Joshua Kimmich ist mit 24 Jahren Führungsspieler beim FC Bayern und tritt auch verbal immer mehr so auf. Das ist kein Problem - solange die Leistung stimmt.

Steffen Meyer
Eine Kolumne
von Steffen Meyer, Freier Autor

Der FC Bayern befindet sich in der laufenden Saison mitten in einem personellen Umbruch. Dieser Umbruch betrifft nicht nur das Management, das mit dem Rückzug von Uli Hoeness und der bevorstehenden Ankunft von Oliver Kahn eine grössere Neustrukturierung vor sich hat. Auch der Profikader sortiert sich neu.

Der Anteil der goldenen Triple-Generation, die den Verein über Jahre prägte, wird immer geringer - zuletzt durch den Abgang von Arjen Robben und Franck Ribéry im Sommer. Im Schatten dieser Generation bildet sich ein neuer Kern heraus, der den FC Bayern ins nächste Jahrzehnt führen soll: Serge Gnabry, Niklas Süle, Alphonso Davies und vor allem einer, der schon so lange zum Stammpersonal gehört, dass man vergisst, dass er noch nicht mal 25 Jahre alt ist: Joshua Kimmich.

Kimmichs Entwicklung in München ist spektakulär und war bei seiner Verpflichtung so sicher nicht zu erwarten: vom kritisch beäugten Perspektivtransfer aus der zweiten Liga zum Stammspieler, zum Leistungsträger, zum erweiterten Führungsspielerkreis. Und das innerhalb von nur viereinhalb Jahren.

Aktuell ist Kimmich dabei, den nächsten Schritt zu machen. Der 24-Jährige stieg im Sommer als jüngster Spieler in den Mannschaftsrat auf. Schon zu Beginn der Saison fiel Kimmich mit deutlichen Interviewaussagen auf, als er bereits vor der grossen Krise unter Niko Kovac öffentlich die Spielweise der Mannschaft kritisierte. Eine grosse Klappe attestierten ihm schon damals manche, auch wenn ihm inhaltlich alle recht gaben.

Kimmich will "Gesicht des deutschen Fussballs werden"

Auf dem Feld ist Kimmich hyperaktiv. Torgefährlich, laufstark, keinen Zweikampf scheuend und mit klugen Ideen im Passspiel. Er fordert den Ball, er redet unheimlich viel mit Mit- und Gegenspielern. Er streitet sich mit Schiedsrichtern und schreit auch mal herum, wenn es nötig ist. Damit reisst er die Mannschaft mit. Zumindest in guten Momenten. Denn Kimmich wandelt natürlich auf einem schmalen Grat. Zuletzt lieferte er sich gegen Bremen für alle sichtbar ein Stirn-an-Stirn-Duell mit Jerome Boateng. Manche werteten das bereits als sichtbares Zeichen für die bevorstehende Wachablösung in der Bayern-Hierarchie. Fraglos hat Boateng inzwischen den Zenit seiner Leistungsfähigkeit überschritten. Doch er ist Champions-League-Sieger. Weltmeister. Kimmich ist das nicht. Er will da noch hin. "Natürlich würde ich gerne ein Gesicht des deutschen Fussballs werden", sagte Kimmich schon im Jahr 2018. Das unterstreicht seine Ansprüche.

In der Mannschaft scheint er mit seinen Aktionen zwar anzuecken, aber nach wie vor ein grosses Vertrauen zu geniessen. Das liegt vor allem an seinen Leistungen auf dem Feld. Das ist die wichtigste Basis für seinen Führungsspieler-Status. Darauf baut alles auf. Daraus schöpft er Akzeptanz für eine Rolle als Lautsprecher und Antreiber. Denn heutzutage führt man eine Mannschaft nicht mit Lautstärke, sondern vor allem mit vorbildlichen Leistungen.

Schwache Leistung gegen Freiburg als Warnschuss

Wichtig wäre dafür wohl, dass er über kurz oder lang eine feste Position findet. Gegen Bremen begann er am vergangenen Wochenende, wie meistens in dieser Saison, zentral. Gegen Freiburg am Mittwoch mal wieder rechts hinten. Beim glücklichen 3:1-Erfolg gegen die Breisgauer zählte Kimmich zu den schwächsten Akteuren. Ein ums andere Mal liess er sich von Christian Günter oder Vincenco Grifo überlaufen und liess gleich ein halbes Dutzend guter Chancen über seine Seite zu. Leistungen wie diese lassen deutliche Interviewaussagen oder die Szene mit Boateng natürlich sofort in einem anderen Licht erscheinen. So wird Kimmich angreifbar. Allerdings sind schwächere Leistungen wie gegen Freiburg bisher die Ausnahme.

Kimmich weiss, wo er hinwill: maximaler Erfolg, mit maximalem Einfluss. Das passt zum FC Bayern. Er hat vieles, um sein Team und auch die Nationalmannschaft auf Jahre zu prägen. Seine "grosse Klappe" sollte er sich dabei bewahren. Doch er darf niemals vergessen, dass es vor allem darauf ankommt, was dahinter steckt. Und das entscheidet sich vor allem durch seine Leistungen auf dem Feld. Kimmich weiss das. Er sei "von Haus aus einer, der gerne Verantwortung übernimmt", sagte er schon vor einiger Zeit der Süddeutschen Zeitung in einem Interview. Aber das funktioniere nur, "wenn die eigene Leistung konstant gut ist, sonst glaubt dir keiner ein Wort." Wahre Worte. Wenn er diese auch in Zukunft beherzigt, hat er alle Möglichkeiten, um in der Tat über lange Zeit ein prägendes Gesicht des deutschen Fussballs zu werden.

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