzdem gibt es nun einiges aufzuarbeiten, besonders bei der Kooperation von Unparteiischen und VAR. Auch wenn es in anderen Ländern und Ligen ähnliche Debatten gibt: Dass die Video-Assistenten, die eigentlich nur im Hintergrund arbeiten sollen, oftmals so im Mittelpunkt stehen, ist ein Zustand, an dem dringend etwas geändert werden muss.

Alex Feuerherdt lebt in Köln und ist dort seit vielen Jahren verantwortlich für die Aus- und Fortbildung der Unparteiischen. Ausserdem wird der 52-Jährige als Schiedsrichter-Beobachter in Spielklassen des DFB eingesetzt und arbeitet für den Verband auch als Schiedsrichter-Coach.
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