• Zuletzt wurden Fussballspiele von Eintracht Frankfurt, Borussia Dortmund und vom 1. FC Köln von Krawallen und Ausschreitungen überschattet.
  • Ein Frankfurter Fan wurde beim Champions-League-Spiel in Marseille schwer verletzt, auch in England wurden zuletzt vermehrt Platzstürme und das Abbrennen von Pyrotechnik beobachtet.
  • Der Fanforscher Jonas Gabler spricht im Interview mit unserer Redaktion über Radikalisierungen in der Fussballfanszene, den Einfluss der Pandemie auf das Fanverhalten und die Sicherheit in den Stadien der Bundesliga.
Ein Interview

Jonas Gabler, zuletzt hat ein Interview in der "FAZ" mit dem Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte, Michael Gabriel, für viel Aufsehen gesorgt. Er hat von einer Häufung von Fangewalt und einer Häufung von Vorfällen mit hoher Intensität gesprochen. Sehen Sie es ähnlich?

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Jonas Gabler: Man muss das in einem längeren Kontext betrachten. Es erscheint mir im Moment noch ein bisschen zu früh, um nach dem Ende der Pandemie-Beschränkungen Schlüsse zu ziehen und schon von einer Zunahme sprechen zu können. In den letzten zehn Jahren konnte aber eine Radikalisierung der Fussballfanszene beobachtet werden.

Es gab Neugründungen von gewaltaffineren Ultra-Gruppen und sogar von Hooligan-Gruppen, was man in den 2000er-Jahren eigentlich nicht mehr gesehen hatte. Zuletzt hatten wir die Ausschreitungen beim Spiel des 1. FC Köln in Nizza, beim Spiel von Eintracht Frankfurt in Marseille und beim Dortmunder Spiel gegen den FC Kopenhagen. Dabei muss man allerdings beachten, dass zwei dieser drei Spiele in Frankreich stattfanden. Da sehe ich auch Versäumnisse bei der Organisation und im Verhalten der Sicherheits- und Ordnungsbehörden.

Jonas Gabler
Jonas Gabler ist Politikwissenschaftler, Publizist und Fanforscher.

Welche Rolle spielt die Pandemie?

Nach dem Ende der Pandemie-Beschränkungen in den Stadien kann man eine Art Nachholbedarf im Ausleben und Austoben beobachten.

Das muss sich nicht immer in Ausschreitungen und Gewalt äussern, sondern zeigt sich zum Beispiel auch in den Platzstürmen nach den Erfolgen zum Ende der letzten Saison oder im vermehrten Abbrennen von Pyrotechnik.

Das ausgelassenere, enthemmte Verhalten nicht nur von Ultra-Gruppen, sondern von vielen Fussballfans, ist vielleicht ein unmittelbarer Effekt nach der Pandemie. Das müssen wir erstmal weiter beobachten, vielleicht pendelt sich das auch von selbst wieder ein.

Radikalisierung in den vergangenen zehn Jahren: Das sind die Gründe

Sie haben eine Radikalisierung der Fanszene in den letzten zehn Jahren angesprochen. Was sind die Gründe dafür?

Meine Interpretation ist, dass es auch eine Reaktion darauf ist, wie zu Beginn der 2010er-Jahre über Fussball-Fankultur und speziell Ultra-Kultur berichtet wurde. Ultras standen sehr im Fokus der Medien, durch die Diskussionen um die Legalisierung des Abbrennens von Pyrotechnik wurde eine grosse Sicherheitsdebatte rund um den Fussball ausgelöst. Nachdem die Gespräche abgebrochen wurden, protestierten die Ultras, indem sie vermehrt Pyrotechnik abbrannten.

Die darauffolgende mediale Debatte erlebte ihren Höhepunkt rund um das Relegationsspiel 2012 zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC, bei dem es zu einem eher harmlosen Platzsturm, aber auch zu einem massiven Abbrennen von Pyrotechnik kam. Daraufhin gab es Diskussionen um neue Sicherheitskonzepte in den Stadien, auf die die Fans mit der Kampagne "12:12 – Ohne Stimme keine Stimmung" reagierten.

Was passierte dann?

Meine Interpretation ist, dass damals in den Medien ein Bild von Fankultur vermittelt wurde, das an die 1980er und 1990er anknüpfte und vermittelte, dass in den Stadien Action ist und Gewalt passiert. Eine junge Generation von Menschen könnte mit diesen Erwartungen in die Stadien und die Ultra-Gruppen gekommen sein. Die ältere Generation wurde zu Ultras, weil sie Fussballfans waren und mehr Stimmung machen wollten. Die jüngere Generation hatte die Erwartung, dass es Pyro, Action und Gewalt gibt, wenn sie zu Ultras werden.

Diese Erwartungen wurden in den Ultra-Gruppen teilweise nicht erfüllt, den etablierten Ultra-Gruppen ist es teilweise nicht gelungen, das aufzufangen und zu moderieren. Woraufhin es zu Abspaltungen gewaltaffinerer Gruppen und zur Neugründung von Hooligan-Gruppen kam. Ich glaube, dass die mediale Debatte der 2010er-Jahre dazu einen Beitrag geleistet hat.

Deutschland vs. Frankreich: Ist Fangewalt im Ausland grösseres Problem?

Sie haben vorhin bereits die Ausschreitungen vor dem Conference-League-Spiel des 1. FC Köln in Nizza und dem Champions-League-Spiel von Eintracht Frankfurt bei Olympique Marseille angesprochen. Ist das Problem in Frankreich grösser, ist die Fanszene dort gewalttätiger?

Zum Ende der letzten Saison gab es ähnliche Bilder aus Saint-Étienne, weshalb man schon den Eindruck gewinnen könnte, dass es dort enthemmter zugeht. Was sicherlich aber auch damit zu tun hat, dass die Polizei in Frankreich teilweise sehr hart durchgreift, dann aber auch wieder viel durchgehen lässt. Dieser Gegensatz ist dort viel krasser.

Ich würde auf jeden Fall sagen, dass die Abstimmung zwischen Verein, Polizei und Ordnungsbehörden in Nizza und Marseille nicht sonderlich gut funktioniert hat. Dass die Nizza-Fans sich frei im Stadion bewegen und in die Nähe des Gästeblocks kommen konnten, hätte verhindert werden können, wenn man sich im Stadion besser aufgestellt und für Fantrennung gesorgt hätte. Ich will nicht sagen, dass so etwas grundsätzlich nicht auch in Deutschland passieren kann. Aber solche organisatorischen Versäumnisse habe ich in Deutschland zumindest noch nicht so häufig gesehen.

In Nizza waren nur etwa 50 von 8.000 FC-Fans an den Ausschreitungen beteiligt, in Marseille zeigten zwei Frankfurt-Fans den Hitlergruss. Der grosse Teil der Fans verhielt sich korrekt. In diesem Zusammenhang wird immer wieder über Selbstreinigungsprozesse in den Fankurven gesprochen. Kann das funktionieren?

Die Identifizierung der Täterinnen und Täter ist natürlich das Wichtigste, damit man sie im Idealfall mit Strafen belegen kann. Jenseits der strafrechtlichen Massnahmen entfaltet tatsächlich eine Selbstregulation in der Fanszene die grösste Wirkung. Pauschal auf eine ganze Fanszene oder eine Gruppierung Druck auszuüben, weil einige wenige Leute sich Fehlverhalten zu Schulde kommen lassen, hilft hingegen wenig.

Differenziert vorzugehen und im Dialog zu bleiben, ist wichtig. Kritische Diskussionen innerhalb der Fanszene finden eher statt, wenn es von aussen keinen Druck gibt. Pauschale Strafen führen eher zu einer Solidarisierung und behindern Selbstregulierungsprozesse. Trotzdem gibt es keine Garantie, dass das funktioniert. Es handelt sich um eine Subkultur, die auch für mich nicht zu einhundert Prozent durchschaubar ist.

Experte über Fangewalt: "England ist ein spannender Fall"

Auch in England gab es zuletzt vermehrt Platzstürme, die Strafen für das Benutzen von Pyrotechnik, Diskriminierung und Drogenmissbrauch wurden vom englischen Fussballverband FA deutlich verschärft. Sind die Probleme in England mit denen in Deutschland vergleichbar?

England ist ein spannender Fall. Denn in England dachte man, dass man das Problem Anfang der 1990er-Jahre mit der Abschaffung der Stehplätze völlig in den Griff bekommen hätte. Offensichtlich funktioniert das aber doch nicht. Auch Pyrotechnik war in England jahrzehntelang kein Thema. Das ist spannend, weil sich Fans aus Kontinentaleuropa eigentlich immer Sachen aus England abgeschaut haben, aber hier ist es andersrum gelaufen.

Auch in England spielt die Enthemmung nach dem Wegfall der Pandemie-Beschränkungen eine Rolle, das Phänomen können wir überall in Europa beobachten. Das ist eine der gesellschaftlichen Herausforderungen, mit denen wir jetzt in dieser Zeit zu tun haben, in der die Pandemie in den Hintergrund rückt und zumindest die Beschränkungen aufgehoben werden.

Rechnen Sie damit, dass die Fangewalt in Zukunft weiter zunehmen könnte?

Es könnte passieren, genauso gut aber auch nicht. Ich möchte mich an solchen Spekulationen nicht beteiligen. Seit ich mich mit dem Thema auseinandersetze, gab es immer Wellenbewegungen, was die Thematisierung von Fangewalt in den Medien angeht. Ob das mit einer tatsächlichen Zu- oder Abnahme von Gewalt einhergeht, lässt sich nicht sagen.

Es gibt keine verlässlichen Zahlen dazu. Wir haben nur die Polizeiliche Kriminalstatistik, die die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze jedes Jahr herausgibt. Aber das sind keine hundertprozentig validen Zahlen, weil sie auf polizeilichen Erhebungen basieren. Hier haben wir die Frage von Dunkelfeld und Hellfeld oder Verschiebungen durch grössere polizeiliche Präsenz oder bessere Überwachungstechniken. Auch ein verändertes Anzeige- oder Meldeverhalten könnte eine Rolle spielen.

Wenn man den persönlichen Schilderungen von Menschen glauben kann, die den Fussball seit 20 oder 30 Jahren begleiten, war es in den 1980er- und 1990er-Jahren aber schlimmer als in den 2000er- und 2010er-Jahren.

Ist der Besuch eines Bundesligaspiels gefährlich?

Die Gefahr, auf dem Weg zum Fussballstadion in einen Verkehrsunfall verwickelt zu werden und sich dabei schwer zu verletzen oder das Leben zu verlieren, ist sehr viel höher, als die Gefahr, dass einem im Stadion etwas passiert. Insbesondere, wenn man als ganz normale Besucherin oder Besucher hingeht. Dann verhält man sich normalerweise auch etwas vorsichtiger. Aber das ist natürlich keine Garantie.

Der Frankfurt-Fan, der in Marseille schwer verletzt wurde, hat sich sehr vorsichtig verhalten. Insgesamt ist die Sicherheit in den Stadien aber so hoch, dass man sich eher Sorgen über den An- und Abreiseweg machen sollte.

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Über den Experten:
Jonas Gabler ist Politikwissenschaftler, Publizist und Fanforscher. Er veröffentlichte 2010 das Buch "Die Ultras - Fussballfans und Fussballkulturen in Deutschland" und ist Geschäftsführer der KoFaS gGmbH, der "Kompetenzgruppe Fankulturen & Sport bezogene Soziale Arbeit" in Berlin.
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