Am 6. Juli 1960 begann die Endrunde der ersten Fussball-Europameisterschaft der Geschichte. Das Turnier in Frankreich war allerdings von Kontroversen überschattet. Grosse Verbände hatten kein Interesse an einer Teilnahme, die UEFA trat nicht einmal als offizieller Veranstalter auf - es waren nicht die einzigen Aufreger.

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Es ist an sich erstaunlich, dass es so lange dauerte, bis sich europäische Nationalteams erstmals in einem Kontinentalturnier gegenüberstanden. Die Idee für eine Fussball-Europameisterschaft geht zurück auf Henry Delaunay, der erstmals 1927 darüber sprach und damit auch seinen Sohn Pierre inspirierte. UEFA-Präsident Pierre Delaunay war es dann auch, der die Idee in die Realität umsetzte.

Vorgesehen war zunächst eine Qualifikationsrunde im Jahr 1959. Die besten Teams sollten anschliessend im Sommer 1960 an der Endrunde in Frankreich teilnehmen und den König Europas bestimmen. Allerdings stiess Delaunay in jener Zeit nicht nur auf Zuspruch. Grosse Verbände wie der DFB, der englische FA oder auch der italienische FIGC meldeten ihre Nationalteams für die Qualifikation erst gar nicht an.

"Zwischen den Weltmeisterschaften ist der Neuaufbau einer starken Nationalelf die erste Aufgabe. Da stört ein Europaturnier nur", sagte Deutschlands Nationaltrainer Sepp Herberger. Zum Stichtag der Anmeldung am 15. Februar 1958 waren zunächst nur 15 Verbände gemeldet, die Frist wurde deshalb noch einmal bis zum 4. Juni verlängert. Am Ende schickten 17 der damals 31 Verbände ihre Nationalteams ins Rennen.

Fussball-EM 1960: Das Achtelfinale dauert ein Jahr

Aufgrund des geringen Interesses von einigen Top-Nationen firmierte die Veranstaltung nicht als Europameisterschaft, sondern nur als "Europapokal der Nationen" und damit quasi als Pendant zum seit 1955 existierenden Europapokal der Vereinsmannschaften.

So kompliziert die äusseren Umstände waren, so unkompliziert gestaltete sich der Turniermodus. Aufgrund der ungeraden Zahl an gemeldeten Verbänden bestritten Irland und die Tschechoslowakei ein Ausscheidungsduell, das die Osteuropäer nach einem 4:0 im Rückspiel in Bratislava für sich entschieden. Anschliessend begann das Achtelfinale, was allerdings aufgrund des überschaubaren Interesses nur als Qualifikation bezeichnet wurde.

Diese Qualifikation erstreckte sich über ein Jahr, denn nach den Hinspielen im Herbst 1958 fanden die Rückspiele erst im Herbst 1959 statt. Positiv hervor stach die Sowjetunion, die Ungarn zweimal schlug. Spanien um die Einwanderer Alfredo Di Stéfano und László Kubala dominierte Polen, während Frankreich die Griechen deutlich in die Knie zwang. Anders als heute mussten sich die Franzosen für die Endrunde im eigenen Land noch qualifizieren. Die DDR, die anders als West-Deutschland teilnahm, unterlag Portugal.

Spaniens Diktator greift ein

Das darauffolgende Viertelfinale, das wieder vom Terminplan her weit auseinandergezogen war, sorgte dann für politische Schlagzeilen. Spanien und die Sowjetunion sollten sich um einen Platz in der Endrunde duellieren, aber Diktator Franco erlaubte der Mannschaft nicht, auf sowjetischem Boden zu spielen. Di Stéfano und seine Mitspieler standen bereits am Flughafen in Madrid, als drei Stunden vorm Abflug klar wurde, dass sie keine Reise antreten würden.

Di Stéfano soll immer wieder "Warum?" vor sich her gestammelt haben, denn dem alternden Star von Real Madrid wurde klar, dass ihm die letzte Chance auf einen Erfolg bei einem Nationalturnier verwehrt blieb. Der Befehl kam vom gefürchteten General und Innenminister Camilo Alonso Vega. Verbandspräsident Lafuente Chaos versuchte noch Franco umzustimmen, auch Delaunay intervenierte. Aber Franco blieb beharrlich, denn im Spanischen Bürgerkrieg in den Dreissigerjahren wurden die Gegner Francos mit Flugzeugen und Panzern von den Sowjets beliefert.

Ein Kompromissvorschlag, die Partien auf neutralem Boden auszutragen, lehnte wiederum Moskau ab. Die Sowjetunion gewann das Duell am grünen Tisch und reiste im Sommer nach Frankreich.

Die Gastgeber blieben allerdings sieglos. Zunächst verloren sie in einem denkwürdigen Spiel gegen Jugoslawien mit 4:5 und anschliessend mit 0:3 gegen die Tschechoslowakei im Spiel um Platz drei. Aus diesem Grund kamen auch nur knapp 18.000 Zuschauer zum Finale zwischen der Sowjetunion und Jugoslawien in den Parc des Princes, dass die Sbornaja in der Verlängerung für sich entschied.

Deutschland erlebt Demütigung

Vier Jahre später, bei der zweiten Auflage des Turniers, trafen sich die Sowjetunion und Spanien dann doch noch auf dem Rasen – ausgerechnet im Finale von Madrid vor 120.000 entfesselten spanischen Fans, die einen Sieg ihrer Mannschaft bejubeln durften.

Für West-Deutschland gab es anfangs keinen Grund zum Jubeln. Nach einer weiteren Absage im Vorfeld von 1964 versuchte die DFB-Auswahl erstmals vier Jahre später ihr Glück und scheiterte in der Qualifikation nach einem 0:0 gegen Albanien, der berühmten "Schmach von Tirana". Vier Jahre später jedoch dominierten die Deutschen mit der womöglich besten Nationalauswahl der DFB-Geschichte und triumphierten bei der nun offiziellen Europameisterschaft.

Die EM selbst gewann über die Jahrzehnte an Glanz und ist mittlerweile eine wichtige Konstante im Fussballkalender. Manche meinen sogar, dass aufgrund der Dichte an Top-Teams die Gruppenphase schwieriger als bei Weltmeisterschaften sei. Eigentlich wollte die UEFA in diesem Jahr das 60-jährige Jubiläum der EM feiern und erstmals ein Turnier über den gesamten Kontinent austragen.

Die Corona-Krise erzwang eine Verschiebung des Turniers, das nun vom 11. Juni bis 11. Juli 2021 über die Bühne gehen soll. Es ist nicht das erste Mal, dass bei einer EM nicht alles nach Plan verläuft.

Verwendete Quellen:

  • Der Spiegel: Als Spanien und Russland fast die EM sprengten
  • DFB.de: Schwere Anfangsjahre
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