Das Thema Handspiel sorgt einmal mehr für Diskussion. Es gibt viel Aufregung, obwohl die Unparteiischen fast überall zumindest nachvollziehbare Entscheidungen treffen. Dabei spielen auch die Video-Assistenten eine gute Rolle.

Alex Feuerherdt
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Coach und freier Publizist

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Über keine andere Fussballregel gibt es so viele Diskussionen wie die über die zum Handspiel. Im Sommer wurde sie zwar überarbeitet, seitdem sieht sie deutlich anders aus als vorher, ist konkreter und greifbarer. Mit der Armhaltung steht nun ein Kriterium für die Strafbarkeit im Mittelpunkt, das besser messbar ist als die zuvor allein massgebliche Absicht.

Trotzdem existieren nach wie vor Grenzfälle und Graubereiche, auch das geänderte Regelwerk lässt einen Spielraum. Ausserdem sind Schiedsrichter auch nur Menschen und damit fehlbar. Am Wochenende gab es jedenfalls so viele Diskussionen über das Thema Handspiel, dass die sportliche Leitung der Elite-Referees sogar eine Erklärung dazu veröffentlicht hat.

Schiri Willenborg ändert Entscheidung auch nach VAR-Hinweis nicht

1. FSV Mainz 05 – 1. FC Köln (3:1): Nach 61 Minuten flankt Kingsley Schindler den Ball in den Strafraum der Gastgeber, dort prallt die Kugel gegen den linken Arm von Moussa Niakhaté. Schiedsrichter Frank Willenborg lässt weiterspielen, sein Video-Assistent (VAR) empfiehlt ihm daraufhin ein On-Field-Review.

Der Referee bleibt nur kurz am Monitor stehen, dann winkt er ab: Es gibt keinen Elfmeter für Köln. Die sportliche Leitung sieht das kritisch, sie hätte sich "gewünscht, dass der Schiedsrichter seine Entscheidung korrigiert und auf Strafstoss entscheidet". Das Handspiel sei strafbar, weil Niakhaté zum Ball orientiert gewesen sei und den Ball habe abwehren wollen.

"Der linke Arm ist beim Schuss vom Körper abgespreizt und vergrössert die Körperfläche", heisst es in der Erklärung weiter. "Er geht deutlich in die Flugbahn des Balles und bleibt dort auch in der abgespreizten Haltung." In der Tat spricht deutlich mehr für die Strafbarkeit des Handspiels, weshalb das Bestehen des Unparteiischen auf seiner Entscheidung verwundert.

Warum Hazards Handspiel für Brych nicht strafbar ist

FC Bayern München – Union Berlin (2:1): Das Handspiel des Münchners Ivan Perišić im eigenen Strafraum nach 57 Minuten erkennt Schiedsrichter Marco Fritz nicht. Deshalb bittet ihn der Video-Assistent zum Monitor an den Spielfeldrand. Dort sieht der Referee eine aktive Bewegung von Perišić mit der Hand zum Ball. Daher gibt es einen Strafstoss – korrekterweise, wie auch der DFB befindet.

FC Schalke 04 – Borussia Dortmund (0:0): Der Dortmunder Thorgan Hazard begeht kurz nach seiner Einwechslung im eigenen Strafraum ein Handspiel, als der Ball nach einem Eckstoss auf ihn zufliegt. Er nimmt den rechten Arm herunter, den er zunächst weit erhoben hatte, und trifft in dieser Bewegung den Ball, den der Schalker Rabbi Matondo zuvor noch geringfügig abgefälscht hat.

Aus Sicht der sportlichen Leitung der Unparteiischen ist Hazards Aktion ein Versuch, "den Arm aus dem 'Gefahrenbereich' herauszunehmen". Im Gegensatz zu Niakhaté und Perišić habe sich der Dortmunder nicht eindeutig zum Ball orientiert, um ihn abzuwehren, und seine Körperfläche nicht unnatürlich vergrössert.

So sieht es auch Referee Felix Brych, der deshalb weiterspielen lässt. Seine Entscheidung ist in jedem Fall vertretbar, weshalb der Video-Assistent richtigerweise nicht eingreift.

Amiri mit Glück und Geschick

Bayer 04 Leverkusen – Werder Bremen (2:2): Das wohl kniffligste Handspiel des Spieltags ereignet sich in der Nachspielzeit dieser Begegnung: Mit angezogenen Beinen rutscht der Leverkusener Nadiem Amiri im eigenen Strafraum einer Hereingabe von Benjamin Goller entgegen. Dabei kippt er zur Seite.

Mit dem linken Arm stützt er sich am Boden ab. Den rechten hat Amiri erst nahe am Körper, dann fährt er auch ihn in Richtung des Rasens aus. Der Ball prallt gegen den einen Arm und danach gegen den anderen. Schiedsrichter Martin Petersen entscheidet sich, das Handspiel nicht zu ahnden.

Für diesen Entschluss spricht, dass ein Handspiel laut Regelwerk nicht strafbar ist, wenn es mit dem Arm begangen wird, der zum Abstützen des Arms dient. Dagegen spricht, dass Amiri sich mit diesem Arm nicht bloss abgestützt, sondern seine Körperfläche vergrössert und mit dem anderen Arm ein Handspiel nicht vermieden hat.

Die sportliche Leitung der Schiedsrichter begrüsst Petersens Entscheidung gleichwohl, sie sieht keine bewusste Abwehraktion mit den Armen. Man muss diese Einschätzung nicht unbedingt teilen, aber es ist auch nicht eindeutig falsch, keinen Elfmeter zu geben. Dass der Video-Assistent sich bedeckt hält, ist deshalb richtig.

Amiri steht gleich zweimal im Mittelpunkt

20 Minuten zuvor hat er sich zu Recht eingemischt, als wiederum Amiri einen Treffer von Lucas Alario durch ein Handspiel indirekt vorbereitet hat. Zwar konnte Amiri für diesen Ballkontakt gar nichts, denn der Bremer Ömer Toprak schoss ihn regelrecht ab.

Doch das spielt keine Rolle: Ein Tor, bei dem in irgendeiner Form zuvor die Hand oder der Arm im Spiel war, darf laut Regelwerk unter keinen Umständen zählen. Selbst wenn dieses Handspiel noch so unabsichtlich und ungewollt geschehen ist.

Festhalten muss man, dass sich die Video-Assistenten in allen genannten Fällen richtig verhalten haben: Dort, wo die Schiedsrichter keinen offensichtlichen Fehler begangen haben, sind sie passiv geblieben; dort, wo die Unparteiischen klar danebenlagen oder keine Wahrnehmung hatten, sind sie tätig geworden.

Nur in Mainz hat diese Kooperation nicht so gut geklappt. Mit der Handspielregel bleibt es also zwar durchaus kompliziert. Aber – und das ist wichtig – dafür können die Schiedsrichter letztlich rein gar nichts. Sie sind dafür zuständig, die regeltechnischen Vorgaben bestmöglich umzusetzen.

Im Topspiel hat der Unparteiische alle Hände voll zu tun: Zwei Tore für den BVB werden wegen Abseits annulliert, dreimal gibt es keinen Elfmeter für Gladbach. Nur in einer Szene wäre eine andere Entscheidung besser gewesen.