Peter Bosz ist noch gar nicht freigestellt, da spekulieren verschiedene Medien schon über dessen Nachfolgekandidaten. Julian Nagelsmann gilt als langfristige Lösung. Die wäre zwar teuer und auch ein bisschen riskant, dürfte aber ziemlich gut zu Borussia Dortmund passen.

Verworrener könnte die Situation kaum noch sein: Bei und vor allen Dingen über Borussia Dortmund wird derzeit so viel diskutiert wie bei keinem anderen Klub der Bundesliga.

Bisher drehten sich die Debatten dabei fast immer um Peter Bosz und seine nicht mehr funktionierende Mannschaft. Und die damit verbundene Frage, wie lange Bosz dieses Team überhaupt noch betreuen darf.

Nun wird die Diskussion jedoch konkreter, geht einen Schritt weiter. Mehrere Medien bringen gleich mehrere Namen ins Spiel - als möglichen Nachfolger Bosz' und einen möglichen Nachfolger des möglichen Bosz-Nachfolgers. Ddabei ist Bosz, der Ausgangspunkt aller Diskussionen, noch nicht einmal freigestellt.

So läuft das Geschäft aber nun einmal und dass sich der Ballspielverein nach zuletzt nur einem Sieg (gegen einen Drittligisten) aus den letzten zehn Pflichtspielen und einer schändlichen zweiten Halbzeit im Derby gegen Schalke nach Alternativen für einen stark angezählten Trainer umschaut, ist nur nachvollziehbar.

Jetzt muss die Wende her - sonst war's das wohl für Peter Bosz

Die Rechnung geht demnach so: Sollte Bosz am Wochenende gegen Bayer Leverkusen nicht eine komplette Umkehr schaffen, muss der Niederländer gehen.

"Ich habe die klare Erwartung an dich, Peter, dass du mit deinem Team alles auf den Prüfstand stellst und jeden Stein umdrehst. Da darf es keine Denkverbote geben", sagte Hans-Joachim Watzke auf der Mitgliederversammlung des BVB in Richtung seines obersten Angestellten.

Es gibt einige, die sehen darin tatsächlich das Bemühen, den Karren gemeinsam aus dem Dreck zu ziehen. Andere interpretieren Watzkes offenen Worte als vorbereitende Massnahme für das Unvermeidliche: eine baldige Trainerentlassung.

Weil der BVB auf die Schnelle aber keinen Trainer für eine langfristige Zusammenarbeit finden kann, stünde zum Beispiel eine Stand-by-Alternative wie Armin Veh zur Diskussion, als Dortmunder Jupp Heynckes sozusagen.

Erst Armin Veh, dann Julian Nagelsmann?

Veh soll dann diese Saison vernünftig zu Ende coachen, die Mannschaft wenigstens in die Champions League führen und dann den Weg frei machen für die Langzeit-Lösung. Diese soll - so ist jetzt zu lesen - Julian Nagelsmann heissen.

Nagelsmann flog in der Dortmunder Debatte aus verschiedenen Gründen bisher eher unter dem Radar: Hoffenheims Coach hat im Kraichgau noch einen Vertrag bis 2021 und selbst die vermutete Ausstiegsklausel für das Jahr 2019 würde einen Transfer nicht automatisch selbstverständlich machen.

Kolportiert wären dann fünf Millionen Euro Ablöse fällig, entsprechend deutlich mehr müsste ein Klub bieten, wenn Nagelsmann schon im kommenden Sommer aus dem Vertrag gekauft werden soll.

Nagelsmann gilt in seiner durchaus auch anstrengenden Art für Spieler und Verantwortliche wie eine Blaupause zu Thomas Tuchel. Sicherlich nicht ganz so verschroben wie Tuchel, aber in der grundsätzlichen Ausrichtung durchaus vergleichbar.

Dass Nagelsmann, bei dem die Verantwortlichen bereits im vergangenen Sommer in der Nachfolgeregelung für Tuchel vorstellig wurden und sich einen Korb eingehandelt hatten, nun wieder ein konkretes Thema beim BVB wird, ist auch der Gemengelage im fernen München geschuldet.

Die Bayern sollen ja auch hinter Nagelsmann her sein. Die dürftigen Hoffenheimer Leistungen in den internationalen Wettbewerben mit dem kläglichen Aus in der Europa League als Tiefpunkt sowie der Mini-Krise in der Liga sollen die Bosse an der Säbener Strasse aber an Nagelsmanns Qualifikation für den Job beim Primus zweifeln lassen.

Soll heissen: Wenn der FC Bayern Nagelsmann gar nicht mehr will, hat der BVB urplötzlich doch Chancen auf eine Verpflichtung.

Nagelsmann ist flexibler als Bosz

Was Dortmund mit einem wie Nagelsmann bekommt, liegt auf der Hand: Wie Bosz verfolgt Nagelsmanns Spielidee einen frischen, offensiven, aktiven, mutigen Fussball.

Allerdings geht der 30-Jährige dieses Vorhaben anders an als Bosz. Der BVB spielt in dieser Saison Fussball an der Grenze, nach vorne teilweise atemberaubend, im Defensivverhalten katastrophal.

Die Balance zwischen Angriff und Abwehr war selbst in den fulminanten Spielen zu Saisonbeginn nicht gegeben.

Bosz hat bis zum Derby trotzdem stur sein 4-3-3-System mit allen daran haftenden Problemen durchgezogen und sich mit seiner Spielidee auch nicht wirklich den Stärken und Schwächen des Kaders angepasst.

Das wäre unter Nagelsmann ganz sicher anders. Der ist ein Verfechter höchster Flexibilität, lässt Hoffenheim in unterschiedlichen Grundordnungen und voll auf den Gegner abgestimmt ausgerichtet auflaufen.

Nagelsmann kann Ballbesitzfussball und Positionsspiel vermitteln, aber auch Pressing und Gegenpressing. Wie schnell seine Mannschaften lernen, zeigte er vor der Zeit bei den Profis auch schon in der Jugend in Hoffenheim.

Sein In-Game-Coaching ist besonders stark, seine aufbrausende Art an der Seitenlinie ein klarerer Gegenentwurf zum Stoiker Bosz.

Und er ist einer, der auch mit den Medien umzugehen weiss. Mal charmant und eloquent, inhaltlich fast immer zielführend ohne dabei belehrend zu wirken. Und wenn es sein muss, auch mal mit der nötigen Portion Aggressivität.

Nagelsmann bringt ein starkes Gesamtpaket mit, das in vielen Punkten an die letzten beiden erfolgreichen Dortmunder Trainer Tuchel und Jürgen Klopp erinnert.

Dortmund als Sprungbrett nach ganz oben

Für Nagelsmann selbst wäre der Schritt zur Nummer zwei der Liga vielleicht sogar schlauer als der direkte Weg zu den Bayern. In Dortmund ist die Erwartungshaltung auch hoch, der Druck enorm.

Aber trotzdem nicht vergleichbar mit München. In Dortmund fände Nagelsmann einen Kader mit vielen hungrigen, jungen Spielern vor, die noch formbar sind.

Die Bayern stehen erst vor diesem Umbruch in der Kaderstruktur, den der BVB längst angestossen hat.

Und Dortmund hat sich ja in jüngster Vergangenheit für eine Vielzahl an Spielern und Trainern als ideales Sprungbrett erwiesen, um dann den letzten grossen Schritt zu einem Weltklub zu gehen.